Im Kammertheater in Stuttgart ging das Werk "Caligula" des Franzosen Albert Camus in Szene. Die Aufführung, die alle Züge eines be- – deutenden Ereignisses zeigte, war darstellerisch eine Glanzleistung, zumal von Paul Hoffmann, dem Träger der Titelrolle. Diese Rolle erfordert einen Schauspieler von außerordentlichem Format. Wie sollte er sonst einer Gestalt gerecht werden, die die Verkörperung, der Scheußlichkeit selber ist, und dies nicht aus Triebhaftigkeit oder politischem Machtrausch, sondern aus Philosophie? Das Werk von Albert Camus ist kein historisches Drama. Die historischen Züge des römischen Kaisers und seiner Zeit sind nur Gerüst und dienen bloß dazu, das Geschehen nicht völlig in der Abstraktion einer geistigen Auseinandersetzung ablaufen zu lassen. Damit in diesem Punkte auch keinerlei Mißverständnisse entstehen könnten, ließen die Inszenatoren des Schauspiels – Helmut Henrichs als Regisseur und Hans Christoph Schmolck als Bühnenbildner – das Werk im Frack und in der Umwelt konstruktiver Architektur und Requisitenandeutungen spielen. Nur der römische Cäsar trug über dem Frack einen eleganten togaähnlichen Überwurf. Dieser Stil war konsequent und einheitlich durchgeführt. Er wirkte daher überzeugend und entsprach genau dem, was die heutige Szene fordert: Durchbrechung der romantischen Illusion, das heißt: Abstandslosigkeit vom Bühnengeschehen für den Zuschauer. Und dennoch muß gegen das Stück einiges eingewendet werden.

Gewiß, die moderne Menschheit ist im Begriff, ihre Existenz (nicht zuletzt durch die Erfindung der Atombombe) zu gefährden, und man kann mit, Camus sagen: "aus Lust das Unmögliche zu wollen". Denn ob man sich wie Caligula den Besitz des Mondes wünscht oder ob man die Beherrschung der kosmischen Kräfte der Atomenergie erstrebt –: in beiden Fällen wird eine Grenzsituation des Menschlichen gesucht oder erreicht, und die Dichtung setzt nur das Symbol für die Wirklichkeit. Es ist nun fast immer ein Vorzug der französischen Literatur gewesen, sich keinen falschen Illusionen über den Zustand der Welt hinzugeben. Aber sieht Camus den Dingen wirklich ins Auge? Wenn man Verbrecher aus Intellekt wird, und zwar aus einer pessimistischen Welt- oder Gottesschau, kurz, ein Verbrecher aus Philosophie, "weil die Welt, so wie sie ist, nicht befriedigen kann" und weil "es nur einen Weg gibt, den Göttern zu gleichen ebenso grausam zu sein wie sie", dann würde ein so denkstarkes Geschöpf wie Caligula von Camus in Wirklichkeit rascher und konsequenter zu Ende denken und – ein passiver Held werden. Statt dessen aber bedarf es erst der Demonstration der Vernichtung von allem und allen, um zu dem Schluß zu kommen, daß kein Lebewesen sich durch die Vernichtung aller Werte selbst retten und dadurch zur Freiheit gelangen kann. Die Tragödie des Menschen und die Grenzsituation der modernen Menschheit entstammt schließlich nicht nur dem Intellekt. Und das sollte wesentlich zu ihrer Erkenntnis sein. Aber daß Triebe wirksam sind – dies negiert Camus in seinem Helden. Sein Caligula ist eine Abstraktion, angeblich ein Philosoph, aber ein abgeschmackter Philosoph, eine Denkmaschine und obendrein ein Verbrecher. Camus glaubte eine Tragödie zu schreiben. Doch was er schrieb, wurde zwar ein glänzendes Theaterstück von blendender sprachlicher Diktion, im übrigen aber ein höchst problematisches Gebilde,

So blieb der Gesamteindruck der Begegnung zwiespältig. Die Übersetzung des Dramas stammt von Ernst Glaeser, bekannt durch seine Bücher "Jahrgang 1902" und "Der letzte Zivilist", und Hans H. Häuser. – Außer Paul Hoffmann trug wesentlich Ruth Hellberg zu dem theatralischen Erfolg des Werkes als Caesonia bei: ein höriges, zweifelndes, aber auch liebendes Geschöpf, das still seinen tragischen Untergang erduldet. "Das Publikum blieb zögernd und sein Dank galt mehr der Aufführung als dem Werk.

K. F., Reinking

Die Wuppertaler Aufführung des gleichen Werkes, die auf der vorhanglosen kleinen Bühne der Kammerspiele vor sich ging, bot sich als präzis entwickelte Demonstration des monomanisch entfesselten Freiheitsbegriffes dar. Hans Caninenberg gab den Caligula mit großen spielerischen Mitteln, die gelegentlich auf bekannte Vorbilder deuteten, als virtuoses Solo, ein Bündel Nerven mit schräg dauerndem Blick und gefährlicher Stimme. Dagegen war Ingeborg Hoffmann in der einzigen weiblichen Rolle, der Caesonia eine zwischen Gefühlskälte und erotischem Trieb gespannte Leistung von fesselndem Reiz. Die Spielleitung Willi Rohdes war auf große Theaterwirkung angelegt, doch mußte sie bei dem engen Bühnenraum, den Hanna Jordan zu einem wirksamen Szenenbild ausgenutzt hatte, notwendig auf krasse Effekte beschränkt bleiben. Das Wuppertaler Publikum stand den Maßlosigkeiten in diesem zweifellos interessanten Zeitdokument ratlos gegenüber, doch gab es am Schluß einen deutlich erkennbaren Achtungserfolg für die vermittelte Leistung. H. G. F.