Von Manfred Hausmann

Den meisten Menschen ist es verstattet, sich den-Raum, dem sie ihr Leben anvertrauen wollen, frei zu wählen. Haben sie sich aber erst einmal für einen bestimmten, mag er nun körperlicheroder geistiger, wirklicher oder überwirklicher Natur sein, entschieden, so müssen sie sich, wenn sie in ihm für Jahre oder auch nur für Sekunden zu bleiben gedenken, den dort waltenden Gesetzen und Forderungen durchaus fügen. Manch einer verbringt die ganze Zeit, die ihm. auf. Erden gegönnt ist, in ein und demselben Raum. Der Bauer zum Beispiel der in den Raum des Acker? oder der Weide hineingeboren wird, verläßt ihn nur in den seltensten Fällen, Ein anderer eilt sein Leben lang von Raum zu Raum, ohne sich irgendwo heimisch – zu fühlen, weil er seine Freiheit, die dann allerdings nur eine leere, eine vage, eine vagabundische Freiheit ist, über alles liebt, oder weil ihn die Gift. nach Neuem weiter undweitet treibt, vom Raum der Schule etwa in den Raum der Kunst, vom Raten der Kunst in den Raum der See, vom Raum der See in den Raum des Handels und so fort. Vielleicht gehört er auch zu denen, die es nicht über sich gewinnen, etwas zu opfern. Wer sich einen Raum erkoren hat, ist gezwungen, um in ihm zu gelten, ja um überhaupt hineinzugelangen, nicht nur seine Freiheit, sondern noch manches andere zu opfern. Unter Umständen sogar sein Leben. Wenn ein Skispringer am obersten Punkt der – Anlaufbahn steht und über die fallende Schräge, über den Schanzentisch hinweg in den freien Raum blickt, in den er sich in wenigen Augenblicken kundig und verwegen hinausschnellen wird, um im Bogen einer verkürzten Parabel kirchturmtief und tiefer zu stürzen und sich unten dem vortretenden Steilhang sausend wieder anzuschmiegen, dann kann es sein, daß ein fremdartiger Schatten über sein Gesicht weht wie ein Anhauch des Todes eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Vorgang des Sterbens hat und daß sie sich nicht ohne ein innerstes, wenngleich meist, unbewußtes Erschauern vollziehen kann. Daher die flüchtige Verdüsterung im Gesicht des Springers, die ein Zeichen von Angst, von „Todesangst“ Ein entsprechendes Ereignis. bedeutsamer allerdings, weil verhülltere Bereiche der menschlichen Natur angehend, findet statt, wenn ein Pianist vor dem Flügel, nachdem er sich gesammelt hat, die Hände hebt. Noch steht es ihm frei, seinen eigenen Regungen zu folgen. Aber gleich... jetzt, da seine Finger die Tasten berühren, hat er sich den fremden Kräften überantwortet, die im Raum der Sonate unerbittlich walten. Da dieser Raum nicht nur eine physikalische, wie der Raum des Skispringers. sondern auch und Vor allem eine seelische Qualität hat, muß der Pianist sich auch mit Leib und Seele der neuen Ordnung verschreiben, die ebenso streng, aber mit dem Durcheinander und kurze Verdüsterung von innen her, die indessen, sobald der Springer sich abstößt Und die Bahn hinunterstiebt, im Nu vergeht und einer angespannten Wachheit Platz macht.

Was hat sich da ereignet? Ein Mann der Wissenschaft wäre iimstande, unter Berücksichtigung aller Gegebenheiten, wie Länge und Schräge der Anlaufbahn, Höhe des Schanzentisches, Neigung des Hanges, Beschaffenheit des Schnees und so weiter, die ideale Kurve zu errechnen, die den weitesten Sprung verbürgt. Derjenige Springer also, der seinen-Sprung oder Flug so einzurichten verstünde, daß seine Bahn sich mit dieser Kurve deckt, müßte den Sieg erringen. Jede Schanze hat ihre eigene ideale Sprungkurve. Und immer wieder kommt es für den Springer darauf. an, sich ihr soweit wie möglich anzugleichen. Das bedeutet, daß er während der Sekunden, die er im physikalischen Raum weilt, von seinen sonstigen Gewohnheiten und Freiheiten absehen, daß er von einem bestimmten Zeitpunkt an jede der eigenen Willkür entstammende Bewegung vermeiden; daß er-sich bedingungslos der Gesetzmäßigkeit, die den neuen Raum beherrscht, anheimgeben, daß er, mit anderen Worten, eine kleine Weile um des Sprunges, um seiner Weite und Schönheit willen, alles fahren lassen muß, was sonst sein Menschtum, seine Würde und seine Lust ausmacht Es leuchtet ein, daß der Übertritt von dem einen in den anderen Raum, von der Willkür in die Gebundenheit, der im Augenblick des Starts geschieht, es leuchtet ein, daß diese Loslösung und Überantwortung eine Gegeneinander, mit den Entsprechungen und Bezogenheiten der wogenden und träumenden Tonfolgen tausendmal schwieriger als die der Sprungparabel ist. Im Augenblick des Hintritts bringt er seinen Körper, seinen Willen, seine Individualität, bringt er sein ganzes Selbst zum Opfer: Anders geht es nicht. Er erschauert zumnerst; er auch.

Jeder Künstler, der Musiker wie der Maler, der Dichter wie der Bildhauer, kennt die Angst vor diesem Opfer, das so sehr dem Opfer des Lebens gleicht, kennt die Angst vor der schrecklichen Sekunde des Anbeginns, in der er von aller Welt verlassen, den entscheidenden Schritt in den Raum seiner Kunst tut und die Bitterkeit des Sterbens schmeckt. Ein -großer Maler. hat einmal gesagt, immer, wenn er beginne, ein Bild zu malen, sei ihm zumute,“ als müsse er in ein abgrundtiefes Wasser springen und könne nicht schwimmen. Genau genommen meint dieser Ausspruch zwei Arten von Angst: einmal die Angst vor dem Sprung als solchem, der die Loslösung vom gewohnten Dasein bedeutet, und ferner die Angst vor dem, Geheimnis der Tiefen vor den unbekannten Gesetzen und Mächten, die in dem neuen Raum walten. Für den Springer und seinesgleichen gibt es nur die erste, die Angst vor dem Sprung, für ihn Künstler sind beide, ist besonders die zweite, die Angst vor dem „Nichtschwimmen können“, in Geltung. Der Künstler springt nicht nur von einem bekannten in einen anderen ebenfalls bekannten oder doch erkennbaren Raum; er stürzt vielmehr, da es der Raum der Kunst ist, den er sucht, in eine unheimliche Dunkelheit hinein. Er weiß, daß er verloren ist. als Künstler verloren ist, wenn er sich nicht so verhält, wie diese Dunkelheit und ihre unbekannten und unerkennbaren „Gesetze“ es von ihm verlangen. Die Gesetze der Sprungparabel sind grundsätzlich Erkennbar, gleichgültig, ob der Springer sie realiter kennt oder nicht; die „Gesetze“ des künstlerischen Wirkens sind grundsätzlich unerkennbar, sind auch dann. unerkennbar, wenn der eine oder andere Künstler glaubt, sie erkannt zu haben. Gleichwohl müssen sie, die unbekannten und unerkennbaren, auf das genaueste eingehalten werden, wenn dasWerk gelingen soll. Eine nahezu verzweifelte Situation, Die verdoppelte, nein, die um eine Unendlichkeit; wirklich um eine Unendlichkeit vertiefte Angst bekundet den qualitativen Unterschied, der zwischen dem Springer und dem Künstler besteht Das Unterfangen des Künstlers ist um ebensoviel belangvoller, kühner und – hoffnungsloser als das des Springers, wie er angstvoller ist, um eine ganze Unendlichkeit nämlich.

– Der Raum, in den der Springer eindringt, ist ein physikalischer. Der Raum, in den der Künstler sich wagt, ein magischer. Als die bekannteste, weil sinnfälligste Manifestation des magischen Raumes darf die Bühne gelten, wie denn auch die Angst vor dem Übergang aus dem Raum des Alltags in den Bannkreis des Rampenlichts einem jeden unter dem gewollt burschikosen Namen „Lampenfieber“ geläufig ist. Selten grenzt sich das magische Dasein so scharf gegen das natürliche ab wie hier. Noch steht der Schauspieler in der Kulisse, diesseits der Grenze, noch kann er sich gebärden, wie es ihm beliebt noch ist er mit seinen Gefühlen und Gedanken ganz er selbst. Zwar fiebert und babt er schon einwenig vor Gespanntheit, denn dort in der anderen, in des magisch erhöhten Welt haben die Dinge bereits begonnen, ihren Lauf zu nehmen, und der Augenblick, der ihn in ihre Strömung zieht, kommt unaufhaltsam näher, aber er ist der Schauspieler, noch immer er selbst. Wenn der Inspizient ihm etwas zuflüstert, so antwortet er trotz Unruhe, Erreg und „Todesangst“ nicht, noch nicht, als – Tasse, sondern als der Schauspieler X. Da sagt Leonore, nicht etwa die Schauspielerin Y, sondern Leonore Sanvitale, drüben in der magischen Welt das Stichwort: „Nein, er hat uns gesehnt, er kommt hierher.“ –

Und sogleich macht der Schauspieler X einen – Schritt gegen die Bühne hin, „stirbt“, wird „wiedergeboren“ und ist Tasso:

Ich komme langsam, dir ein Werk zu bringen...