Von Hans-Achim v. Dewitz

Die Verselbständigung der Kolonialvölker,gestern noch eine bloße geschichtswissenschaftliche Theorie, ist zu einer der unbestreitbaren Tatsachen von heute geworden. Und diediesjährig Tagung der Vollversammlung der Vereinten Nationen erhält ihr besonderes Charakteristikum durch die erstmalige und erstaunliche Initiative, die im diplomatischen Konzert auf die ehemaligen Kolonialvölker übergegangen ist. Zugegeben, daß die Stellung der Themen ihnen diese Initiative geradezu in die Hand spielte, so muß doch anerkannt werden; daß sie verstanden haben, sie zu nutzen. Als Folge zeigten sich neue Gemeinsamkeiten, erstanden neue Bundesgenossen für das jeweilige politische Gefecht,

Als am 15. Oktober der Treuhandausschuß seine Entschließung zur Frage des Kolonialsystemsdiskutierte, standen die großen Kolonialmächte der Welt isoliert, Ihnen gegenüber erhob sich eine Abstimmungsgruppe, die durch das Zusammengehen der slawischen, derarabischen und einiger südamerikanischer Länder den Ausschlag für sich brachte. So wurde, allen Einwänden der Kolonialvölker zum Trotz, eine Entschließung gefaßt, die der Hoffnung Ausdruck gibt, das Kolonialsystem werde in naher Zukunft sein Ende nehmen. Dies ist vorerst nur eine Entschließung, noch nicht einmal eine Empfehlung, und bleibt zunächst also das, was sie in Worten ausdrückt, nämlich eine Hoffnung. Die Abstimmungsgemeinschaft jedoch, die sie zustande brachte, ist eine Tatsache. Und sie blieb nicht vereinzelt. Mit 23 gegen 19 Stimmen wurde gegen Großbritannien; Frankreich, Belgienund Holland ein indischer Antrag im Treuhandausschuß angenommen, wonach ein Sonderausschuß jeweils drei Wochen vor jeder Sitzung der Vollversammlung die Berichtender Kolonialvölker über die nichtselbständigen Gebiete überprüfen soll. Vorher war mit fast dem gleichen Stimmenverhältnis nämlich 24 zu 19. ein sowjetischer Vorschlag angenommen worden, demzufolge Mächte, die nichtselbständige Gebiete verwalten, über die Mitarbeit der einheimischen Bevölkerung in den örtlichen Verwaltungsorganen berichten sollen.

Die Sowjets bewährten sich als Sekundanten der Inder auch in der Frage Südwestafrikas. Die Inder haben ihrem Groll über die gegen die Asiaten in der Südafrikanischen Union gerichtete Landgesetzgebung im vergangenen Jahre nicht nur in ihrer Beschwerde bei der UNO Ausdruck gegeben. Siesind. auch zum Gegenschlag übergegangen, indem

sie den Wunsch der Südafrikanischen Union, sich Südwestafrika einzuverleiben, im vorigen Jahr vorder UNO zu Fall brachten und jetzt darüber hinaus die Unterstellung Südwestafrikas unter die Treuhandschaft der UNO betreiben. Ihr entsprechender Antrag wurde jetzt im Treuhandausschuß mit 27 zu 20 Stimmen angenommen.

Jedoch auch die Russen haben ihren Sündenfall In den Augen der arabischen Welt begangen. Dies geschah,als sie sich mit den Engländern und Amerikanern für die Teilung Palästinas einsetzten. Die Fanatisierung der arabischen Welt, die dieses unselige Problem jetzt zunehmend mit sich bringt. macht die Palästinafrage je länger desto mehr zueinem Irrgarten unberechenbarer Gefahren DenErnst dieser Gefahren fürchtet auch die UNO, und so ist sie noch heute ohne Entschluß hierzu. Sie ist vielmehr zur Bildung von drei neuen Unterausschüssen übergegangen. Der erste soll den Teilungsvorschlag prüfen und setzt sich aus der Sowjetunion, USA, Tschechoslowakei, Guatemala. Polen, Südafrika. Uruguay und Venezuela zusammen Der zweite Ausschuß soll den arabischen Vorschlag eines geschlossenen und unabhängigen, von Arabern und Juden bewohnten Palästina untersuchen. Ihm gehören von den arabischen Staaten Irak, Ägypten, Saudi-Arabien, Libanon, Syrien und der Jemen, ferner Afghanistan, Pakistan und Kolumbien an. Ein dritter Ausschuß unter dem Australier Evatt soll noch einmal die stark verblaßte Möglichkeit einer Versöhnung zwischen Arabern und Juden prüfen; hiermit befassen sich Holland, Siam. Island und Salvador.

Inzwischen haben die arabischen Staaten es an demonstrativen Gesten stärkster Art nicht fehlen lassen. Der Irak läßt aus dem Munde eines Ministers wissen, die irakische Armee werde in dem gleichen Augenblick in Palästina einmarschieren, in dem die britischen Truppen das Land verlassen. Syrien, das der UNO jedes Recht, ein Land wie Palästina zu teilen, abspricht, verkündet seine Absieht, vor ein internationales Schiedsgericht zu gehen. In Ägypten, dessen Vertreter vor der UNO das jüdische Problemen Palästina als künstlich von – den Zionisten geschaffen bezeichnete, kündigt die‚,Moslem-Bruderschaft" die Mobilisierung und Bewaffnung von Zehntausenden ihrer Mitglieder für den Fall eines Kampfes der Araber an. Und in Bagdad spielt man bereits, mit dem Gedanken eines "Ostblocks", dem die arabischen Staaten, Persien, Indien, Pakistan, Afghanistan und die Türkei angehören sollen.