Hier erhält der Verwaltungspraktiker das Wort zu dem in letzter Zeit viel besprochenen Thema: Bewirtschaftung. Wir sind mit dem Verfasser, der in der Wirtschaftsverwaltung eines Landes der Doppelzone an leitender Stelle steht, weitgehend einer Meinung, was seine Analyse des Versagens der staatlichen Bewirtschaftung angeht. In anderen Punkten differieren unsere Anschauungen, vor allem in der Frage, ob die Zuteilungen grundsätzlich für alle Bedürftigen „gleich“ sein müssen, oder ob ihre Differenzierung nach dem Leistungsprinzip sinnvoll ist.

Den verantwortlichen deutschen Behörden ist letzthin in der Öffentlichkeit wiederholt vorgeworfen worden, sie hätten sich als unfähig erwiesen, die bestehende Wirtschaftsordnung aufrechtzuerhalten, und sie hätten damit die immer offensichtlich werdenden Mängel der Versorgung verschuldet. Was ist zu diesen Vorwürfen zu sagen?

Die Bewirtschaftung von Nahrungsmitteln und Verbrauchsgütern hat ihren Anlaß in einer Verschiebung des natürlichen Verhältnisses von Angebot und Nachfrage, die – bei einem freien Spiel der Kräfte –dem wirtschaftlich schwächeren Teil der Bevölkerung die Lebensgrundlage nehmen würde. Durch staatliche Anordnungen soll eine gleichmäßige Versorgung aller sichergestellt werden. Dies bedeutet eine Nivellierung des Verbrauchs. Der wirtschaftlich starke Bevölkerungsteil muß zugunsten des schwächeren auf einen Teil seiner Versorgungsmöglichkeiten verzichten.

Alle Bewirtschaftungsbestimmungen werden nur solange befolgt, als sie ein gewisses Mindestmaß der Versorgung sicherstellen. Wird diese Grenze unterschritten, so wird der primitivste Trieb der Selbsterhaltung jeden Einzelnen veranlassen, die gesetzlichen Bestimmungen zu durchbrechen und sich, je nach seinen Kräften – durch Tausch, zusätzliche Arbeit oder andere Mittel – das zu beschaffen, was er zur Aufrechterhaltung seiner Existenz braucht. Hierbei steht das natürliche Rechtsempfinden auf seiten derjenigen, die die Gesetze übertreten, und keine noch so scharfen Strafmaßnahmen werden die BevöIkerung hindern, ihren Lebenswillen, so gut es eben geht, durchzusetzen.

Was für den Einzelnen gilt, trifft in gleicher Weise auf die wirtschaftliche Einheit des Betriebes zu. Sobald den Unternehmen nicht mehr soviel Rohstoffe und Betriebsmittel zugewiesen werden, wie sie zur Durchführung der Produktion erforderlich sind, greift auch der verantwortungsbewußte Fabrikant, Handwerker und Bauer zur Selbsthilfe, und findet hierbei die volle Unterstützung seiner Arbeiterschaft. – Die viel erörterten Kompensationsgeschäfte haben hier ihren Ursprung.

Die Grenze des Zumutbaren ist in Deutschland bereits seit langem überschritten. Seit Jahren erhalten die Bewirtschaftungsbestimmungen einen Schein aufrecht, der mit der Wirklichkeit immer weniger übereinstimmt. Recht und Gesetz klaffen immer weiter auseinander. Je weiter die Zeit fortschreitet, um so mehr greift die Überzeugung von der Unsittlichkeit einer Bewirtschaftungsordnung um sich, die der Bevölkerung nicht mehr die Aufrechterhaltung der nackten Existenz gewährleistet, und desto schwerer wird es, die zusammengebrochene Ordnung wieder herzustellen. Wenn anfangs noch eine geringe Erhöhung der Zuteilungen einen befriedigenden Erfolg hätte erzielen können, so kann jetzt nur eine wirklich großzügige Vermehrung der Zuweisungen an lebensnotwendigen Verbrauchsgütern, die einen erträglichen Lebensstandard sicherstellen, die Rückkehr zur Gesetzmäßigkeit ermöglichen. Die Deutschland verbliebenen Mittel reichen für eine solche Maßnahme aber nicht aus.