Von Hanns Braun

Die christlichen Jahrhunderte“ – wie viele von denen, die sich dieses Wortes bedienen, machen sich klar, daß sie strenggenommen damit dem Christentum, so wie es sich selbst versteht, die Existenz bereits abgesprochen haben? Dazu ist nicht unbedingt Haß vonnöten. Im Gegenteil, es gibt ja ohne Zweifel den Haß, der geradezu als Existenzbeweis des Gehaßten gelten muß. Satans Haß gegen Gott ist nicht, weil der Teufel nicht an Gott glaubt, sondern weil er weiß, daß er ist. Nietzsches Christushaß, das haben seine letzten Worte preisgegeben, hatte Glaubensgrund; auch bei ihm, wenn er Gott als „tot“ hinstellt, ist dies Nichtwahrhabenwollen nur eine Form des Vernichtungswillens, wie sie dem Haß, der stets vernichten will, entspricht.

Die, von denen hier ausgegangen werden soll, haben nichts dergleichen im Sinn. Nicht nur hassen sie das Christentum nicht, sie sind geradezu von seiner Größe und Bedeutung überzeugt, fühlen sich seinen Ideen und Anregungen dankbar verpflichtet, stehen ihm durchaus wohlwollend gegenüber. Nur sind sie der Meinung, mit Seufzen vielleicht, daß es „seine Zeit gehabt“ hat, nämlich in jenen „christlichen Jahrhunderten“, und daß es damit jetzt und künftig „vorbei“, und längst etwas anderes an seine Stelle getreten ist. Diese ihre Meinung speist sich aus der Annahme, das Christentum sei eine „Idee“. Es sollte aber klar sein, daß das Christentum sich nie, zu keinem Zeitpunkt, also auch heute nicht, für eine Idee hält, sondern von aller Anfang an für etwas, Mehr-als-ideell-Wirkliches, das als solches bis zum letzten Tag, bis zum Weltuntergang, da und dabei sein wird. Wer es also für nicht-mehrexistent, für vergangen und passé ansieht, der bestreitet ihm seine Existenz überhaupt. Das Wohlwollen dabei beruht auf einem Mißverständnis und schlägt nicht selten ins Gegenteil um. wenn man es mit dem wesentlichen und unabdingbaren Anspruch des Christentums konfrontiert: in sich allein das Heil des Menschen in Pacht zu haben, das heißt: die Erlösungsgewalt aus dem so sichtbaren Verderb in dieser für eine künftige Welt.

Nun werden freilich alle, die das Christentum für eine Idee halten (die, wie andere Ideen auch, eine Zeitlang der Lebensbewältigung hienieden dienen, dabei verbraucht werden und schließlich durch andere bessere, das heißt in diesem Fall: noch nicht enttäuscht habende, ersetzt werden müssen), auf die unleugbare Tatsache verweisen, daß sich seit jenen christlichen Jahrhunderten vieles geändert hat, so zwar daß die allgemeine Geltung der christlichen Religion abgenommen habe auf eine Weise, die uns von unserm eigenen Jahrhundert nicht mehr als von einem christlichen zu sprechen erlaubt. Das ist vollkommen richtig. Nur darf die Betrübnis, die dem Christen dabei wohlansteht, nicht mißdeutet werden: sie ist völlig frei von Überraschung, daß dem so ist. Mögen andere sich so anstellen, als sei ihre Enttäuschung am Christentum darob tief und bitter, der Christ selber weiß und kann es belegen, daß Christus selbst diesen Gang, der Dinge vorausgesagt und den Seinen dafür sogar Verhaltungsregeln mitgegeben hat, Wenn es also heute, wo dieser Schwund des Christlichen längst deutlich geworden ist, für den Christen dennoch eine Überraschung gibt, so ist es nur die: daß so jämmerlich wenig Menschen das Furchtbare, das nun nicht minder deutlich im Zeichen des Antichrist heraufkommt, mit jenem Schwund in Zusammenhang bringen. Offenbar meinen sie, das sei nur ein zufälliges Zusammentreffen, und es werde anders werden, sowie den Menschen anderes, Besseres, das heißt aber natürlich: etwas Neues einfällt; denn Umkehr, Rückkehr zum Christentum – nein; „man kann doch nicht das Rad der Geschichte zurückdrehen“.

In der Tat, es besteht hohe Wahrscheinlichkeit, daß sie recht haben, wenn sie sagen, daß die christlichen Jahrhunderte nicht zurückkehren werden. Aber für den Christen besteht zugleich Anlaß, darauf zu verweisen, daß jene christlichen Jahrhunderte niemals das gewesen sind, was die Menschen heute, einschließlich vieler Christen, darunter verstehen wollen. Wofern diese nämlich unterstellen, damals seien die meisten Menschen, wenigstens im Abendland, Christen gewesen, bleibt darauf zu erwidern, daß es in diesem Sinn überhaupt nie ein „christliches“ Jahrhundert, auch nicht ein einziges, gegeben hat, und auch nie gegeben haben kann, weil eine solche Auffassung die Weise verkennt, in der das Christentum in der Welt ist.

Was es gegeben hat in jenen Zeiten und was seinen wunderbaren Glanz bis in unsere eignen hineinwirft, das war die christliche Kultur; das will sagen: das Durchdringen des gesamten Lebens mit den Prägekräften des Christusglaubens. In seinen- Bildern und Formeln wurde die Welt angeschaut, und dieser Bestand an ordnenden Worten und Weisen ist ja auch heute noch nicht aufgebraucht, ohne daß für die meisten darin etwas Verbindliches und Verpflichtendes läge – man denke nur an die Namengebung und den Feiertagskalender.

Es ist schon so, daß die Menschen, jener Jahrhunderte damit etwas angenommen hatten, von dem sie vielleicht selber nicht begriffen, in welchem Ausmaß dieses Annehmen sie mit Glückseligkeiten, und keineswegs nur inwendig, bedacht hat. Möglich sogar, daß wir, die das Angenommene „abgetan“ finden, im Abstand heute besser sehen, was das Wunderbare eines italienischen Platzes, einer mittelalterlich-deutschen Häuserzeile, eines gotischen Doms unwiederholbare Herrlichkeit ist, – besser als jene, denen diese Schönheit mit vielen anderen Gnaden als deren Abglanz geschenkt war. Auch Armen ist eine Gnade; aber wer achtet darauf, solang er gesund ist!