Einst starben Könige auf dem Schafott. Heute tun sie es in der Mehrzahl im Exil Auch Belgiens Innenpolitik wird seit Kriegsende ständig – durch die ungelöste „Königsfrage“ drückend belastet. Prinzregent Charles führt nun schon das dritte Jahr als eine Art Reichsverweser die Geschäfte seines königlichen Bruders. Leopold III. weilt, mit^seiner Familie immer noch in Pregny bei Lausanne. Der heute 46jährige König aus dem Haus Sachsen-Coburg stammt mütterlicherseits von den Wittelsbachern: ab, die ihm mit all ihrem Charme auch jenen Hauch von Tragik und Exzentrizität schenkten, der Angehörigen dieses Fürstenhauses eigen ist. Leopolds erste Frau von ihren Untertanen abgöttisch geliebt, starb 1935 durch einen Autounfall, bei dem der König selbst am Steuer saß. Seine zweite Gattin, die er 1941 heiratete, ist eine Bürgerliche, deren Familie überdies der Kollaboration verdächtigt wurde. Sicher hatder heutige Prinzessin von Réthy in den Kriegsjahren durch ihre Umgebung ville Demütigungen erfahren müssen. Sie soll es daher gewesen sein, die 1945 den König bewog, ins Exil zu gehen, als man „im wegen seines Verhaltens während der deutschen Besetzung Vorwürfe machte.

Inzwischen ist die Stimmung jedoch weitgehend zu seinen Gunsten umgeschlagen. Mehr und nichr setzt sich die Überzeugung durch, daß Leopold“ „Feigheit und Charakterlosigkeit“, am 23. Mai 1940 die Kapitulation zu vollziehen, einzige Konsequenz des bereits drei Tage zuvor erfolgten Zusammenbruchs der Armee war, daß sie das Land vor sinnlosen Opfern und Zerstörungen bewahrte und damit dazu beitrug, Belgien, heute den Ruf eines „Wirtschaftswunders“ der Nachkriegszeit zu verschaffen. Eine amtliche Untersuchungskommission hat; in einem Weißbuch den König von aller Schuld freigesprochen. Er selbst fand sich hierauf im Dezember 1947 bereit, im Falle einer öffentlichen Ehrenerklärung der Regierung zurückzukehren.

Das Gesetz vom 17. Juli 1945, das die Regentschaft des Prinzen. Charles bis auf weiteres verlängerte, kann nur durch einen Zweidrittehmehrheitsbeschluß des Parlaments rückgängig gemacht werden. Die Chancen von Für und Wider stehen etwa pari. Das Haus Sachsen-Coburg aber regiert nicht nur über mehrere Parteien sondern auch über zwei Völker: die Flamen und die Wallonen. Sind die einen, die Flamen, – antifranzösisch und königstreu, so spielen, die Wallonen gern mit dem Gedanken eines Anschlusses an die französische Vierte Republik und an einen Föderativstaat. Dieser Riß, der sich quer durch, soziale Schichten, Verwaltung, Volk und Parteien zieht, wurde in mehr als einem Jahrhundert durch das einigende Symbol der Krone immer fester zusammengekittet. Schon heute nach nur dreijähriger Abwesenheit des Königs, droht er jäh auseinanderzuklaffen. Und darum entscheide das Schicksal Leopolds außer über den Bestand der belgischen Monarchie auch über den des belgischen Staates in seiner heutigen Form und fände’seine gerechte Lösung in einem Volksentscheid -i.