Der Verfasser, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Dr. F. Brehmer (Bremen), geht von dem sogenannten Mindener Gutachten zur Geldreform aus, das – zunächst als vertraulich, bezeichnet – aus unbekannten Gründen Ende August veröffentlicht worden ist. Obwohl das Gutachten durch die Autorität des Verwaltungsamtes für Wirtschaft gedeckt ist, kann es nur als Beitrag zur Diskussion angesehen werden; es stellt also noch nicht das entscheidende „letzte Wort“ dar.

Während bisher im allgemeinen eine Kontraktion des Geldvolumens auf 10 Prozent (wenn nicht auf einen geringeren. Satz oder sogar eine Totalblockierung) für erforderlich angesehen wurde, hält das Mindener Gutachten die Blockierung von 80 Prozent für ausreichend; 20 Prozent des Bargeldes und der Bankguthaben, mindestens aber 50 RM je Kopf, sollen hiernach verfügbar, bleiben. Von besonderen Interesse sind die Vorschläge für die Behandlung der bestehenden Geldverpflichtungen. Es ist dies ein Thema, das bislang in der Öffentlichkeit kaum erörtert worden ist. Nach dem Mindener Gutachten sollen Steuerrückstände aus der Zeit vor der Reform, und zwar fällige sowohl wie Steuerschulden, die sich auf einen Zeitraum vor dem Stichtag beziehen, zu 80 Prozent aus Sperrguthaben und zu 20 Prozent in neuem Geld zahlbar sein. Anders dagegen ist die geplante Regelung bei privaten (im Gegensatz zu öffentlichrechtlichen) Schuldverbindlichkeiten. Ohne Rücksieht auf Grund und Zeitpunkt ihrer Entstehung sollen sie in neuer Währung zu erfüllen sein, wie überhaupt vom Tage der Kontensperre an Einkommen nur noch in neuem Geld auszahlbar und Umsätze nur in neuem Geld zu tätigen sind. Das würde bedeuten, daß Waren Verbindlichkeiten und Bankschulden, ebenso wie Darlehensverpflichtungen, gleichgültig, wann sie entstanden sind und wie der Gegenwert verwendet wurde, in freiem und hochwertigem Geld berichtigt werden müssen. In der Begründung hierzu heißt es, daß den privaten Geldschulden im großen und ganzen Sachwerte gegenüberstanden, so daß es unbillig sein würde, die Erfüllung bestehender Verbindlichkeiten ganz oder, zum Teil in altem (nun gesperrtem) Geld zuzulassen.

Die Absicht, bestehende Schulden in neuem Geld zahlbar zu machen, wird allgemein die Tendenz auslösen; alte Verbindlichkeiten rechtzeitig zu tilgen. Zu diesem Zweck, würden Bargeld und Bankguthaben, die ja zu 80 Prozent der Sperre unterliegen sollen, in erster Linie herangezogen. Darüber hinaus, wird man in geeigneten Fällen Vorräte liquidieren, um Schulden abzustoßen, die späterhin eine starke Belastung bedeuten würden. Es ist auch denkbar daß sich ein Schuldner zur Ablösung seiner Verbindlichkeiten mit einem beliebigen Besitzer von Geld oder Bankguthaben arrangiert. Das könnte in der Weise geschehen, daß diesem Gläubiger im Wege der Vereinbarung eine höhere Quote zugestanden wird; als sie durch-die generelle Regelung den Bankgläubigern zufällt. Gute Debitoren dürften bei Durchführung dieser Reform jedenfalls sehr begehrt sein.

Die Auswirkung einer solchen Geldkontraktion auf das Bilanzbild der Unternehmungen wird, grob gesehen, darin bestehen, daß liquide Bilanzen eine relative Liquidität bewahren. Das wird zum Beispiel der-Fall sein, wenn hohen Kassen- und Bankbeständen, Debitoren und Vorräten keine Kreditoren gegenüberstehen. Umgekehrt wird ein Status mit geringen flüssigen Mitteln und hohen Verbindlichkeiten an Illiquidität zunehmen.

Es lassen sich gewichtige Gründe dafür anführen, daß es weder „gerecht“ noch zweckmäßig sei, den Privatgläubigern allgemein den vollen Nennwert ihrer-Forderungen zu erhalten. Der Präsident der Landeszentralbank von Hessen, Dr. Veit, vertritt in der „Wirtschafts- und Finanz-Zeitung“ vom 25. September die Auffassung, daß für „Kapitalschulden“ (im Gegensatz zu Schulden aus dem reinen Leistungsverkehr) die gleiche Quote wie für den reinen Geldbesitz angesetzt werden sollte, so daß dann das gesamte Geldvermögen gleichmäßig behandelt wäre. Der vom Sachwertbesitzer als Geldschuldner erzielte Valutagewinn wäre, nach Veit, durch eine Sachwertabgabe zu erfassen. Das Mindener Gutachten sieht die grundsätzliche Voll-Valutierung, aller privaten Verpflichtungen vor. Soweit Zahlungsschwierigkeiten und nicht zumutbare wirtschaftliche Härten zu entstehen drohen, soll im Wege der richterlichen Vertragshilfe ein Ausgleich herbeigeführt werden. In ihrer gegenwärtigen Form ermöglicht die Vertragshilfeverordnung nur Stundung, nicht aber die Herabsetzung der Forderung, während die Aufhebung oder Abänderung von zweiseitigen, noch nicht voll erfüllten Verträgen (Miet- und Pachtverhältnisse, Lieferung und Abnahmeverträge usw.) verfügt werden kann. Weitergehende Eingriffe in die Rechte der Vertragsteile durch – richterlichen Entscheid dürften demnach erforderlich werden.

Es handelt sich hier um Entscheidungen von weitreichenden wirtschaftlichen Folgen. Offenbar befürchtet man von amtlicher Seite bei Bekanntgabe der beabsichtigten Maßnahmen eine unerwünschte Spekulation. Die Erfahrung lehrt freilich, daß jede schematische Regelung Härten, wenn nicht gar Ungerechtigkeiten mit sich bringt. Auf der andern Seite kann daher auch unerwünschter Konjunkturgewinn entstehen. Es ist aber nicht einzusehen, daß eine „schlagartige“ Durchführung der Währungsreform zu ihrem Gelingen erforderlich Wäre. Eine rechtzeitige Veröffentlichung wohldurchdachter, ausgereifter Pläne wird vielleicht weniger ungesunde Spekulationen als vielmehr gesunde Dispositionen fördern.