Die amerikanische Wirtschaft beginnt das Jahr 1948 auf einem Höchststand ihrer Leistung. Die Umsätze im Weihnachtsgeschäft waren in Umfang und Wert rekordartig. Die Produktionsgüterindustrien, von den Stahlwerken bis zur Bauwirtschaft, sind vollbeschäftigt. Das Interesse an Exporten ist relativ gering; sie erscheinen im Augenblick mehr als Pflicht denn als erstrebenswerter Erfolg.

Dennoch ist man in den USA mit der Wirtschaftslage nicht recht zufrieden. Auch Besitz und Wohlstand kann Sorge bedeuten, und zwar Sorge, die sehr viel schmerzlicher scheint als die unsEuropäern soviel näherstehende Sorge um die nackte Existenz. Denn Besitz enthält nur einmal den Drang zu seiner Erhaltung und Mehrung. Für sich betrachtet droht dem Boom in den USA die explosive Gefahr der „Inflation“... Präsident Truman möchte ihr durch sein Zehn-Punkte-Programm der Kontrollmaßnahmen begegnen. Die Notwendigkeit kontrollierenderEingriffe wird auch recht allgemein anerkannt. Aber die politische Lehre der Freiheit läßt die Parteipolitiker vor der Verantwortung für die Kontrolle zu Beginn des Wahljahres. 1948 zurückschrecken Weltwirtschaftlich betrachtet spürt man die Verpflichtung, zum internationalen Gleichgewicht mit Geld und mit Gütern beizutragen, nicht nur, weil man dem imperialistischen Kommunismus das Argument der wirtschaftlichen Not aus der Hand schlagen möchte, sondern auch, weil man den hohen Infektionsgrad auch eines zunächst lokal erscheinenden Wirtschaftschaos kennt.

Ist der Marshall-Plan tragbar?

Der Marshall-Plan soll diesen externen Gefahren begegnen. Wie zwangsläufig er sich auf der politischen und wirtschaftlichen Machtstellung der USA als Ergebnis des Krieges ergibt, läßt sich am besten an der Geschwindigkeit ermessen, mit der er sechs Monate nach seiner Verkündung Allgemeingut der USA-Öffentlichkeit geworden und grundsätzlich soweit akzeptiert ist, daß der Kongreß nur noch überdas Wiezu debattieren haben wird – was sicherlich sehr ausgiebig geschehen wird–, sich dagegen über das Prinzip nicht mehr zu streiten brauchte.

Durch die Verknüpfung, des Marshall-Planes mit der Inflationsbekämpfung ist in den USA, und nicht nur dort, unberechtigt der Eindruck entstanden, als ob Amerika wohl das Geldopfer von 15 bis 20 Mrd. Dollar tragen könne, nicht aber die Bereitstellung des Gegenwertes in Gütern, auf die es für Europa ankommt, Aber ist denn Amerikas Wirtschaftslage etwa so angespannt, daß es sich eine Versicherungsprämie von 2. v. H. fürweltwirtschaftliche Stabilität nicht leisten könnte?(Nach William Clayton würde die Marshall-Hilfe etwa 2 v. H. des gegenwärtigen Volkseinkommens der USA von 225 Mrd. Dollar ausmachen.) Niemand wird ernstlich eine Leistungsfähigkeit der USA in dieser Höhe anzweifeln wollen. In einzelnen Gütern mag den USA die Last zu schwer werden. So möchten sie fürs erste kein Öl zusätzlich exportieren, da sie zum erstenmal seit 22 Jahren mehr Öl importieren als sie ausführen. Die USA befinden sich auch ineinem sehr empfindlichen Engpaß der Stahlproduktion, sowohl in der Kapazität als auch inder Versorgung mit Schrott.

Die größten Bedenken haben sie jedoch bei der landwirtschaftlichen Ausfuhr. Vor dem Kriege stellten die Vereinigten Staaten 5 v. H. der Weltgetreideausfuhr, und sie halten es für eine zu leichtsinnige Wette mit dem Wettergott, wenn sie weiter, wie gegenwärtig; mehr als 50 v. H. derExportüberschüsse an Getreide liefern sollen. Langfristig denken sie dabei auch an die bedenkliche Versteppungsgefahr ihres überbeanspruchten Bodens. Das Schlagwort „Wir dürfen nicht Fruchtbarkeit exportieren“ ist entstanden, und Landwirtschaftsminister Anderson möchte sehr viel mehr als bisher für die Bodenkonservierung tun. Aber für diese Sonderfälle läßt sich bei gutem Willen leicht eine Lösung, finden. Es liegen auch bereits Vorschläge vor, die Commodity Credit Corporation zu ermächtigen, nicht nur wie bisher im Inland Preis- und Abnahmegarantien zu gewähren, sondern auch im Ausland vor der Aussaat bindende Kontrakte zu schließen. Andererseits scheint der Sündenbock beim Hochtreiben der Weizenpreise, Argentinien, nunmehr bereit zu sein, Weizen zuwesentlich angemesseneren Preisen als den bisherigen von 5 bis 6 Dollar je bushel (gegenüber gut 3 Dollar für USA-Weizen) zu exportieren, wenn ihm amerikanische Produktionsgüter ebenfalls zu angemessenen Preisen garantiert werden. Das Prinzip, einen Teil der Hilfe für Europa außerhalb der USA einkaufen zu lassen, ist übrigens für die „Zwischenhilfe“ bereits genehmigt. Der Kongreß hat der Verwendung von 25 v. H. der Zwischenhilfe im Auslande zugestimmt gegenüber einem Satz von nur 6 v. H. bei den USA-Beiträgen zur UNRRA. Selbstverständlich werden auf Umwegen auch diese 25 v. H. Export der USA bedeuten, jedochnicht notwendigerweise dieser besonders knappenGüter.

Rückgang der bezahlten Exporte