Von Stanley Clark, London

Die englischen Gewerkschaften sind sich ihrer augenblicklichen Macht bewußt. Sie werden sich aber auch in wachsendem Maße darüber klar, laß ihnen schwere Kämpfe bevorstehen, denn Konzessionen, die sich heute leicht erwirken lassen, werden möglicherweise in der Zukunft nicht, so einfach zu erreichen sein. Die Gewerkschaftsbewegung ist daher übereingekommen, die Idee einer "Stromlinien-Organisation" – einer Gleichschaltung also – einer Prüfung zu unterziehen.

Der Gewerkschaftskongreß (T.U.C.), die Zentralorganisation für die meisten englischen Gewerkschaften – es gibt immer noch einige, die ihr nicht angeschlossen sind – hat einen langen Bericht herausgegeben, der von den 6 500 000 Mitgliedern der 189 Gewerkschaften, die ihm angehören, untersucht und besprochen werden soll. Der Gedanke, der diesem Bericht zugrundeliegt, ist, die Kräfte der Arbeiter in den Schlüsselindustrien zusammenzufassen, damit sie fragen der Löhne und der Arbeitsbedingungen besser und wirksamer mit den Arbeitgeberorganisationen oder der Regierung selbst verhandeln können. "Die Gewerkschaftsbewegung kann nicht bei ihrer Vorkriegsauffassung über die Frage der Organisation verbleiben, wenn sie gedeihen und ihre ideologischen und praktischen Funktionen wirksam erfüllen will", meint der Bericht und drückt damit die Meinung des Organisations-Ausschusses des T.U.C. aus, wie sie sich nach 33 Konferenzen mit den Gewerkchaftsvertretern von 30 Industrien herausgebildet hat,

Die Gewerkschaftsführer werden hundertprozentig für die vorgeschlagene-Reorganisation sein, die eine Herabsetzung in der Zahl der Gewerkschaften vorsieht. jahrelang haben die Führer derenigen Gewerkschaften, die den stärksten Einfluß haben, für das Ideal der großen Gewerkschaft gekämpft, in der Erkenntnis, daß eine Vielzahl von Gewerkschaften der gleichen Industrie bei jeder einzelnen die Fähigkeit schwächen muß, ihren Arbeitern Vorteile zu verschaffen. Selbst die Führer jener Gewerkschaften, die möglicherweise bei einer solchen Gelegenheit ihre Selbständigkeit aufgeben mußten, waren nicht ohne weiteres einer Änderung abgeneigt, denn sie bauten darauf, daß man sie in der neuen, erweiterten Organisation, die für eine solche größere Körperschaft vonnöten wäre, nicht vergessen würde.

Immerhin sind nicht alle Industrien für eine Reorganisation vorgesehen. Die National Union of Mineworkers beispielsweise hat eine derartig überragende Stellung in der Grubenindustrie, daß es tatsächlich nicht notwendig ist, die übrigen kleinen Gewerkschaften dieses Industriezweiges, in Betracht zu ziehen. Der Gewerkschaftskongreß hat zunächst folgende Industriezweige vorgemerkt: Bauwirtschaft, Eisen und Stahl ‚Baumwolle, Wollspinnereien und Eisenbahnen. Wenn die Vorschläge des Berichtes angenommen werden, dürften die verschiedenen Gewerkschaften, die im Baugewerbe eine halbe Million. Arbeiter vertreten, bald nur noch eine einzige Organisation sein. Für die Eisen- und Stahlindustrie wurde vorgeschlagen, die Iron and Steel Trades Federation und die National Union of Blast Furnacemen zu verbinden. In der großen Baumwoll-Textilindustrie gibt es bereits sechs Hauptverbände. Es wurde vorgeschlagen, aus ihnen eine koordinierte Vereinigung und daraus später zwei Verbände zu bilden. In der Woll-Textilindustrie bestehen augenblicklich 21 Organisationen. Wie der Bericht vorschlägt, sollen hier zwei große Verbände entstehen – einer für Facharbeiter, der andere für angelernte Arbeiter. Endlich wurde vorgeschlagen, die verschiedenen Gewerkschaften, die die Eisenbahner vertreten, in einer großen Vereinigung zusammenzuschließen.

Diese neuen großen Gewerkschaften, die viele Millionen Schlüsselarbeiten des Landes umfassen, sollen, werden neben die riesige Transport und General Worker’s Union – die Schöpfung Ernest Bevins, die jetzt über eine Million Mitglieder hat,– und die General and Municipal Workers, die jetzt 750 000 Mitglieder zählen, treten. Sie werden gemeinsam für sich in Anspruch nehmen können, das Gros der organisierten Arbeitskräfte in England zu enthalten.

Millionen, aber sehen diesem Wachstum der großen Gewerkschaften mit Besorgnis – zu. Selbst heute, wo das Gewerkschaftswesen in England stärker ist als je zuvor, machen die Gewerkschaftsmitglieder unter den Arbeitern des Landes nicht mehr als 33 v. H. der arbeitenden Bevölkerung aus. Es gibt viele, die die gegenwärtige Organisation des Gewerkschaftskongresses als unbefriedigend ansehen und die finden, daß es seinem Vorstand an Führergewalt mangele, da er immer auf die langsame Beschlußfassung bei den großen Gewerkschaften Rücksicht nehmen müsse. Und noch größer ist die Zahl derer, die glauben, es wäre bei weitem besser, die alten Fachgewerkschaften wieder aufleben zu lassen, von denen es im Jahre 1943 nicht weniger als 829 gab.