Fablo Picasso hat seine Ideen über die Malerei nur gesprächsweise formuliert. Zwei dieser Gespräche wurden von Beteiligten festgehalten. Marius de Zayas veröffentlichte mit Billigung Picassos – ein 1923 geführtes Gespräch in der amerikanischen Zeitschrift „The Arts“. Die Überlieferung des zweiten Gesprächs ist Christian Zeryos zu danken, der es 1935 in der französischen Zeischrift „Cahiers d’Art“ mitteilt. Eine englische, 1937 in der Londoner Zeitschrift „The painters object“ erschieneue Übersetzung findet sich in der letzten großen Veröffentlichung über den Künstler von A. H. Barr: „Picasso. Fifty years of Iris art“ die 1946 in New York herauskam. Der hier abgedruckten Auswahl liegen der Nachdruck aus „The Arts“ 1923 im Buche Barr’s und der Text aus den „Cahiers d’Art“ 1935 zugrunde.

Man spricht von Naturalismus und denkt dabei an den Gegensatz zur modernen Malerei. Ich möchte gern wissen, ob je ein Mensch ein natürliches Kunstwerk gesehen; hat. Natur und Kunst sind zwei verschiedene Dinge; sie können nicht das gleiche sein. Durch, die Kunst drücken wir unsere Auffassung von dem aus, was die Natur nicht ist. (1923)

Ven den ersten Malern, den Primitiven, deren Werte so deutlich von der Naturform unterschieden sind, bis hin zu den Künstlern – wie David, Ingres und selbst Bouguereau –, die glaubten, die Natur zu malen, wie sie ist, ist Kunst, immer Kunst gewesen und keine Natur. Und vom Standpunkt der Kunst aus gibt es keine gegenständlichen oder abstrakten Formen, sondern lediglich“ Formen die mehr oder weniger überzeugende Lügen sind. Daß diese Lügen notwendig für unser eigeres geistiges Sein sind, ist außer allem Zweifel, da wir durch sie unseren ästhetischen Gesichtspunkt vom Leben formen. (1923)

Es gibt keine figurative und nicht-figurative Kunst mehr. Alle. Dinge erscheinen uns unter den Formen von Figuren. Selbst in der Metaphysik werden Ideen durch symbolische Figuren ausgedrückt. Daraus ersieht man, wie lächerlich es ist, sich Malerei ohne das Figurative vorstellen zu – wollen. Eine Person, ein Gegenstand, ein Kreis, – das alles sind Figuren; sie wirken auf uns mehr oder weniger intensiv. Einige stehen unseren Sensationen näher und verursachen Gefühlsregungen, die unsere Affekt möglichkeiten anrühren; andere wenden sich unmittelbar. an den Intellekt. Allen muß man ihren Platz zubilligen, da ich finde, daß mein Geist genau so viel Erregungen braucht wie meine Sinne. Glaubt man denn, daß es mich besonders betrifft, daß ein bestimmtes Bild, von mir zwei Personen darstellt? – Gewiß – diese beiden Personen hat es einmal gegeben, sie gibt es aber jetzt nicht mehr. Die Vision, die sie mir gaben, war der Ausgangspunkt meiner ursprünglichen Erregung, aber nach und nach verdämmerte ihre wirkliche Gegenwart, sie wurden für mich zur Fiktion, schließlich verschwanden sie ganz, oder vielmehr, sie verwandelten sich in alle möglichen Probleme. Es sind nun nicht mehr zwei Personen für mich, sondern Formen und Farben, aber – verstehen wir uns recht! – Formen und Farben, die indessen die Idee der beiden Personen in sich sammeln und ihre Lebensregungen bewahren. (1935).

Der Künstler ist ein Empfänger von Erregungen, die gleichgültig woher kommen: – vom Himmel, von der Erde, von einem Papierfetzen, von einer vorbeigleitenden Figur, von einem Spinnennetz. Deshalb sollte man keinen Unterschied zwischen den Dingen machen. Für Dinge gibt es keine Adelsquartiere. (1935)

Nicht was der Künstler tut, das zählt, sondern was er ist. Cézanne würde mich nicht im geringsten interessiert haben, wenn er gelebt und gedacht hätte wie Jacques Emile Blanche, selbst wenn der von ihm gemalte Apfel noch zehnmal schöner wäre. Was uns interessiert, ist die Unruhe Cézannes – sie ist die Lehre Cézannes –, was uns interessiert, sind die qualvollen Erregungen van Goghs – das will sagen: – das Drama des Menschen! (1935)

Übersetzt von Werner Hartmann