Das Theater der kleinen, doch für das heutige Deutschland so bedeutenden Universitätstadt Göttinnen hat T. S. Eliots "Murder in the Catedral" oder, wie es Rudolf Alexander Schröder verdeutscht hat, seinen "Mord im Dom" gemeinsam mit Köln uraufgeführt. Für Eliots Kunst, das Ewige im Alltag und gleichsam beiläufig sichtbar zu machen, hatte selbst ein so kluger Regisseur wie Heinz Dieter Keiner noch nicht den gültigen Sprachstil gefunden. Die Chöre, die an äschyleische Rhythmen erinnern, blieben von dieser stilistischen Unsicherheit beunruhigt, und doch war die "Weihe des Hauses vollkommen. Das Bühnenbild war wie ein einziger abstrakter Akzent Panizza hatte es entworfen. Der Schauspieler, der wie von einer höheren Stimme gerufen, in das Geheimnis des Bishofs Thomas Becker eindrang, Vasa Hochmann, verlebendigte Augenblicke lang – in der Predigt und im Tod – die Gestalt des Christen, der heute und überall anonym das irdische Leid im ewigen Wissen aufhebt. Dennoch hätte man sich dies Weihespiel in eines unserer heilen, mittelalterlichen Gotteshäuser gewünscht, wie es auch für die Kathedrale von Canterbury gedacht war.

Man kann mit Recht an der Wirksamkeit einer so ungewöhnlichen Verkündung wie es der "Mord im Dom" ist, im Repertoire unserer Theater zweifeln. wo notgedrungen alle Anschauungen, Ideen und Einfälle vermarktet werden, mit denen sich unsere Zivilisation zerstreut. Denn der "Mord im Dom" ist das Spiegelbild einer Realität, die für die meisten jeden Wirklichkeitsgehalt verloren hat. Darum muß Eliots gewaltige Lyrik und Dramatik erst in die Sprache des heutigen Menschen übertragen werden; darum bedarf sie einer Auslegung, die schon allein dadurch provoziert wird, daß der moderne und der mittelalterlich-gläubige Mensch, der in Eliots Lebenswerk wiederaufersteht, in zwei verschiedenen Bewußtseinsebenen beheimatet sind. Eliot ist dem Phänomen des modernen "Unvermögens", in seinem Baudelaire-Essay von 1930 nachgegangen. Offenbar hat ihn das Janusgesicht des modernen Dichters interessiert, der nicht mehr und zugleich noch nicht glaubt. In der ungeheuren Auseinandersetzung der modernen Lyrik von Rimbaud bis Paul Valéry, von Hofmannsthal bis Rilke und Gottfried Benn, von Coleridge bis Auden und Spender hat Eliot mit Charles Peguy Paul Claudel und Georg Trakl die Position des gläubigen Menschen bezogen. Ausdruck dieses Bekenntnisses ist der "Mord im Dom".

Das Erstaunliche ist. daß auch der Mensch, der nicht mehr glauben kann, mit der Kritik, die, Eliot an der Zivilisation übt, übereinstimmen muß. Diese Kritik beschränkt sich im "Mord im Dom" auf einen Teilbereich: die Historie. Dieser Teilbereich ist aber gleichbedeutend mit dem europäischen Problem überhaupt, das seit der Romantik in der unergründlichen Frage nach der Zeit gipfelt. Die wichtigste philosophische Arbeit seit dem deutschen Idealismus. Martin Heideggers ,Sein und Zeit" enträtselt nicht umsonst den Menschen. aus dem Wesen der Zeit. Der "Mord im Dom" rührt aber an das Geheimnis, wie die menschliche Zeit in der ewigen überwunden werden kann. – Der Bischof Thomas Becker ist der Heilige, der die Menschliche Historie aus der ewigen heraus entwertet, der das Irdische durch den Bund mit dem Überirdischen entmachtet. Es ist der Ort, aus dem heraus sich alle Zeit und darum auch unsere Gegenwart ihrer Diesseitsrechte begibt. Sein So-sein in dieser Zeit – und das wird im "Mord im Dom" gezeigt – richtet über die Zeit. Man könnte noch weitergehen: die Existenz dieses Bischofs machte. die gesamte Kulturkritik Bernhard Shaws an der Zivilisation überflüssig. Denn Shaw ist der Schriftstellen, der niemals, auch nicht in seiner "Heiligen Johanna", den Punkt gefunden hat, der außerhalb der Zeit und doch in der Zeit liegt. Die "Heilige ohanna" kontrapunktiert die Jenseitserfüllung des "Mord im Dom". Shaws Scharm liegt ja gerade darin, daß er genau so wie Anatole France mit seiner desperaten Unfähigkeit kokettiert, so etwas wie "Intersection of timeless with the time", die Aufhebung der irdischen in der heiligen Zeit, zu erleben. Die "Heilige Johanna" ist Shaws interessantestes Stück, weil er hier die Grenzen der Zivilisation bewußt verletzt. Aber das Publikum im Parkett bei Eliot denkt noch immer wie Shaw, nämlich daß das Heilige zu den plausibelsten Aburditäten der Geschichte gehört und nicht umgekehrt, daß die Zivilisation einen Abfall von der ieferen Geschichte des Menschen bedeutet.

Der Bischof Thomas Becker, der sich an der Weihnacht des Jahres 1170 post Christum von den chergen des Königs Heinrich ermorden läßt, handelt, von Shaw aus gesehen, verehrenswürdig sinnlos, von Eliot aus gesehen widerlegt er durch einen Tod die Schergen, diese honetten Ehrenmänner, die den weltlichen Arm, die öffentliche Meinung, das zwanzigste Jahrhundert und Bernhard haw repräsentieren. Anatole France hätte das Problem wohl auf den Kopf gestellt: sein Bischof hätte schwerlich gemerkt, daß er ein Heiliger ist, und seine mordlustigen Ritter hätten sich entschuldigt, weil sie es gemerkt hätten.

Dem Martyrium des Bischofs kann man nicht eipflichten wie einem Parteiprogramm oder einem Katechismus. Das alles wäre Rationalismus und Hätte nichts mit der Gegenwart der andern Welt a Eliots Stück zu tun. Man kann sich nur für Diese Gegenwart offenhalten und die Wende mitollziehen, die unsere gegenwärtige Zivilisation von Grund auf wandelt. Nichts dergleichen ist aber in der Öffentlichkeit zu spüren. Eliot selbst hat in einen köstlich-klugen Fragmenten zum "Coriolan" Das nüchterne Versagen des Common seine bestätigt: Doch erleben wir die Neigung der Jugend und ieler tiefer Denker, die "Intersection of the timeless ith the time", die geistliche Verklärung des Bischofs ecket, zu bejahen, ohne die christliche Dogmatik und metaphysische Begründung einzubeziehen. Das dann die Ehrfurcht vor der Ethik Christi nicht schmälern. Hier aber wäre jeder Versuch zur Heuchelei ein Nonsens: zeigt doch Eliots Studie zu Baudelaire, mit welcher Feinheit er die echte Regung eines -Denkers aufzuspüren weiß. Bewundernswert, wie er den Anspruch, den die christliche Dichtung seit Jahrzehnten nicht mehr erfüllt, als geistiges Ereignis in seinem Werk behauptet. Soll aber der ungeheure Weg, den unser abendländisches Denken seit Augustinus und Thomas von Aquin in der Neuzeit zurückgelegt hat, umsonst gewesen sein, ein Irrtum, ein dialektisches Spiel, das in der gültigen Verzweiflung Nietzsches kulminiert? Ist’s wirklich schon an dem daß Hamlets "To be or not to be", das am Aufgang der Neuzeit wie Dantes Inschrift über der Höllenpforte steht, erlöst ist in dem neuen Glauben?