Anders als in den Jahren 1929 bis 1930 stellen unsere heutigen Klassiker-Inszenierungen gemeinhin nicht mehr dar als Bildungs- oder Erbauungserlebnisse, und keinesfalls ist ein so prinzipieller Standpunkt wieder erreicht, wie ihn Herbert Ihering 1929 in seiner Gegenüberstellung von "Reinhardt-Jessner-Piscator-Brecht oder Klassikertod" deutlich machte. Wenn also das Theater von sich aus noch nicht fähig scheint, durch eigene Sicht und Gestaltung das fortzuentwickeln, was 1933 abriß, so müßte die vorgeformte Zeitdichtung ihm darin Ersatz bieten.

So ist es als ein erfreuliches Zeichen zu werfen, wenn das Stadttheater Heidelberg die Inszenierung der "Seeschlacht" von Reinhard Goering vornahm, in der das Erlebnis der Generation des ersten Weltkrieges seinen bedeutendsten dichterischen Niederschlag fand, mitten im ersten Weltkrieg. 1917 entstanden und auch damals schon uraufgeführt – Der Gehalt von Goerings Dichtung ist tragisch und schicksalsgläubig, aber doch von einer tiefen Lebensbejahung. Gewiß, wir können seinen Wertungen gegenüber eine andere Haltung einnehmen, wir mögen sein heroisches Grundgefühl ablehnen, aber selbst wenn sich die jüngere Dichtung gegen Ihn entscheiden würde, bleibt die Reinheit seines dichterischen Wollens und die Unbedingtheit seiner Wertmaßstäben sich, den Menschen und seinem eigenen Schaffen gegenüber. 1927 schrieb ein Kritiker, dem eine Äußerung Reinhard Goerings mißfiel, der gesagt hatte, daß jede Dichtung Flucht, jede Kunst Verzweiflung sei und das Wesentliche des Daseins letzten Endes nur gelebt werden könne: "Wenn Reinhard Goering Dichtung vollkommen wurscht ist, warum hat er sich da nicht schon längst aufgehängt?" Nun, 1936 hat er seinem Leben ein Ende gesetzt, sicherlich nicht dem Kritiker zuliebe, dem aus irgendwelchen Gründen "die ganze Richtung" nicht paßte, sondern weil um ihn etwas Kleistisches war, das nicht trennen, konnte und wollte zwischen Wort und Tat. "Nicht Hoffnung und nicht Götter nehmen dem Tod das Grauen, nur dies: Gedenken dessen, was war und sein kann zwischen Mensch und Mensch", lautet ein Ausspruch aus der "Seeschlacht", der von der tiefen Sehnsucht der Weltkriegsgeneration nach einer Neugeburt aller menschlichen Gemeinschaft kündete.

Der Heidelberger Aufführung der "Seeschlacht" ist zu danken, das sie die Auseinandersetzung mit der Gestalt Reinhard Goerings wie mit der expressionistischen Dramatik ermöglicht; Wenn man sich zwar an die Inszenierung eines stilistisch für uns schon so abseitigen Werkes wagt, dann bedarf es besonderer Voraussetzungen, dies der heutigen Jugend und dem heutigen Publikum gegenüber zu rechtfertigen. In dieser Hinsicht ist die Heidelberger Aufführung keine volle Erfüllung. Denn Willy Hanke verwechselte als Gastregisseur sichtlich Theatralik mit der seelischen. Steigerung einer unrealen Sprache. Gustaf Gründgens hat einmal nach der Schließung der Theater, noch im Kriege, den Ausdruck geprägt, alles-, was mit dem alten Theaterzauber, mit Schminke und Pappe zu tun hat, sollte der Film dem zukünftigen Theater abnehmen: "Erst wenn--das Theater den Philharmonischen Konzerten näherkommt (an Strenge und Erlesenheit), wird es sich von dem Schlag erholen, den man ihm versetzt hat." Reinhard Goering hat vom Dramatiker gefordert, daß seine Absicht dahin ziele, aus der Tragödie wieder etwas zu machen, was George mit dem Wort "Begehung" umschreibt. Hier treffen sich also sichtlich künstlerische Tendenzen in der Forderung. des schon toten Dichters und des schöpferischen Regisseurs in der Schau eines gegenwärtigen Theaters. Die Heidelberger Inszenierung widersprach beiden. Insofern aber gewinnt sie an allgemeinem Interesse, wenn sich an ihr, über den besonderen Fall, die Geister zur Klärung der Situation aufgerufen fühlen. Denn die Lektüre der Dichtung reiht für den Lesenden Zitat an Zitat einer geradezu erschütternden Aktualität, während die Aufführung die Problematik einer seelengeblähten theatralischen Darstellungsform in ihrer Sinnlosigkeit offenbar werden läßt, niemand zunutze.

K. F. Reinking