In der Ostzone hat man den Sokolowski-Befehl Nr.234. In den Westzonen hat man die Demontageliste. "Hebung der Arbeitsproduktivität und Verbesserung der materiellen Lage", das sind die Stichworte der neuen Anweisung des sowjetischen Oberkommandierenden. Es handelt sich dabei um ein zusätzliches warmes Mittagessen für die Arbeiter und um bevorzugte Zuteilung von Gebrauchsgütern an die Tüchtigen. Die Arbeitsminister wurden zur Beratung der neuen Maßnahmen nach Berlin zusammengerufen. Grotewohl ließ es sich nicht nehmen, den Westen wieder einmal als hoffnungslos rückständig und rückschrittlich hinzustellen, denn dort stehe man jetzt da. wo man im Osten vor zwei Jahren gewesen sei. Offensichtlich soll eine sozial-konstruktive Ostpolitik im Gegensatz zu einer destruktiven Westpolitik sichtbar gemacht werden. "Ihr demontiert, während wir mitten im Aufbau sind", das scheint die neueste, östliche Parole zu sein.

Die neue Kampagne, die jetzt mit dem Sbkolowski-Befehl angekündigt wird, gilt vornehmlich den "landeseigenen" Betrieben, also den Werken, die zwar enteignet wurden, aber nicht zu sowjetischen Regiebetrieben geworden sind. Ihre Produktionsergebnisse sind im Zeichen des Staatskapitalismus wesentlich niedriger, als sie zur Zeit des Privatkapitalismus waren. Die sowjetischen Aufsichtsstellen untersuchen nicht lange, ob sich das aus der Strukturänderung erklärt oder aus einer Benachteiligung durch geringere Rohstoffbelieferung gegenüber den Regiewerken. Schon seit der zweiten Hälfte des Sommers werden die staatlichen Verwaltungen durch militärische Befehle heftig bedrängt; Die offiziösen Presseorgane der Ostzone sekundierten eifrig, um die Auffassung zu stützen, die geringe Produktion der Ostzone beruhe nicht auf Demontagen und fehlenden Rohstoffen, sondern auf mangelnderTüchtigkeit der Arbeiter-, Die sinkende Arbeitsmoral wird zum Schuldigen für die sinkenden Produktionszahlen erklärt.

Nun ist ein Tiefstand der Arbeitsleistung fraglos eine interzonale Tatsache in Deutschland. Wenn die Menschen, elend ernährt sind und einen erheblichen Teil ihrer Zeit darauf verwenden, sich zusätzliche Nahrungsmittel zu verschaffen,. so muß ihre Arbeitsfähigkeit nachlassen. Die sowjetischen Behörden suchen dieser allgemeinen Erscheinung durch besondere Maßnahmen zu steuern. Aber es bleibt, in der neuen Anordnung nicht bei dem zusätzlichen warmen Mittagessen und der bevorzugten Zuteilung von Gebrauchsgütern. Die Sache hat auch ihre Kehrseite in einer Stufenleiter von Strafandrohungen. die unverkennbar das russische Leistungsprinzip, des Stachanowsystems zum Vorbild haben. Entzug des Mittagessens, gestufte Mahlzeiten; wachsende Zuteilungen mit zählbarwachsender Leistung, das alles sind Bestandteile eines Ausnutzungssystems. das in der Geschichte der Arbeiterbewegung solange Ausbeutungssystem genannt wurde. als es von Kapitalisten gehandhabt war.

"Das also war des Pudels Kern." Die im sowjetischen Rußland erprobten Methoden der "Leistungssteigerung" werden in die deutsche Ostzoneimportiert. Und die kommunistisch gelenkten Gewerkschaften begegnen, nach anfänglichem Schweigen, der von Westen kommenden Kritik mit dem Argument, Akkord- und Stachanowarbeit seien nicht an sich abzulehnen, sondern lediglich dann, wenn sie dem Profit weniger Kapitalisten dienen. Diese Logik klingt uns reichlich vertraut. Mit dem Gemeinnutz, der vor dem Eigennutz kommt, ist, auch bei uns einiges begründet worden. Das ist totalitäre Logik, die wir kennen. "Wir wissen, daß dabei die sogenannte Gemeinschaft ein Moloch ist, der allen alles nimmt, was noch als Freiheit gelten konnte. Unser Urteil" über die Demontagepolitik der westlichenBesatzungsmächte bedarf keiner Nachhilfedurch die Anpreisung der Stachanowpolitik der östlichen Besatzungsmacht. Die kahldemontierte Ostzone. liefert keinen sehr überzeugenden Anschauungsunterricht für die Fortschrittlichkeit der dort herrschenden Methoden. Und die Parole "Vor? wärts mit Stachanow!" ist propagandistisch zu primitiv. um uns überrennen zu können. Den russischen Sozialheiligen Stachanow gönnen wir den Russen. W.