Von Jan Molitor

Bevollmächtigte des Hilfswerkes der evangelischen Kirche, zugleich Vertreter aller Landeskirchenregierungeu der vier deutschen Zonen, haben auf einer Tagung in Eisenach eine Entschließung angenommen, die das Flüchtlingsproblem in den Mittelpunkt der kirchlichen Fürsorge stellt. Danach soll die Beteiligung an Hilfswerk zur Amtspflicht jedes Geistlichen erhoben werden. Das Memorandum enthält außerdem eine Reihe praktischer Vorschläge, wie die kirchliche Fürsorge zu organisieren und ihre Initiative zu steigern sei. – De Not der Flüchtlinge gab auch das Thema der Gespräche ab, die auf der Evangelischen Akademie zu Hermanisburg im Rahmen einer Tagung von Angehörigen der Kirche und Vertretern der staatlichen sowie kirchlichen Flüchtlingsfürsorge geführt wurden. Hier trat als wesentliche Erkenntnis der Satz zutage, daß sich am Flüchtlings-Problem entscheiden werde, ob die Kirchen noch einmal berufen seien, dem Denken und Handeln der Gegenwart Inhalt und Richtmaß zu geben. Ist die große Stunde der Kirche gekommen? – In Hermannsburg wurde diese Frage aus seelsorgischer Verantwortung gestellt und mit aller Entschiedenheit bejaht.

plötzlich, mitten in einer theologischen Debatte, die in leeres Theoretisieren abzugleiten drohte, meldete sich ein Bauer zu Wort, ein Bauer aus Ostpreußen: mittelgroße, hagere Gestalt, ein Gesicht ... nur. ja, gebleichtes Leder über einen Schädel gespannt. Gewiß, er respektierte die Klugheit der geistlichen und weltlichen Herren in höheren und hoher. Stellungen: er machte seine Verbeugung vor der Gelehrsamkeit der Theologie, er meinte: "Wer das kann, der soll das machen!" Er bildete, sich nach den drei amerikanischen Gästen um, den Sendboten der Nächstenliebe, aus kirchlichen Kreisen Amerikas, die obwohl Naturen von mehr praktischer als theoretisierender Haltung, der ins allzu Geistige sich verflüchtigenden Debatte mit Anteilnahme folgten, und dann sagte der Bauer aus Ostpreußen, daß das Flüchtlingsproblem, um das sich die Gespräche auf der Evangelischen Akademie in Hermannsburg nun schon-seit zwei Tagen drehten, und gar nicht zu lösen sei. Er meinte nämlich daß Flüchtlinge nun einmal Flüchtlinge bleiben müßten und Vertriebene müßten Vertriebene bleiben – um der Heimkehr willen: in all ihres-, unendlichen Sorgen, in all ihrem unauflösbaren Elend ein lebendiger Anspruch auf deutsche Gebiete, ohne die weder sie noch Deutschland leben können ... Er hatte gerade zuvor gehört, daß auf den Flüchtlingsstand – theologisch gesehen – der Segen Gottes ruhe, und drückte in seinem breiten Orfpreußischen Akzent – wobei der Abglanz eines Lächelns seine zerknitterten Augenwinkel kräuselte und ein Hauch von Humor in seiner Stimme aufkam der sich der Versammlung unverzüglich mitteilte – sehr deutlich aus, daß die Flüchtlinge bereit seien, den Einheimischen von diesem ihrem Segen ein wenig abzugeben. Und dann sprach er diesem Kreis, in dem das Wort "Seele" so geläufig verwendet wurde – auch er, der ostpreußische Bauer also, sprach von der Seele: "Wir Flüchtlinge sind umhergelaufen und sollten, fremd im Lande, die niedersächsische Seele suchen. Wir fanden die Menschen stumm und kalt ... bis wir sie endlich doch gefunden haben, die niedersächsische Seele’" Der Bauer, der weder einen Pflug hat noch einen Acker, den er pflügen könnte, wandte, während er sich niedersetzte, den Blick zum Fenster.

Draußen war ein freier Platz: die Auffahrt zum Gebäude der Evangelischen Akademie, und ringsum war ein behäbig breites Dorf von rund 6000 Einwohnern, die Flüchtlinge eingerechnet; ein Dorf, dem eigentlich nur ein Marktplatz, ein Mittelpunkt fehlt, um Stadt zu sein. Dieses Dorf, eine halbe Autostunde, aber viele Kleinbahnstationen von Celle entfernt, heißt Hermannsburg und hat – sowenig es sich äußerlich von anderen großen Dorfsiedlungen Niedersachsens unterscheidet – um seines Geistes willen Töchterdörfer weit in der Welt, in Afrika und Amerika, hervorgebracht. Was für ein seltsames Dorf!