Hamburg hat das Glück, daß es in seinem Museum für Kunst und Gewerbe einige erstrangige Werke antiker Kleinkunst, zumal aus der klassischen Zeit des fünften Jahrhunderts, aufbewahrt, die augenblicklich in erlesener Auswahl gezeigt werden. Die ausgestellten Werke entstanden in einem Zeitraum von ungefähr dreitausend Jahren; sie reichen von Vorgriechischem, Minoisch-Mykenischem bis zu Spätantikem. Dennoch wird auch hier wieder die innere Einheit des Altertums offenbar; selbst dem Ungeschulten zeigt sich, daß es sich um Schöpfungen eines Kulturkreises handelt, dessen Mittel- und Höhepunkt das Griechentum bezeichnet. Wie schön die rotfigurige Schale eines leierspielenden Knaben oder ein buntfarbiges Salbgefäß mit der Darstellung einer Grabschmückung oder eine Amphore mit dem Bilde des Gottes Hermes. Selbst diese verhältnismäßig kleinen Erzeugnisse der Töpferei offenbaren den großen Stil der-Zeit, die Hoheit des klassischen Menschenbildes. Kleinbronzen. sowohl griechischer wie etruskisch-italischer Herkunft, zeigen dem, dessen Blick dafür offen ist, nicht weniger als die großen Statuen das Wesen dieser griechischen Form, deren echte innere Monumentalität uns immer wieder ergreift. Schon zu Beginn des ersten vorchristlichen Jahrtausends tritt diese Monumentalität hervor, so vor allem in den strengen Bildungen geometrischer Vasen, und selbst spätantiken Schöpfungen geht sie nicht verloren. Sie paart sich in Terrakottafiguren des Hellenismus mit der ganzen Anmut, die dem antiken Rokoko zu eigen war, und schimmert noch deutlich durch in Erzeugnissen aus den Randgebieten der antiken Kultur. Was Form, was Stil ist. hat sich von jeher besonders klar in Werken der Antike zeigen und lernen lassen – hier liegt ein Geheimnis der dauernden, Wirksamkeit des Altertums.

Natürlich kann die Hamburger Sammlung nicht wetteifern mit den berühmten Sammlungen der großen Antikenmuseen. Aber der Kenner weiß, daß beispielsweise durch eine glückliche Fügung kein einziges außeritalienisches Museum eine so vollständige Sammlung älteritalischer Keramik aufzuweisen hat. Leider hat es jedoch den Anschein. als wenn die Hamburger selbst den Wert ihrer Antikensammlung nicht recht zu schätzen wissen, wie denn überhaupt das Museum für Karat und Gewerbe im Bewußtsein der Allgemeinheit im Schatten der berühmteren Schwester, der Kunsthalle. steht. Und doch ist dieses Museum das einzige in Deutschland, welches das Kunstgewerbe aller Zeiten und Völker sammelt und eine sehr bedeutende Kollektion ostasiatischer Kunstwerke, die älteste in Deutschland, besitzt. Demnächst will der neue Direktor, Dr. Erich Meyer, der sein Amt erst vor ganz kurzer Zeit übernahm, Ausstellungen ostasiatischer Kunst-und mittelalterlicher Goldschmiedearbeiten vorbereiten. Sie werden nicht weniger deutlich zeigen, was Hamburg in seinem Museum für Kunst und Gewerbebesitzt, das, von dem Hamburger Bürger Brinckmann gegründet, ohne den sonst üblichen Grundstock aus fürstlichen Schatzkammern fast aus dem Nichts erwuchs und ein Denkmal wahrhaft demokratischer Kulturpflege geworden ist. Wir wollen hoffen, daß seine vom Krieg unversehrten Räume, die eben noch größtenteils ganz anderen Zwecken diesen, bald wieder die große Fülle aller jener Werke aufnehmen werden, für die das Museum errichtet wurde. Uns scheint, die Öffentlichkeit hat ein Recht zu fordern, daß eines der wenigen erhaltenen Museen Deutschlands endlich wieder Museum sein darf. P. H. v. Blankenhagen