Die Kirche hat bereits eigene Flüchtlingshelfer geworben, die als Mittler von Mensch zu Mensch tätig sind. Deren gibt es in Westfalen, wie einer von ihnen mitteilte, schon rund 200, und sie haben sich durchaus bewährt. Die Kirche war es, die in Bayern eine Art von weiblichen Arbeitsdienst einrichtete; eine Gründung, die man trotz mancher äußerlicher Ähnlichkeit mit den Arbeitsdienstlagern früheren Stils angesichts dieser Gründerin nicht nazistischer Methoden wird beschuldigen können. Die Kirche plädiert dafür, Friedensrichter zu bestellen, denen Streitigkeiten und Zerwürfnisse zwischen Einheimischen und Flüchtlingen zur Schlichtung vorgetragen werden könnten, und ein Gast aus Heidelberg teilte mit, daß dort die Einrichtung eines solchen Amtes schon heute Gutes stifte. Die Kirche will Kindergärten einrichten, um alleinstehende Mütter zu entlasten, die ihr Brot durch ihrer Hände Arbeit verdienen müssen. Sie will für Erholungsheime zum Besten kranker Kinder und will für Jugendheime sorgen, in denen heimatlose Jungen und Mädchen untergebracht, geschult und erzogen werden: Angehörige einer Generation, die, wie nie eine es je in Deutschland war, gefährdet ist. Die Kirche will Altersheime gründen, auch Herbergen ein Gegenstück zur früheren „Herberge zur Heimat“; sie will nicht zuletzt den heimkehrenden Kriegsgefangenen Hilfe leisten; sie will den Gedanken der Selbsthilfe unter den Flüchtlingen fördern, indem sie Handwerk und Heimarbeit unterstützt. Und da die Pläne insgesamt so ins Detail gehen, daß in Hermannsburg sogar die Einrichtung von Nähstuben und Waschküchen inmitten grundsätzlicher Debatten erörtert wurde, fanden die anfangs allzu theoretisch erscheinenden Gespräche doch schließlich ein ebenso imponierendes praktisches Gegengewicht. Und Oberkonsistorialrat Dr. Gerstenmaier, ein Mann von geradezu wuchtiger Beredsamkeit, der zuerst das Wort von der christlichen Seel- und Leibsorge aussprach, war auch der erste, der – durchaus konsequent darin, daß er es nicht liebte, „die Flüchtlinge in der Sphäre des Mitleids zu sehen“ – die Neuordnung der Besitzverhältnisse forderte. Sprach er aus höherer Einsicht davon, daß „die Flüchtlinge in signifikanter Weise deutlich machen, was früher oder später das Schicksal der Deutschen allgemein ist“, und nannte er die Flüchtlingsfrage, generell gesehen, „einen massiven Stoß gegen die alte Gesellschaftsordnung“, so sagte er zugleich: „Wir sind, nicht nur gehalten, gut zu denken und gut zu formulieren, sondern etwas zu tun. Denn die Erkenntnis mag bitter sein – so ist sie doch wahr: Das Ende des Nominalismus kommt nach Gottes Willen im Flüchtlingsschicksal über uns.“ Sprach es mit der Wucht prophetischer Warnung und fügte wenig später einen geradezu hausväterlichen Rat an die Frauen der Einheimischen in den christlichen Gemeinden, hinzu: „Erstens, ladet die Flüchtlingsfrauen zum Kaffee ein! Zweitens, leiht ihnen ein Ofenrohr! Drittens, laßt sie in der Kirche neben euch sitzen!“

Das im Augenblick materiell größte Werk eines helfenden, eines buchstäblichen Aufbaus – Dr. Freudenberg hat es erwähnt: die Entstehung einer durch das evangelische Hilfswerk finanzierten Siedlung in dem Vorort Vilbel bei Frankfurt am Main: dies freilich das Beispiel einer entscheidenden Lösung geeignet, den Heimatlosen nicht nur ein Obdach, sondern Heimat zu geben und vielen Verzweifelten Ruhe zu schenken, die, wie der ostpreußische Bauer in Hermannsburg es offenbar getan, sich schließlich in den Gedanken verbeißen, die müßten Flüchtlinge bleiben, damit sie nach Rückkehr und nach der alten Heimat rufen könnten, auf daß nach all der Not und Sehnsuchtsie selbst vielleicht eines Tages von der Heimat gerufen würden.

Sollen so die Hoffnungen irregeleitet bleiben? Es sind nicht nur die Skeptiker, die diese Frage stellen, sondern offensichtlich auch die Realisten.

Dr. Freudenberg, ein Pfarrer, der im Auftrag der Kirche 1939 ins Ausland ging, um schließlich von Genf aus im Rahmen der ökumenischen Hilfsorganisationen. vor allem mit jüdischen Christen in Deutschland, Polen. Frankreich und Ungarn Verbindungzu halten, die in Not gerieten und dann in jene höchste Gefahr, aus der die wenigsten gerettet werden konnten – er hat den Anfang derMassenvertreibung beobachten können, jenen Beginn der großen Leidenszüge von Vertriebenen, wie sie dann zum europäischen Schicksal unserer Tage wurden. Damals wie es das nazistische System, das die große Schuld auf die Deutschen lud; heute leiden dreizehneinhalb Millionen deutscher und deutschsprachiger Menschen unter ähnlicher, wenn auch oft nicht gar so deutlicher Qual (denn jene erwartete der sichere Tod, diese ein langsames Siechtum). War jenes ein Verbrechen, so ist auch dies, was an den Deutschen geschah, Schuld, diesmal Schuld der anderen. Und Dr. Freudenberg ließ daran keinen Zweifel, daß man den Mut, den Mut des Christen, haben müsse, es deutlich auszusprechen.

Das Kernproblem aber hat D. Dr. Lilje. der Landesbischof, bei der Tagung in Hermannsburg am meisten deutlich gemacht und dies aus tiefer christlicher Einsicht sowohl wie mit Hinweisen, wie christliche Haltung sich zu bewähren habe. Ein großer Redner von glänzender Eloquenz die sowohl den pastoralen Predigerton als die Versuchung allzu abstrakten Formalismus meidet. Und dies war sein Verdienst: gezeigt zu haben, daß geistesgeschichtliche Zusammenhänge auch im Problem der Flüchtlinge und Vertriebenen wirksamsind. Am Ende desbürgerlichen Zeitalters steht die Verfassung. Es ist zugleich das Endeeiner Haltung, die nach dem strebte, was Jacob Burchhard. der Weise, der so vieles vorausgesehen, die Sekurität, die irdische Sicherheit des einzelnen nannte, wie denn ja auch nach Kierkegaards Wort der „Bürger satt, und zufrieden nur im Endlichen“ lebte. Nun aber hat die Deportation ganzerVölker, dieser Dasein, Vorgang, nun hat das Leben im Exil, ein Dasein, an das nach Jahrhunderten, ja Jahrtausenden, niemand mehr glauben wollte, Gestalt in unsere Gegenwart angenommen. Zeitwende – dies ist die exemplarische Bedeutung des Flüchtlingsschicksals. Und die Forderung für den heutigen Menschen?Es ist eine Forderung, die der Christ versteht, wenn er Luthers Formel aus dem Jahre 1530 begreift. „Der Glaube muß lernen, auf dem Nichts zu stehen!“ Dann gibt es nichts Fremderes für ihn als die Frage nach Weltflucht, nach dem Apostelsatz Weltflucht? Es ist nicht Weltflucht, nach dem Apostelsatz zu leben: „Haben; als hätten sie nicht.“ Die Forderung also heißt, das Flüchtlingsschicksal zu bebejahen, es ist das Ja zum Pilgrimsstand; eine Welterkenntnis, die im Alltag wiederum nur Hilfe und Brüderlichkeit bedeutet und hohen Mut zur Menschlichkeit. Denn so unentbehrlich Organisationen sind, sie können niemals die Akte fundamentaler Measchlichkeit ersetzen. Die Kirche aber hat um so mehr die Aufgabe, geistige Heimat der Vertriebenen und Heimatlosen zu sein.

Aber ist es denn wirklich so, daß solche Lehre, wie sie der Bischof als völlig unpathetische Mahnung aussprach. nicht nur für einzelne ein guter Weg sei, sondern ganz allgemein der einzige, der entscheidende Weg, aus dem Chaos dieser Tage,aus der Trichterkluft des Nichts, herauszukommen? Ich bin durch die Straßen von Hermannsburggegangen,durch leere Sonntagsstraßen – denn die Leute waren alle in der Kirche – und sosehr ich nachzudenken suchte: ich hab’s nicht finden, nicht prüfen können. Aber jene Verse des alten Kirchenliedes aus lutherischem Geiste,die der Bischof zitiert hatte, klangen doch tröstlich nach.

Daß nicht vergessen werde, was man so leicht vergißt,das diese arme Erde nicht unsere Heimat ist...