Allgemein kann festgestellt werden, daß sich die Wirtschaft bemüht, sachlich an die Demontageliste heranzugehen und Pauschalurteile zu verneiden. Statt dessen wird – trotz der Kürze der Zeit, die zunächst für Änderungsvorschläge eingerannt wurde – in sorgfältiger Kleinarbeit das Material für die Beurteilung jedes einzelnen Falles wie des Gesamtproblems zusammengetragen. Einige grundsätzliche, immer wiederkehrende Argumente lassen sich jedoch bereits erkennen.

So sehr die Klärung der Demontagefrage begrüßt wird, so: sehr wird bedauert, daß diese Klärung erst jetzt erfolgt, in einem Augenblick, in dem sich die Produktion und insbesondere auch der Export allmählich etwas zu entwickeln begannen. Man vergleicht die Wirtschaft der Doppelzone dabei gern mit einem Patienten, der nach einem schweren selbstverschuldeten Unfall gerade wieder anfing, sich zu erholen. In diesem Zeitpunkt, in dem die Ärzte – an Bluttransfusionen, sprich Rohstoffvorschüsse, denken, wird von Eingriffen ein ernsterer Rückschlag befürchtet, als wenn sie unmittelbar nach dem Unfall vorgenommen worden wären. Denn die Schnitte müssen zum Teil bereits neugebildete Gewebe treffen. Eine weitere Überlegung geht dahin, daß im Demontageplan die schon erfolgten Kapazitätsminderungen in der französischen – und russischen Zone nicht immer berücksichtigt wurden, obwohl man grundsätzlich an der These der deutschen Wirtschaftseinheit festhält. Das gilt z. B. für den Maschinenbau, der nach den Demontagen vor allem in der Ostzone schon nicht mehr über die Kapazität verfügt, die im neuen Industrieplan zugebilligt wurde.

Schließlich glaubt die Wirtschaft an einiges Beispielen zeigen zu können, daß nicht überflüssige Kapazität beseitigt, sondern wesentliche, ja teilweise unentbehrliche Glieder der erlaubten und bereits wieder angelaufenen Friedensproduktion betroffen würden. An drei Angaben aus vieles läßt sich dies erläutern: Die Automobilindustrie beziffert ihren Verlust durch die vorgesehenen Demontagen auf 10 v. H. der noch vorhandenen Kapazität. Aber gleichzeitig weist sie darauf hin, daß rund hundert Firmen, der Demontageliste Direktlieferanten der Fahrzeugindustrie sind. Kreise der Metallwirtschaft heben hervor, daß mehr als achtzig der zu demontierenden Betriebe unmittelbare Zulieferanten des Bergbaus sind. Auch für die optische und feinmechanische Industrie erweisen, sich die Eingriffe bei den Vorlieferanten als äußerst – hart.

Sicherlich läßt sich in manchen Fällen die Produktion auf. andere Werke umlegen, die bestehenbleiben sollen. Eine Anzahl von Betrieben ist jedoch so unentbehrlich, daß sie nach der Demontage sofort, wieder gebaut werden müßten. Beim Wälzlagerwerk Kugelfischer ist z. B. sehen vor einiger Zeit vorgeschlagen worden, das Werk nicht zu demontieren, sondern statt dessen, neue Maschinen für die Reparationsgläubiger bauen zu. lassen. Den Empfangsländern – in diesem Fall Frankreich, die Tschechoslowakei, Holland, Eelgien,Indien und Australien – wäre durch einen solchen Neubau nach ihren Wünschen sicher sehr viel mehr gedient als miteinzelnen der jetzt vorhandenen Anlagen. Reparationsoffiziere der Empfangender sollen schon vor einiger Zeit erklärt haben, daß sie mit diesen Einzelmaschinen herzlich wenig anfangen könnten. Wenn der Neubau von Maschinen noch mit Lieferungen aus der laufenden Wälzlagerproduktion kombiniert würde, könnte der dringende deutsche und internationale Bedarf an Wälzlagern voraussichtlich besser als selbst bei einer schnellen Demontage befriedigt werden. An eine Einfuhr von Kugellagern nach Deutschland ist ja nicht nur aus Devisengründen, sondern vor allem wegen mangelnder Angebote aus dem Ausland vorerst nicht zu denken.

Auch in anderen Fällen taucht diese Alternative auf, aus der laufenden Produktion zu liefern, bis neue Maschinen fertiggestellt sind. Auf diese Weise würde die Versorgung mit den Spezialprodukten nicht durch den Zeitverlust zwischen Demontage und Remontage unterbrochen, die Aufwendungen für Abbau, Transport und Aufbau der Anlagen würden gespart und die Einbußen – vermieden, die jede Verlagerung und Aufteilung von Produktionen mit sich bringt. Von den Besatzungsmächten ist. ja wiederholt betont worden, daß nicht Konkurrenzgesichtspunkte für die einzelnen Demontageentscheidungen bestimmend waren, sondern der Wunsch, dem gesamten europäischen Aufbau, auch in Verbindung mit dem Marshall-Plan, zu dienen. Gerade in den Fällen, in denen nicht überschüssige Kapazitäten beseitigt, sondern Spitzen der deutschen Industrie gekappt werden, – arbeitende, dringend notwendige, hochmoderne Werke –, könnte diese Alternative, die die alliierten Reparationsansprüche grundsätzlich anerkennt, vielleicht ein konstruktiver Beitrag zumeuropäischen Wiederaufbau sein. – Daß auch der deutschen Exportindustrie durch Ausfall oder Wesentliche Einschränkung derartiger Spezialfertigungen ein neuer schwerer Schlag versetzt würde, liegt ebenfalls auf der Hand.

Diesen ersten grundsätzlichen Gedanken aus der Wirtschaft mögen einige Einzelprobleme folgen.

Stahl