Von Friedrich Rasche Die Natur malt selber

Dem Kunstkritiker träumte: er stieg eine Treppe empor, die kein Ende nehmen wollte. Nach einer Weile kam ihm von oben herab ein Mensch entgegen: der hatte zwar kein rechtes Gesicht, aber dieses Unfertige strahlte vor lauter Begeisterung. „Es lebe die Gipfelkunst!“, sagte er und stürmte abwärts. Der Kunstkritiker stand erschrocken still, fühlte sich aber sofort sanft, wie von einer Schwebebahn aufwärts getragen und stand plötzlich in einem großen Saal. Hier drängten sich ungezählte und freudig bewegte Menschen.

Aber Bilder gab es eigentlich keine. Vielmehr hatte man in die Wände Löcher gebrochen, viereckig und in allen gangbaren Bildgrößen, und man hatte sie obendrein mit ziervollen Goldrahmen eingefaßt. Durch diese Öffnungen sah man, was man sonst auf Bildern nur in allen Graden der Mangelhaftigkeit nachgeahmt sieht: prächtige Blumensträuße, strotzende Früchte-Stilleben, zum Anbeißen schön, reizende Interieurs, trauliche Zimmerecken, Menschen jeglichen. An- und Aussehens und Alters (sie erinnerten freilich in ihrer momentanen Starrheit ein wenig an Panoptikumfiguren), halb und ganz nackte Damen auf schwellenden Polstern (vor Bildern dieser Gattung entstiegen den Betrachterschwärmen Schreie der Verzückung), man bildete in Straßen und auf Plätze und in herrliche Landschaften mit ganz, farbechten Himmeln. An den Rahmen, aber waren kleine, bescheidene Namenstäfelchen angebracht, Und alle verzeichneten denselben Namen: NAT. PINXIT.

Das hingerissene Publikum erging sich in zustimmenden Ausrufen. „Ein Teufelskerl, dieser Pinxit!“ – „Ein echter Könner!“ – „Diese Lebensfrische, dieser Wirklichkeitssinn!“ – „Ein deutscher Meister ohnegleichen!“ Die allgemeine Erhobenheit kam schließlich in Sprechchören zum Ausdruck:

„Hier spürt man wahren Geistes Wehn – wir wollen unsern Pinxit sehn!“

An dieser Stimme wurde der Kunstkritiker jählings munter, erschrocken, als sei er ins Vergangene zurückerwacht,

II.