/ Von Richard Tüngel

Wie groß eigentlich die Veränderungen im Aufbau der Welt und den Machtverhältnissen der Nationen waren, die durch den zweiten Weltkrieg, herbeigeführt worden sind, das beginnt sich erst jetzt deutlicher abzuzeichnen. Unter dem Druck der gemeinsamen Verteidigung gegen Deutschland, Italien und Japan waren viele Spannungen verdeckt worden, die im Laufe der Nachkriegszeit um so stärker hervorgetreten sind und dabei zu Konflikten geführt haben, die das heutige politische Leben beherrschen. Ein alter Streit geht sichtbar einem vorläufigen Ende entgegen – der Kampf der asiatischen Völker um ihre Selbständigkeit, ein anderer – der Angriff des Bolschewismus gegen die westliche Welt – strebt einem neuen Höhepunkt zu.

Am 9. Januar 1947 wurde General Marshall Außenminister der Vereinigten Staaten Der Weltöffentlichkeit war er bekannt als der Generalstabschef, der die Operationen der amerikanischen Streitkräfte während des Krieges entworfen und geleitet hat; auch wußte man, daß Präsident Truman nach der japanischen Kapitulation ihn zum Sondergesandten bei der chinesischen Nationalregierung ernannt hatte mit der Aufgabe, den Bürgerkrieg durch Bruck oder Vermittlung zu schlichten und zu beenden. Diejenigen, die geglaubt hatten, er werde sein neues Amt dazu benutzen, in China energisch einzugreifen, um einen Frieden zu erzwingen, hatten auf eine falsche Karte gesetzt, Sie waren davon ausgegangen, daß die USA die chinesischen Absatzgebiete dringend nötig hätten, am Exportmöglichkeiten für ihre riesige Produktion zu haben, und daß sie daher alles tun würden, um ihren Einfluß im Reiche der Mitte zu sichern. Man war davon so überzeugt, daß man fürchtete, die Vereinigten Staaten würden den Kurs der Europapolitik von Byrnes, der in dem Vorschlag eines Viermächtepaktes gipfelte, den er auf der Pariser Konferenz gemacht hatte, verlassen und das Schwergewicht ihrer. Außenpolitik auf die „Geschehnisse im Fernen Osten verlegen.

Chinas Bürgerkrieg

Das Gegenteil trat ein. Marshall veranlaßte, daß die letzten amerikanischen Truppen aus China zurückgezogen wurden. Der Regierung Tschiangkaischek wurde bedeutet, daß sie eine Reorganisation der korrupten Verwaltung vornehmen, ihren reaktionären Kurs ändern und eine liberale Verfassung einführen müsse, die eine Versöhnung mit der kommunistischen Gegenregierung, erlaube, bevor de mit weiteren Anleihen oder sonstiger Unterstützung seitens der USA rechnen könne. In Europa hingegen wurde der antibolschewistische Kurs verstärkt und ein großartiges Programm weitgehender Hilfe aufgestellt, das sich von der Trumandoktrin zum Marshallplan entwickelte. Die Hauptverteidigung gegen die politische Offensive der Sowjetunion wurde so vom Osten nach dem Westen verlagert.

Wenn es die Absicht der amerikanischen Politik gewesen ist, durch ihren Verzicht auf Einmischung den chinesischen Bürgerkrieg sich totlaufen zu lassen, so ist ihr hier zweifellos ein Mißerfolg beschieden gewesen. Wohl hat Tschiangkaischek eine verfassunggebende Versammlung berufen, die auch eine chinesische Konstitution mit demokratischer Färbung beschlossen hat, doch scheiterten seine Versuche, die Kommunisten zur Teilnahme zu bewegen. Die Zahl der Sitze, die sie forderten. glaubte er ihnen nicht gewähren zu können, ohne China der Gefahr auszuliefern, kommunistisch zu werden. Da der Bürgerkrieg also weiterging, konnte er auch nicht gegen den rechten, sehr reaktionären Flügel der Kuomintang vorgehen, weil er sich damit einer unentbehrlichen Stütze beraubt hätte. Ebensowenig gelang es ihm, die Währung zu stabilisieren und Handel und Verkehr zu reorganisieren, was die wichtigsten Voraussetzungen gewesen wären, die Korruption zu beheben. Der Mangel an Dollars, die ihm nicht zur Verfügung gestellt wurden, weil er die amerikanischerseits geforderten Voraussetzungen für eine Anleihe nicht erfüllt hatte, führte dazu, daß er notwendiges Kriegsmaterial – die Munition etwa für seine amerikanischen Geschütze und Gewehre – nicht kaufen konnte. Seine Offensiven in Nordchina und der Mandschurei blieben stecken.

Die kommunistische Gegenregierung hat ihm gegenüber den Vorteil einer strafferen Organisation und einer verhältnismäßig sauberen Verwaltung – da die Bevölkerung im Norden so gleichmäßig arm ist, daß Korruption dort eine geringere Rolle spielt. Außerdem verfügt sie über die Unterstützung der Sowjetunion,, die sich unter anderem deutlich darin zeigt, – daß der Nationalregierung von den Russen die Benutzung des Hafens Dairen vertragswidrig verweigert wird. So ist es den kommunistischen. Truppen gelungen, die wichtigsten strategischen Punkte der Mandschurei zurückzuerobern, fast ganz Nordchina wiederzugewinnen und bereits die Wasserstraße des Yangtsekiang in Mittelchina, deren Beherrschung für die Nationalregierung von ausschlaggebender Bedeutung, ist, zu bedrohen. Erst in diesem Augenblick, im letzten Monat des Jahres 1947, bewilligte der amerikanische Kongreß eine geringe Anleihe von 22 Millionen $ an Tschiangkaischek gegen den offiziellen Vorschlag, aber zweifellos zur nicht geringen Zufriedenheit des amerikanischen Präsidenten.