Von Kurt Kusenberg

Lauter heilige Männer und Frauen hat der Hinterglasmaler während der vergangenen Wochen auf die Scheiben gepinselt. Kein Wunder, daß es ihn jetzt nach etwas Herzhaftem verlangt. Bedächtig kramt er in seinen Vorlageblättern und greift sich den Sündenfall, ein Bild, das gern gekauft wird. Doch die Vorlage gefällt ihm nicht; so geziert ist das erste Menschenpaar gewiß nicht durchs Paradies geschritten. Nein, da hilft nichts – er selbst muß die Zeichnung entwerfen.

Leicht gesagt, schwer getan. Du magst ein Ding deutlich vor deinem inneren Auge erblicken und wirst doch große Mühe haben, es nachzubilden. Der Weg vom Auge über die Hand zum Papier ist weit und voller Fährnisse. Was du zuwege bringst, gleicht dem Augenbild wie der Schatten der Gestalt, kaum mehr. Der Hinterglasmaler weiß das wohl, aber er läßt sich nicht entmutigen. Stunden gehen darüber hin, bis er Strich für Strich die Zeichnung gefertigt hat. Nun steht sie da, und er ist klug genug, daß er sich mit dem, was er erreicht hat, zufrieden gibt.

Sorglich zeichnet er den Entwurf um, ehe er ihn unter das Glas legt und die Linien nachzieht. Denn das Bild hinter der Scheibe wird ja dem Beschauer mit verwechselten Seiten entgegentreten: was zur Rechten gemalt ward, erscheint zur Linken. Wie gut haben es jene Künstler, die eine Leinwand bemalen! Indem sie werken, wächst ihnen sogleich das Bild zu; sie sind Schöpfer und Zuschauer in einem. Der Hinterglasmaler aber darf nicht an sich allein, er muß vor allem an die anderen denken. Er hat darauf zu achten, daß die Sonne keine Linkshänder bescheint. Und dafür sorgt er, indem er die Zeichnung umkehrt, bevor er sie aufs Glas bringt.

Derweil wir reden, hat er längst die schwarzen Linien hingesetzt, ein wenig derb vielleicht, aber ungemein treffend. Schon ist alles vorhanden, was an dem Geschehnis mitwirkt: die beiden nackten Menschen, der Baum und die kupplerische Schlange, die sich um einen Ast ringelt. Mit Linien läßt sich viel beschwören; sie umschließen die Form, die jedes Dinges Sinn umschließt. Aber noch ist das Bild nicht leibhaft, noch fehlen ihm die Segnungen der Farbe. Dünn wie eine Zauberschrift stehen die Striche auf der wasserhellen Scheibe, und die ersten Menschen haben keine Münder, weil der rote Pinsel auf sich warten läßt. Noch können sie einander nicht schöntun, weder mit Worten noch mit Küssen.

Was wir nun berichten, geschieht beileibe nicht Zug um Zug, weil jede Farbe trocknen muß, wenn sie dauern will. Nein, die schwarzen Linien warten eine ganze Weile hindurch auf dem Glase, bevor sich die nächste Farbe hinzugesellt, und zwischen diese und die folgende gerät wiederum eine Wartezeit. Schichten sind es, die sich allgemach übereinanderlegen, damit rückschreitend ein Bild entstehe, dem man nicht anmerkt, daß es stückweise gefertigt wurde. Seht, jetzt zieht die Buntheit ein! Der rote Pinsel führt den Reigen an, er schenkt den Sündern Lippen, er färbt ihre Wangen und hängt pralle Äpfel an den Baum, der noch kein Laub trägt. Eigentlich könnte der Maler jetzt schon die Arbeit ruhen lassen, denn das Wichtigste ist getan. Die rote Farbe hat auf sinnfällige Weise die Lippen des Paares und die lockende Frucht in Bezug gebracht. Doch der Künstler gibt sich nicht zufrieden. Er besteht darauf, daß es grüne; er eifert dem dritten Schöpfungstage nach. Eine saftige Wiese breitet sich unter die Füße der beiden Gestalten, der Baum kommt endlich zu seinem Laub.

Der nächste Anstrich gilt dem Menschenpaar: rosig, fast weiß gleißen die nackten Körper. Die braune Farbe, welche nun folgt, tönt den Baumstamm und die Äste, beider Menschen Haar, auch des Mannes Bart, und nimmt sich sogar der Schlange an, wie wenn diese dem Baum zugehöre. Eine gelbe Farbschicht macht den Beschluß. Sie deckt sorglich zu, was noch nicht bemalt ward. Ihr obliegt es, den Blick, der sonst in die Tiefe streben könnte, sanft einzufangen und zurückzuleiten auf die Menschen unter dem Baum.

Das Werklein ist beendet, der Maler macht sich daran, es mit einem Rahmen zu versehen, damit es umgrenzt sei und gegen die Umwelt bestehe. Nach eigenem Sinn und mit eigener Hand hat er die unfromme Geschichte neu berichtet, und sie ist ihm gut geraten.