Die Tuch- und Kleiderstoffindustrie der britischen Zone, die linksrheinisch vorwiegend im Aachener und M.-Gladbacher Bezirk, in der Gruppe Rechtsrheinland hauptsächlich zwischen Wupper und Ruhr beheimatet ist, hat sich von den Rückschlägen des letzten Winters etwas erholt. Freilich erreichte der durchschnittliche Nutzungsgrad der Betriebe vor kurzem erst 20–25, bestenfalls 30 v. H. Von einer rationellen Fabrikation kann also gar keine Rede sein. In der Aachener Tuchindustrie, die vor dem Kriege rund 6000 Webstühle zählte, haben – gut 2000 den Krieg überstanden (die reparaturfähige Reserve wird auf rund 1000 Stühle geschätzt). Der M.-Gladbacher Zweig. beherbergte (1939) 4500 laufende Stühle; davon sind rund 3000 betriebsfähig. Die Gruppe Rechtsrheinland verfügte vor dem Kriege über etwa 1900 Stühle, heute über 1500–1600. Nach den Zerstörungen des Krieges sind also von zusammen rund 12 SC rheinischen Wollwebstühlen noch gut 6500–7000, in der gesamten Zone etwa 8500 betriebsbereit davon ist bestenfalls eine Kapazität von 2500 wirklich genutzt. –

Die Gründe der gedrückten Beschäftigung der Tuch- und Kleiderstoffindustrie liegen nicht in der Wollversorgung sondern in dem stockenden Zufluß der Garne. Wolle ist genügend, vorhanden: Aber einmal lagen die Wollkämmereien im letzten Winter monatelang brach, zum anderen lähmt der „Spindelengpaß“ der Wollspinnereien die gesamte Weiterverarbeitung – von den Kammzugausfällen gar nicht zu reden. Da die Wollkämmerei-Industrie genügend Kapazität mit hoher Leistungsfähigkeit Verbindet, sind die Spinnereien der Angelpunkt, um den sich die ganze Versorgung dreht. Diese Schlüsselindustrie (ob Kamm- oder Streichgarn) zu stärken und durch Hilfen jeglicher Art (Reparaturen und Hilfsstofflieferungen) auf volle Touren (zu bringen, ist ein unbedingtes Erfordernis. Die Reißwollversorgung wird sich allmählich mit der steigenden Lumpeneinfuhr bessern. Rund 1700 t guten Auslandsmaterials wurden bis gegen Ende Mai den Sortier- und Reißwollbetrieben zur Verfügung gestellt. Sie müssen zum Teil noch Produktionsanweisungen aus dem Herbst vorigen Jahres decken; die Auflagen sind also erheblich im Rückstand. – Der Zufluß an Kunstseide und Zellwollgarnen ließ noch vieles zu wünschen übrig.

Die Auflagen der Tuch- und Kleiderstoff Industrie bieten dem reinen „Zivilbedarf“ nur schwache Aussichten. Die großen Sonderkontingentträger Und Schwer- und Schwerstarbeiterprogramme haben neben der Deckung des Bergarbeiterpunktsystems den ungeschmälerten Vorrang. Der „Normalverbraucher“ wurde bislang nur stiefmütterlich bedacht; jetzt wird dafür ein ansehnlicher Posten Herren- und Damenoberstoffe zum Teil aus dein, Uniformprogramm für Behörden abgezweigt. Doch im ganzen gesehen, muß sich die weitaus größte Mehrzahl der Verbraucher nach wie vor in Entbehrung üben, vor allem wenn die Webstühle erst stärker für die Ausfuhr zu laufen beginnen.

H. A. N.