DIE ZEIT

Von Edmund Th. Kauer

Die Zweiundzwanzig ist gestört, man muß also die Pendelstrecke bis zur Leopoldstraße zu Fuß gehen. Dicht vor der Leopoldstraße aber gibt es ein Gedränge. Man tappt sich hindurch, bis man von dem „Grünen“ aufgehalten wird. Gesperrt. Und der „Grüne“ fügt sanft hinzu: „Es wird nicht lange dauern, nur ein paar Minuten.“ Und, noch wohlwollender: „Treten Sie zurück, es wird gleich, viel Staub geben.“

Links vor uns ist an eine Hausmauer, die noch bis zum halben ersten Stock (bell’etage, fällt mir ein) reicht, eine Leiter gelehnt, von der eben ein älterer Mann, der an einem Seil manipuliert, heruntersteigt. Er winkt uns, nein, es gilt einem Lastwagen, der sich das Seil an die Stoßstange gespannt hat und nun rücklings anrückt. Neben dem Fahrer, den ich, weil er die eigentliche höhere Macht ist, nicht sehen kann, sitzt ein Bub von zehn oder elf Jahren und erlebt.

Heraußen, im Gedränge, sind viele Buben; sie erleben das Heraußenstehen. Einer erwähnt mit Bedeutung, daß er den Jungen im Wagen kennt. Ein anderer, der ihn also nicht kennt, sagt geringschätzig: „I kenn den a, der ja von der Schwanthaler Straß.“ Damit, daß er ihn lokalisiert, nimmt er ihm das Recht, mit höheren Mächten im Bunde zu sein.

Der Lastkraftwagen fährt mehrmals ruckweise an. Das Seil da oben sägt sich langsam in einen Mauerstumpf, der einsam wie Großmutters letzter Zahn ragt. Nach dem zehnten Ruck fällt der Stumpf rücklings in die Ruine, eine mäßige Staubwolke aufwirbelnd. – „Nach innen gefallen“, stellt jemand fest; wir sind alle etwas enttäuscht. Wir sind in München, was Einstürze betrifft, ziemlich verwöhnt.