Im April 1946 überreichte der tschechoslowakische Außenminister Jan. Masaryk den in Paris versammelten alliierten Staatsmännern ein Dokument über den Anspruch seines Landes auf Revision der tschechoslowakisch-deutschen Grenze. Die Präambel des Dokuments hebt hervor, daß die Forderungen des das Äußerste beschränkt seien und daß die tschechoslowakische Regierung den Wunsch habe, das geforderte Gebiet möge sowenig wie möglich deutsche Bevölkerung anhalten. Entgegen den Pressemeldungen werden die Forderungen nicht nur auf die Sicherheit, sondern außerdem auf dringende verkehrspolitische und volkswirtschaftliche Gründe gestützt. Das beanspruchte Gebiet ist in zehn Sektoren eingeteilt.

Das nach Fläche and Einwohnerzahl weitaus größte geforderte Stück deutschen Bodens liegt längs der bayrisch-tschechoslowakischen Grenze – im Gebiet des südlichen Böhmer wildes. Die anderen neun Sektoren erstrecken sich von der deutsch-tschechoslowakisch-polnischen Dreiländerecke bis in den Grenzium des nördlichen Böhmerwaldes.

Dies sind die tschechoslowakischen amtlichen Angaben über Ausdehnung und Bevölkerung der Sektoren: 1. Zittau 7,5 qkm und o Einwohner, 2. Seiniz 44,55 qkm und 300 Einwohner, 3. Altenberg 35,35 qkm und 1215 Einwohner, 4. Katharinaberg 16,25 qkm und 3032 Enwohner, 5. Sebastianberg 11,25 qkm und 2587 Einwohner, 6. Weipert 101,75 qkm und 5549 Einwohner, 7. Marktneukirchen 32,85 qkm und 1273 Einwohner, 8. Stein 47 qkm und 2976 Einwohner, Nördlicher Böhmerwald 94,25 qkm und 1200 Einwohner, 10. Südlicher Böhmerwald 429 qkm und 6900 Einwohner. Für jeden der zehn Sektoren enthält das Dokument eine kurze Angabe der Gründe, die ihn für den tschechoslowakischen Staat lebenswichtig erscheinen lassen.

Einem mit der Topographie der zehn Sektoren nicht vertrauten Betrachter – und es darf angenommen werden, daß die mit viel größeren Problemen beschäftigten Delegationen einer über das unmittelbare Verhandlungsgebiet hinaus hochpolitischen Konferenz kaum den Versuch unternehmen werden, sich mit ihr wirklich vertraut zu machen – mögen in erster Linie die militärischen und grenzpolizeilichen Argumente ins Auge fallen. Die Art der Veröffentlichungen in Rundfunk und Presse läßt den Schluß zu, daß die Aufmerksamkeit in möglichst hohem Maße auf die strategischen Erwägungen gelenkt, d. h. von den anderer, nach Lage der Dinge als angenehme Zutat fungierenden Gelichtspunkten ablenken sollte. Nun wird niemand im Zweifel darüber sein, daß strategische Erwägungen, die in der Verschiebung einer Grenze um ein Mar Kilometer ins Tal oder auf eine andere, Höhe gestehen, im Zeitalter der Atombomben und Fernwaffen nicht recht glaubhaft sind. Aber selbst wenn angenommen werden dürfte, daß der tschechosloirakische Generalstab von überholten Vorstellungen ausgeht, so wäre das strategisch; Argument nach allen Gesetzen früherer Kriegskunst in diesem Falle verfehlt. Die gegenwärtige Grenze läuft ostwärts der Orte Furth und Eisenstein in allgemeiner Lichtung Nordwesten – Südosten zur alten Dreitaatenecke (Bayern-Böhmen-Österreich) und folgt dem hohen Erhebungen Osser, Falkenstein und Rachel. Ein Blick auf eine gute Karte zeigt, daß eine Verschiebung nach Westen die Grenze wohl von diesen Höhen herunter, gleichzeitig jedoch in in Tal mit den westlich wieder ansteigenden längen des Bayrischen Waldes bringen würde. Und solch eine Lage dürfte selbst ein tschecholowakischer Stratege nicht als sonderlich günstig mpfinden.

Weitaus wichtiger als das lähmende strategische argument ist das volkswirtschaftliche und in einem Rahmen nicht so sehr die Wasserkraft und die Eisenbahn als vielmehr der Wald, obwohl er mehrfach adjektivisch in Nebenbemerkungen erdieint. Der Hinweis auf "wenigstens teilweise Wiedergutmachung" durch Landgewinn im südchen Böhmerwald darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Gewinn von Wald auch In allen anderen neun Fällen das Hauptmotiv des Anspruchs darstellt. Dean fest jede der die Tschechoslowakei störenden und beunruhigenden Einbuchtungen im Grenzverlauf ist völlig oder teilweise mit Wald bestanden. In mehreren Fällen soll die Grenzbereinigung durch "Einbeziehung einer waldigen Fläche" hergestellt werden. Das im südlichen Böhmerwald beanspruchte Gebiet aber ist nicht etwa, wie die Formulierung "kaum bewohnte" Massiv" dem Unkundigen suggerieren könnte, ein wildes, wertloses, wenig ertragreiches Gebirge, sondern enthält hochkultivierte Staats- und Privatforsten, die zu den wenigen uns verbliebenen zusammenhängenden Waldreichtümern zählen.

Eine sorgfältige Überprüfung der in bayrisches Territorium fallenden Sektoren ergibt denn auch, daß das Holz schon deshalb den höchsten Anreiz für die tschechoslowakischen Wünsche darstellt, weil die sonstigen darin enthaltenen Werte in Menge und Bedeutung mit großem Abstand dahinter rangieren. Aus dem Bereich der gewerblichen Wirtschaft werden zwei Werke der Porzellanindustrie in Schirnding und Hohenberg von den Revisionsabsichten betroffen, darunter die Weltfirma Hutschenreuther, ferner einige Werke der holzverarbeitenden Industrie in den Landkreisen Vohenstrauß und Wolfstein. Reichhaltiger schon sind die von der Abtrennung bedrohten Bodenschätze: ausgedehnte Tonlager bei Hohenberg und Seedorf, mehrere Marmorlager, Braunkohlengruben bei Raithenbach und Eisenerze mit einer Zeche bei-Schmiding. Ein Verlust des Bahnhofs Eisenstein würde bedeuten, daß das schwer zugängliche Bergland des Bayrischen Waldes seines wichtigsten und leistungsfähigsten Verkehrsknotenpunktes beraubt wäre. Da aber die von der Tschechoslowakei beanspruchten Gebiete die landschaftlich reizvollsten Teile desBöhmerwaldes umschließen, würde ihre Loslösung zugleich den Verlust einer zahlenmäßig kaum festzulegenden Summe von Investitionen bedeuten, die Bayern und das Reich in die "bayrische Ostmark" hineingesteckt haben, um mit der Förderung des Fremdenverkehrs eine Erhöhung des Lebensstandards der Bevölkerung zu bewirken. Die Mitwirkung staatlicher Mittel hatte in jahrelanger Arbeit vermocht, die hohen Gipfel des Böhmerwaldes – die wegen ihrer Lage in Bayern stets zum Bayrischen Wald gezählt werden (den Arber, den Osser, den Lüsen, den Dreisessel und die beiden Rachel), zu konkurrenzfähigen Kur- und vor allem Wintersportplätzen zu machen. Eine unmittelbare Schädigung des gesamten Raumes, die dem Fortfall des Bahnhofs Eisenstein gleichzusetzen wäre, würde die Zerschneidung der Brennerpaßstraße bedeuten, die nahe unter dem Gipfel des Arber, am Arbersee, verläuft und Bayrisch-Eisenstein mit Lam verbindet. Die Orte Zwiesel, Regenhütte und Lam würden in einer noch nicht überschaubaren Weise in Mitleidenschaft gezogen werden. So wichtig diese volkswirtschaftlichen Objekte für die Tschechoslowakei aber auch sein mögen – für die sächsischen Sektoren werden sie ja viel freimütger mit Namen genannt als für die bayrischen – das zum Zugriff verleitende deutsche Vermögen Nummer eins bleibt der nicht nur im Prager Staat, sondern in ganz Europa begehrte Rohstoff Holz.

Doch nicht nur das allgemeine Streben nach Sicherung der vom Krieg verschonten Bestände hat die Tschechoslowakei bestimmt. Waldgebiete mit unverfänglichen Argumenten für sich zu beanspruchen. Es gibt noch einen anderen Grund. Jenseits der Grenzsteine des Böhmerwaldes und auch des Erzgebirges zerstört der Borkenkäfer die Wälder. Jeder zweite oder dritte Baum an den Osthängen ist befallen. Wie riesige Rostflecke ziehen sich die kranken Flächen die Berge hinunter. Die tschechoslowakische Verwaltung ist nicht in der Lage, der Vernichtung Einhalt zu gebieten. Das Land ist leer. Es mangelt an Arbeitskräften. Prag kann drei Millionen vertriebene Deutsche nicht ersetzen. Tschechen aus dem Innern und Slowaken halten sich oft nur wenige Wochen und verlassen die unheimlich entvölkerten Berge und Täler unter Mitnahme des letzten beweglichen Gutes. Millionenwerte gehen unrettbar verloren. Der Friedensschluß mit Deutschland scheint den ratlosen Beherrschern dieser todgeweihten Landschaft eine Gelegenheit zu risikofreiem Gewinn.