Den Kindern und all denen, die ein kindlich einfaches Herz haben, erzählt eine alte Legende von der Heiligen Genoveva und ihrem Sohne Schmerzensreich. Diese Geschichte trug sich zu – so wird erzählt –, als die Ritter ihne Kreuzzüge ins Heilige Land unternahmen. Dort kämpften sie um Christi willen gegen die heidnischen Türken. Und daheim, in Deutschland, kam häufig Unordnung vor, während die Väter und Brüder in den Krieg gezogen waren. So war es auch auf der Burg des Pfalzgrafen Siegfried. Der Pfalzgraf war ins Morgenland geritten und hatte den Haushofmeister Golo zum Schutz seiner Frau, der jungen Gräfin Genoveva, zurückgelassen. Aber das war ein schlechter Schutz. Denn Golo – kaum, daß er nun Herr im Schlosse war – stellte Genoveva nach. Sie aber wollte dem falschen Golo nicht gehorchen, sondern dem Grafen, ihrem Manne, die Treue halten. Als aber der Graf zurückkehrte, trat Golo als Meister der Lüge auf und log, Genoveva sei ihrem Manne nicht treu gewesen. Dieser geriet in furchtbaren Zorn, und er duldete es, daß Genoveva aus dem Schloß verstoßen und in den tiefen Wald gejagt wurde. Sie trug ihren neugeborenen Sohn im Arm und nannte ihn Schmerzensreich, weil er in all seiner Jugend schon so reich an Entbehrungen und Schmerzen war. – Verlassen von allen Menschen irrte Genoveva in dem wilden Wald umher und suchte einen Ort, wo sie sich, vor Ungewitter geschirmt, aufhalten könnte. Am dritten Tage aber, als sie noch tiefer in die Wildnis hineingegangen war, fand sie in einem Felsgeste in eine Höhle und nahe dabei einen’kleinen Quellbrunnen. Genoveva sagte: „Ich nehme diese schlechte Wohnung an als von Gott bescheert“ und machte für Schmerzensreich und für sich selbst ein Bett aus Baumzweigen und Laub und suchte sich von Tag zu Tag frische Wurzeln zur Nahrung. Schmerzensreich aber hungerte und dürstete, weil er zu klein war, Kräuter und Wurzeln essen zu können. Und Genoveva kniete an einem Baume nieder und betete zu Gott: „Mein Gott und Herr, können deine gnädigen Augen ohne Mitleiden ansehen, wie dieses unschuldige Kind verschmachten muß? Ach, erbarme dich sein, da sein Vater so hart ist und da die Mutter nicht helfen kann!“ Kaum hatte die weinende Mutter dieses Gebet beendet, da lief eine Hirschkuh herzu, die sich wie ein zahmes Tier anstellte und freundlich um sie herstrich, gleich als wollte sie sagen: „Sieh, mich hat Gott gesendet, dein Kind zu ernähren.“ Diese Hirschkuh kam täglich, dem Kind Milch zu geben. So wuchs Schmerzensreich heran, und Genoveva unterrichtete ihn, so gut sie in der Einsamkeit konnte, und hatte herzlichen Trost durch das Kind. Und die wilden Tiere im Wald fingen an, zutraulich zu werden. Sit kamen täglich vor die Höhle und spielten mit den Kinde, es kamen Hasen und Rehe, sogar ein Wolf erschien und brachte ein Lammfell, aus dem Genoveva ein Kleid für Schmerzensreich anfertigte. Die Vögel flogen ihm auf die Hand, und wenn Schmerzensreich ausging, Kräuter zu suchen, so liefen die Tiere mit ihm und zeigten ihm, mit den Füßen scharrend, wo die besten Kräuter wären. Die Mutter Genoveva aber klagte nicht, daß sie anstatt in einem Schlosse im Walde leben mußten, sondern sie lehrte ihrem Sohn dankbaren und frohen Herzens das Vaterunser und die anderen Gebete. Er ward klug in seinen Fragen und Antworten und fröhlich und mutig trotz aller Einsamkeit im Walde, der im Frühling grün, im Sommer erfüllt von Sonnenstrahlen, im Herbst bunt leuchtend und im Winter kalt und schaurig war. – So lebten Genoveva und Schmerzensreich sieben Jahre in der Einsamkeit, und eine Höhle war ihre Wohnung, und Tiere waren ihre Spielgenossen. Bis eines Tages Hornrufe im Walde erschollen. Markgraf Siegfried, der sich auf der Jagd befand und sich tiefer und tiefer im Walde verirrt hatte, erschien vor der einsamen Höhle. Längst in sieben langen Jahren hatte er erfahren, wie sehr er Genoveva Unrecht getan. Und nun, da er Genoveva und Schmerzensreich am Leben fand, führte er sie mit Freuden heim, denn er erkannte, wie sehr Gottes Segen auf ihnen ruhte.