Von Jan Molitor

in einem soeben erschienenen Almanach, betitelt ,,Die Brigantine’’, stellt Hans Dulk, Hamburg, die Autoren seines Buchverlags vor, unter ihnen Rudolf Bach, Martin Beheim-Schwarzbach. Georg Britting, Alexander Lernet-Holenia, Friedrich Georg Jünger. Dorothea Podewils, Ernst Penzoldt und Jan Molitor. Wir bringen nachstehend den Beitrag unseres Redaktionsmitgliedes aus diesem Almanach:

Wie sanft erregend dies einmal war in friedlichen Stunden, die immerhin die zerstörungssüchtige Weltgeschichte gelegentlich – und sei es nur aus Zufall und Versehen – den Sterblichen bereitete, durch fremde Städte zu gehen und zu schauen, wie die Leute lebten, wohin sie sonntags ihren Spazierstock und ihren Dackel lenkten, falls sie einen hatten, wo sie ihren Nachmittagskaffee zu schlürfen pflegten, wo sie die Schulen errichtet, damit ihre Kinder das Einmaleins und die höhere Mathematik und das nie befolgte Gebot, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, lernten, und wo sie die schattigen Stätten angelegt hatten, auf denen sie ihre Toten begruben.

O, gleichgültige Neugierde des Unbeteiligten, die den fremden Gast befähigte, just das und nur zu erfahren, was ihm lieb war! Es war jene Stufe einer Anteilnahme, die keine volle. Trauer kannte und freilich auch kein volles Glück, wenigstens keines, das sich in der Einzahl zählen. ließe In fremden Städten, bevor die größe Zerstörung kam, erschien es immer dem Unbeteiligten, als würden Schmerz und Glück in kleinen Münzen ausgegeben. Es gäbe kein Glück, kein rundes, volles Glück, hat ja ein Weiser aus China behauptet. Bei ihm kam das Glück nur in der Mehrzahl vor: „An warmem Tage schwere Regentropfen an einem Fenster rinnen zu sehen, ist ein Glück Mit scharfer Schere Seidenpapier zu schneiden, ist ein anderes Glück“. Er wußte noch viele Exemplare dieses Mehrzahl-Glücks zu nennen. Und ich beeile mich, hinzuzufügen: In fremder, unzerstörter Stadt beim Vorübergehen zu hören, wie aus geöffnetem Fenster eines Schulgebäudes das ein wenig geleierte Psalmodieren eines klassenweise aufgesagten Gedichts drang, war ein Glück. Und es war ein: anderes Glück, in einer fremden Stadt ein Museum zu betreten und neidlos die Bilder zu betrachten, die den Kunstbesitz der Bürger ausmachten. Besaßen sie einen Rembrandt, einen Dürer? Hut ab vor dieser Stadt! Oder besaßen die kunstbeflissenen Einwohner nur namenlose Ölgemälde, denen längst begrabene, einst verdienstvolle Mitbürger oder die lebende Natur, der Fluß, der Berg, die Ebene gepriesen wurden? Hut ab auch, vor dieser Stadt! Es war ein Glück, ein fremdes Museum in lässiger Erwartung zu betreten, ein Glück, es wieder zu verlassen, schmunzelnd oder mit dem Abglanz des Staunens in den Augen. Durfte der Betrachter nicht überzeugt sein, daß er vom Kunstbesitz einer Stadt auf das innere Wesen der Bürger schließen konnte? Und wenn er seine Rückschlüsse traf – hat er sich vielleicht geirrt?

Unter uns: Die Bilder im Museum, einer fremden Stadt brauchten nicht einmal gut zu sein, damit wir uns daran erfreuen konnten. Es gab das kleine Glück der Schadenfreude oder die Möglichkeit, beim Verlassen des Museums die Bilder in der Phantasie viel schöner nachzumalen, als sie in Wirklichkeit gewesen!

Da sind die „Bilder einer -Ausstellung“, die Mussorgskij fürs Klavier komponiert hat! Es heißt, es habe sich um die Bilder eines Freundes gehandelt, eines deutschen Künstlers übrigens, der seinerseits – und dies freiwillig damals! – in Rußland arbeitete, und man sagt ferner, die Gemälde seien ganz und gar nicht bedeutend gewesen. Aber wie Mussorgskij sie in seinen Tönen nachgemalt hat! Den knarrenden russischen Bauernwagen, den Markt und den Tummelplatz der Kinder in einer französischen Stadt, römische Katakomben und zuletzt das Große Tor von Kiew. Er hat in den Zwischenspielen auch sich selbst komponiert, wie er von Bild zu Bild schreitet, feierlich, manchmal auch zögernd. Ach, er war ergriffen, der große Mann, der tapsige Bär, der später am Alkohol zugrunde ging! Und als er an das letzte Bild – eben jenes „Große Tor von Kiew“ – kam, hat er die Feierlichkeit des alten Rußland und viele Glocken – schwere und dicke und leichte und kleine – in seinem Herzen tönen und dröhnen lassen. Er ist. der Unglückliche, in dieser Ausstellung glücklich gewesen; unter diesen Bildern, die ihm nicht gehörten. Wie anders sieht man die Bilder an, die einem zu eigen sind! Als ich in Köln wohnte – jung und, mit wenig Geld – da war ich reich. Mir gehörte die Madonna von Lochner, das Dombild. Ich sah es immer wieder an. Und in diesen großen Momenten gehörten wir zusammen, die Mutter Gottes aus Köln und ich, der Unwürdige, der ich-, mich in so vielen kleinen Momenten mit anderen Jungen prügelte. Als ich in Berlin wohnte und mich plagen mußte, über Wasser zu bleiben, war ich reich. Mit gehörte der Pergamon-Altar, und ich ging oft hin, und es war mir, als hätten Jahrtausende nicht stattgefunden und als spazierte ich durch eine griechische Stadt – ein Jammer, daß Mussorgskij dies nicht komponiert hat! Die Russen aber, seine Landsleute, haben meinen Altar sichergestellt, wie es heißt, und ihn nach Rußland mitgenommen, damit sie besser auf ihn aufpassen können. Doch wenn er wiederkehrt eines Tages, werde ich nicht reicher sein. Er gehört mir nicht mehr, der Pergamon-Altar. Denn ich wohne nicht mehr in Berlin, wo, als ich aus dem Krieg heimkehrte, nichts mehr war darin ich hätte wohnen, und keines meiner Bücher mehr, darin ich hätte lesen – können. Man hat mich nach Hamburg zu gehen veranlaßt, und es ist mir nicht leicht gefallen.

Eine fremde Stadt mit einem großen. plötzlich allzu still gewordenen Hafen; ein fremder Ort, wo mir nichts gehört. Ja, ich? erinnerte mich, es war früher ein Spaß gewesen, gelegentlich in Hamburg zu sein, damals, als die großen Schiffe nachts im Hafen wie Tiere über die Stadt hinaus brüllten. Ich erinnere mich auch im Museum gewesen zu sein, hier „Kunsthalle“ genannt; fröhlich hinein, fröhlich heraus. Ja, Hamburg war eine reiche Stadt mit vielen großen, prächtigen Bildern. Ich sah und vergaß sie. Denn die Bilder im Museum einer fremden Stadt darf man vergessen. Was gings mich an, damals, als mir. dem Kölner, die Madonna in Köln, und später als mir, dem Berliner, der Pergamon-Altar gehörte? Aber jetzt lebe ich in Hamburg, wo mir nichts gehört, und eines Tages haben sie die Kunsthalle wieder ausgebessert und aus zerstörten Räumen wieder eine ansehnliche Galerie gemacht, und ich gehe hin, den Kunstbesitz, soweit er Platz gefunden hat in dem durch Bomben beschädigten Haus, ein wenig zu betrachten, und gleich im ersten Saal setze ich mich nieder auf ein Polster und sehe: ich bin wieder reich. Mir, soweit ich Hamburger bin, gehören Bilder, die nicht nur weltberühmt, sondern schön sind. Und ich habe gleich herausgefunden, was mir speziell gehört. Mir gehört die „Nana“ von Manet.