Ab 20. November gilt der französische Franken im Saargebiet. Im Verhältnis 1:20 wird die Saarmark gegen Franken umgetauscht. Das dicke Ende ist also nachgekommen. Diese vierte Etappe der wirtschaftlichen Angliederung des Saarlands an Frankreich hat die von einer einseitigen Nachrichtengebung oft zitierte Anschlußbegeisterung beträchtlich gedämpft.

Bis zu diesem neuesten Schritt erfolgte die Entwicklung in einzelnen, klar abgegrenzten Etappen. Gleich nach dem Zusammenbruch erhielt das Saarland eine selbständige Verwaltung. Am 22. Dezember 1946 folgte die Errichtung einer Wirtschaftsgrenze, die die Saar von dem übrigen Teil der französisch besetzten Zone abschnitt. Damit sollte vermieden werden, daß Reichsmark-"Fluchtkapital" sich an der Saar heimisch machte. Der nächste Schritt diente einer großangelegten Inventar. Die Reichsmark wurde in die Saarmark im Verhältnis 1:1 umgewandelt; anfangs bestanden Blockierungen, die jedoch allmählich aufgehoben wurden, so daß auch die gesperrten Konten, die unter das Gesetz Nr. 52 fallen, rechnerisch in Saarmark umgewandelt wurden. Das Ergebnis der Inventur: der Notenumlauf beziffert sich auf 300 Mill. Saarmark; einschließlich Giralgeld belaufen sich offizielle Schätzungen auf 1,3 Mrd. Mark. Dies bedeutet einen Notenumlauf von 375 Mark je Kopf der Bevölkerung. Ein Vergleich mit 1928 (100 Mark je Kopf) läßt erkennen, daß gegenüber "normalen" Zeiten der Notenumlauf stark erhöht ist. Die nächste Etappe erfolgte mit politischen Mitteln. Am 5. Oktober wählten die-Saarländer ihren 50köpfigen Landrat, dessen Aufgabe es war, eine Verfassung anzunehmen, die den "freiwilligen Anschluß der Saarwirtschaft an Frankreich bekräftigte. Am 8. November wurde die Verfassung beschlossen; am 14. November billigten die Pariser parlamentarischen Versammlungen die Einführung des französischen Franken an der Saar. Wohl der wichtigste Schritt zur Angliederung des Saargebietes an den französischen, Wirtschaftsraum wurde also einem Friedensvertrag vorweggenommen, – wobei es psychologisch und juristisch gleichgültig ist, ob die Londoner Konferenz über die politische und wirtschaftliche Zukunft des Objektes Deutschland entscheiden wird. Frankreich hat mit diesem Fait accompli seine Beute bereits eingesteckt, bevor sie verteilt werden sollte.

Die Durchführungsbestimmungen lassen in Formulierung. und Inhalt erkennen, daß nicht nur die Finanztechniker bei der Umtauschaktion gefragt worden sind. Da man nicht, allen Beteiligten gerecht werden konnte, stand man vor der Wahl, wer zu enttäuschen sei. Die Wahl fiel auf die Saarländer, die also in der französischen Wirtschaftsfamilie. wenn auch theoretisch als gleichberechtigt anerkannt, in der Praxis von vornherein als Stiefkind behandelt werden.

Da ist einmal die Festsetzung der Umtauschquote. Der offizielle Kurs ist eine Reichsmark gleich 12 ffrs. Aber da mit der Einführung des Franken eine Angliederung an das Preisniveau Frankreichs verbunden sein sollte, um der Umtauschaktion einen Sinn zu geben, war eine Umrechnung zu wählen, welche die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Saar an die Frankreichs anglich. Eingeweihte sprachen bereits seit mehreren Monaten von einem Umtauschverhältnis von mindestens 1:45; Optimisten gingen bis 1:80. Inzwischen stiegen die französischen Preise und Löhne beständig weiter.

Ferner war bei der Relation Saarmark gleich Franken ein psychologisches Moment nicht außer acht zu lassen: Frankreich hatte 1945 den elsässischen und lothringischen Provinzen eine Umtauschquote von 1:15 zugestanden. Wenn also die Relation für die Saar günstiger gestaltet wurde, könnte sich unter Umständen die mit der Saargrundstoffindustrie eng verbundene lothringische Wirtschaft verletzt fühlen.

Außerdem war zu bedenken, daß der Gesamtumtausch von 1,3 Mrd. Noten und Bankgeld zu einem für die Saar günstigen Kurs eine neue erhebliche Belastung des französischen Staatshaushalte darstellen würde, da die Saar in diese Zwangsfusion ein Produktionsniveau mit einbringt. das im allgemeinen unter dem französischen liegt und also das Sozialprodukt nicht sonderlich vermehrt.

Wie wurden nun diese Probleme gelöst? Die Relation Saarmark zu Franken beläuft sich einheitlich auf 1:20. Auch die dem Gesetz Nr. 53 unterliegenden Konten werden in Franken umgerechnet. Zu einer allmählichen Überleitung werden mit Ausnahme der Konten von juristischen Personen öffentlichen Rechts und von eingetragenen Industrie- und Handelsbetrieben die Bankguthaben vorerst bis auf 8000 ffrs. (400 Saarmark) mit dem Versprechen allmählicher Aufhebung gesperrt. Jedoch 40 v. H. der Kontenbestände unterliegen einer längeren Blockierung. In den Durchführungsbestimmungen wird weiter angekündigt: Einführung von Löhnen und Preisen, die mit denjenigen Frankreichs in Einklang stehen sollen: zusätzliche Auszahlung französischen Geldes an Lohnempfänger, die ihre Bezüge in Vorauszahlung in Mark empfangen hatten, um sie bis zu einer neuen Lohnzahlung (nach französischem Preisniveau) sicherzustellen; großzügige Kreditgewährung für Industrie und Handel; Sicherstellung der Landwirte, die ihre Ernte 1947 bereits in Saarmark abgerechnet haben, indem die Erträge aus ihrer Arbeit in Franken nach einer neu zu bestimmenden Preisbasis umgerechnet werden; weitgehende Revision der Steuergesetze.