Daß in den Städten München-Gladbach-Rheydt der Theaterleiter Fritz Kranz und der Städtische Musikdirektor Romanus Hubertus von der Verantwortung für die Aufgabe einer aktiven Kulturpflege durchdrungen sind – dafür gab eine Woche moderner Kunst beredtes Zeugnis. Im Sinfoniekonzert am Beginn der Woche gab es die in fast allen Musikstädten zur Aufführung vorgesehenen „Metamorphosen über Webersche Themen“ von Paul Hindemith und damit einen bezeichnenden Publikumserfolg, wie er diesem auch ein großes Auditorium ansprechenden Gelegenheits-Opus bisher überall beschieden war. Rudi Stephans „Musik für Orchester“ bezeichnete an diesem Abend das Musterbeispiel beginnender deutscher Musikmoderne in einer klanglich ausgewogenen Wiedergäbe, die die Qualitäten des Städtischen Orchesters und seines Dirigenten nachdrücklich verspüren ließ. Große Wirkung ging auch vom Klavierkonzert Maurice Ravels aus, dessen Vermittlung durch die französische Pianistin Reine Gianoli ein Erlebnis besonderer Art war. Im zweiten Konzert holten sich der Kölner Kammerchor und sein Leiter Dr. H. J. Dahmen, ein feinfühlender Musiker, mit Ernst Peppings strengen Choralsätzen, Hermann Reutters eindrucksvollen Bettler-Liedern, überraschend; empfindsamen Volksliedern in Bearbeitungen Arnold Schönbergs, und schließlich mit einem Chorzyklus auf Gryphius-Gedichte von Heinrich Sutermeister einen verdienten großen Erfolg. Einen Teil des Konzertes bestritt die junge Sopranistin Ursula Sibylla Fuchs, die von vier Holzbläsern assistiert, ein reizvolles Pastorale von Strawinsky, drei frühe Hölderlin-Hymnen Hermann Reutters mit der Begleitung des Städtischen Streichquartetts und am Klavier von Marieluise Streichquartetts feinsinnig unterstützt, die italienisch gefärbten Michelangelo-Sonette von Benjamin Britten und zwei ungarische Volkslieder Béla Bartóks gewinnreich vortrug. Die musikalischen Ereignisse der Woche wurden beschlossen durch einen Theaterabend, der mit Carl Orffs Oper ‚Die Kluge“ und Werner Egks „Joan von Zarissa“ auch die dramatisch-tänzerische Darstellungskunst miteinbezog. Hier mußten allerdings die Erwartungen, die sich auf eine den komödiantischen Geist des einen und die choreographische Geschlossenheit des anderen Werkes erfüllende Interpretation richteten, um einiges zurückgesteckt werden.

Allgemein wird man gewiß im Zuviel an Kunstwochen- Veranstaltungen in Deutschland ein bedenkliches Zeitsymptom erkennen können. Wird man aber wie hier ein Streben von so lebendigem Ausdruck gewahr, das so wagemutig die Strömungen der Gegenwartskunst zu fassen und gegeneinander abzustimmen sucht, wird man ihm sicher zustimmen wollen, zumal die Woche, im äußeren Bild mit vielne auswärtigen Gästen auch die heimische Bevölkerung in überraschend großer Zahl zu sehr lebhafter Anteilnahme versammelte. Ein Niemandsland am linken Rheinufer hat sich damit wieder stark in den geistigen Blutkreislauf westlicher Kunstpflege eingefügt. Hans Georg Fellmann