Von J. B. Priestley

Es gibt zwei Demokratien: Die eine bewundere ich, und die andere verabscheue ich. Die erste ist die politische Demokratie, die auf der Annahme beruht, daß alle Bürger das Recht haben zu entscheiden, was für eine Regierung sie haben wollen. Sie geht aber nicht so weit zu behaupten, wie so viele ihrer Gegner, daß das Volk in seinen Fähigkeiten gleich sei. Und in der Tat, die Demokratie erkennt den Unterschied in den Fähigkeiten viel besser als aristokratische und oligarchische Systeme. Sie behauptet aber, daß die Menschen gleichgestellt sind im Besitz gewisser fundamentaler Menschenrechte. Eben weil sie Menschen sind, gleichen sie sich alle. Das ist politische Demokratie, und für sie bin ich mit Leib und Seele.

Aber es gibt auch noch eine andere Art Demokratie, die jetzt in vielen Teilen der Welt an Boden gewinnt. Und diese verabscheue ich. Man kann sie am treffendsten Kultur-Demokratie nennen. Sie gibt vor zu glauben, daß der einfache Mann und die einfache Frau alles am besten beurteilen können. Sie ist für die Masse, aber nicht für die Qualität. Sie ist bereit, bei jeder Gelegenheit die Kopfzahl festzustellen. Sie würde überhaupt alles einer sofortigen Abstimmung unterziehen. Unwissenheit und Wissen sind ihr gleichgültig.

Ich bin der Ansicht, daß, wenn man der Welt Zeit läßt, sie entdecken wird, welche von beiden Demokratien die bessere ist. Shakespeare zum Beispiel ist in der ganzen Welt anerkannt als ein großer Dramatiker. Überall, wo man europäische Musik versteht, werden Bach. Mozart und Beethoven geschätzt. Aber alles dauerte seine Zeit. Zuerst ist es immer notwendig, daß sich jemand mit Begeisterung für ein Genie einsetzt. Auch bedarf es einer dauernden Sichtung, die wirklich Großen von den Gerne Großen zu scheiden. Wenn aber eine Kultur-Demokratie der Welt aufgezwungen wird, wäre dies nicht möglich. Und die Gefahr – besteht, daß es so kommt.

Ich selber bin oft gelobt oder angegriffen worden von Kollegen, die mich für einen schlauen Burschen hielten, der ein "Auge dafür hat, was das Volk wünscht". Tatsache jedoch ist, – daß ich mir nicht fünf Minuten lang bisher den-Kopf darüber zerbrochen habe, was das Volk wünscht. Es ist Zeitverschwendung. Das Volk weiß ja gar nicht was es will, bis man es ihm gegeben hat. Das einzig vernünftige für einen Autor ist, das zu schreiben, was er zu schreiben wünscht, und sich nicht um das Volk zu kümmern.

Krämerseelen sind natürlich für Kultur-Demokratie. Ihnen ist der Schilling des einen Mannes ebensoviel wert wie der eines anderen. Die durchschnittliche Laufzeit von Hollywood-Filmen begünstigt daher die Kultur-Demokratie ganz besonders. In diesen Filmen kommt es weit mehr darauf an, daß sie einen Tanzschlager enthalten als symphonische Dichtungen. Wie in gewissen Teilen der populären Presse, beginnt man auch im Film, alles auf ein niedrigstes Niveau abzustimmen. Denn für alle, die nur auf Geldverdienen erpicht sind, ist das Geld eines Halbblöden ebensoviel wert wie das eines anderen.

Kultur-Demokratie kann aber auch ohne Krämerseelen bestehen. Als Reith noch die BBC leitete, pflegte er seine Ansagen damit einzuleiten, er werde seinen Rundfunkhörern das vorsetzen, was er für sie für gut halte. Und dieser-Haltung wegen, bewundere ich ihn.