Frankreich, immer gepriesen als eh reiches und von Gott gesegnetes Land, steht unter den Empfängern der Marshall-Hilfe an erster Stelle, für die Zwischenhilfe hatte es zunächst 818 Mill. Dollar angekündigtaber nur 459 Mill. amtlich angemeldet; empfangen wird es. wahrscheinlich 328 Mill. und somit 100 Mill. mehr als Italien. Als Vorbitte hat es schon einen Teil des von Deutschland beschlagnahmten Goldes und Sonderkredite erhalten. Von den 328 Mill. entfallen 116 auf Kohle, 111 auf Weizen, 38 auf Baumwolle, 22 auf Petroleum.-und 20 Mill. Dollar auf Fette. Als in Paris das 7,12-Mrd.-Dollar-Programm für das erste Marshall-Jahr unterbreitet wurde, hatte Frankreich eine Wunschliste von 17 Mrd. Das durch Dollarkredite zu deckende Loch der Handelsbilanz Wird für dieses Jahr, mit 1,3 Mrd. Dollar und für die, folgenden drei Jahre. Mitte 1944 bis Mitte 1951, mit 4 Mrd. angegeben.

Nichts wäre falscher als der Schluß, daß Frankreich ein armes Land geworden sei. Der französische Reichtum ist geblieben. Frankreichs Wirtschaft hat diesen Weltkrieg weit besser überstanden als den frsteri. Der Boden hat an Fruchtbarkeit nicht eingebüßt. Das Fehlen der Düngemittel – die Reduzierung des Viehbestandes und andere Momente besagen nicht allzu viel, zumal anderseits die Zahl der Traktoren gegenüber der Vorkriegszeit von 30 000 auf 70 000 erhöht werden konnte. Die Fabriken sind intakt geblieben, und die industriellen Produktionsmöglichkeiten sind so überzeugend, daß Monnet einen gigantischen Fünfjahresplan aufstellen konnte. Das Soll dieses Plans ist zwar 1947 nur in Ausnahmefällen erreicht worden, aber Mounet kann in seinem Bericht über das. erste Halbjahr 1947 feststellen: „Frankreich erscheint im Verlauf dieses ersten Halbjahres als ein Land, das, arbeitet und produziert, das seine physische Stubstanz erneuert und das sich modernisieren will.“ Die Kohlenförderung wird im letzten Jahr mit mehr als 50 000 t einen neuen Höchststand verzeichnen und etwa 20 v. H. über der Vorkriegsmenge liegen. Die monatliche Stahlproduktion nähert sich 600 000 t und ist somit um 10 v. H. höher als vor dem Kriege. Einige Zweige sind zwar empfindlich zurückgeblieben, insbesondere die Herstellung von Personenwagen. aber insgesamt liegt die industrielle Erzeugung über dem Vorkriegsstand. Hochstand der industriellen Erzeugung bedeutet aber für Frankreich die Notwendigkeit erheblicher Einfuhren, denn Frankreich ist eins der rohstoffärmsten Länder, – muß sogar trotz Erhöhung der eigenen Kohlenförderung, ständig die Lieferung von mehr deutscher Kohle verlangen, Diese Einfuhr kann Frankreich mit seiner Ausfuhr nicht bezahlen. Die einstigen Möglichkeiten der Bezahlung durch Dienstleistungen und Einnahmen aus im Ausland angelegten Geldern sind dahingeschwunden. Das einleitend erwähnte Loch der Handelsbilanz kennzeichnet somit die französische Lage. Aber Frankreich hätte an sich genügend Gold, Dollar und sonstige Devisen, um diese Einfuhr zu bezahlen. Es sind die gehamsterten Gold- und Devisenbestände, die, wie nach dem ersten Weltkrieg, auch nach diesem erheblich angewachsen sind. Die Schätzungen allein der in den Sparstrumpf gewanderten Goldbeträge gehen auf mehr als 5 Mrd. Dollar. Hinzu kommen die Devisen und die ins Ausland gebrachten Summen. Wenn diese Gelder in Bewegung gesetzt werden könnten, wäre Frankreich in der Lage, andern Ländern zu helfen, würde es im Rahmen der Marshall-Hilfe ein gebendes Land sein können – aber diese Summen liegen erstarrt im Boden, und somit ist Frankreich dringlicher denn je auf Auslandshilfe angewiesen

Der Reichtum Frankreichs ist auch in vielen Banknoten und Bankkonten erstarrt. Der Notenumlauf erreicht fast 900 Mrd. Franken. Mehr als 20000 Franken hat also jeder, ob – Greis oder Säugling, in der Tasche. 20 000 Franken bedeuten am Schwarzen Markt zwar nur 20 gute Mahlzeiten, sind aber am legalen Markt etwa das Doppelte des jetzt. vorgesehenen Mindestmonatslohnes von 10 800 Franken. So mancher Franzose fühlt sich mit diesen vielen Frankennoten als ein reicher Mann und will nicht sehen, daß diese Ersparnisse keine echten sind, sondern nur Ausdruck einer Inflation und somit wieder inflatorisch wirken müssen. Die Erhöhung des Notenumlaufs ist ein entscheidenter Grund, warum die Preise auf das 13 fache des Vorkriegsstandes, gestiegen sind. Ein scharfer Schnitt müßte hier gemacht werden, damit die Warenmenge jeweilig nur der tatsächlich verdienten Kaufkraft gegenübersteht; aber es fehlt der Mut zu einer solchen Politik. Inflatorische – Tendenzen werden somit weiterhin Frankreichs Wirtschaft belasten und die vielen Krisenmomente verschärfen. Das erstaunlichste ist für Frankreich alsLand der Bauern und des Weizens die Brotknappheit. Die diesjährige Weizenernte soll nur 32 Mill. dz erbracht haben gegen 80 Mill. vor dem Kriege, bei einem Vorkriegsbedarf von ebenfalls etwa 10 Mill. dz. Die Witterungsverhältnisse genügen als Erklärungsgrund ebensowenig wie der Mangel an Düngemitteln und ähnlichen Produktionsgütern.

Wichtiger sind die Unzulänglichkeiten der Preispolitik. Frankreichs Agrarpolitik ist das Muster für das Scheitern einer-auf ein Erzeugnis abgestellten Ppreispolitik. Seit 1936 ist in Frankreich der Weizenpreis staatlich, geregelt; An Hand einer Formel wird ein gerechter Weizenpreis ermittelt, Die Bauern empfinden ihn aber nicht als gerecht, und sie weichen aus in andere preislich nicht so scharf erfaßte Erzeugnisse, wie vor allem in die Viehwirtschaft. Außerdem erscheint ihnen der Verkauf gegen Gold und Dollarnoten viel lukrativer als der gegen Franken, zum staatlichen Höchstpreis. Es lohnt sich somit sehr und wird mit Gold aufgewogen, wenndas Ernteergebnis niedriger angegeben wird.

Es fehlen in Frankreich vor allem die Kräfte, um die Reichtümer des Landes zu heben, Frankreich ist eins der am dünnsten besiedelten Länder. Es zählt nur 76 Einwohner je qkm, gegen mehr als das Dreifache in Deutschland und fast das Vierfache in England. So ist zwar Platz für alle – es braucht niemand den Nachbarn- als Konkurrenten zu fürchten. Es kann jeder geruhsam in den .Tag hineinleben: aber es fehlen die Leute, die vorwärtskommen müssen und wollen, es fehlt der belebende Konkurrenzkampf. In einem dünnbesiedelten Land lassen die Energien nach. Deutsche Kriegsgefangene müssen aushelfen. Fremdarbeiter werden überall angeworben, aber das sind keine Lösungen, wenn sollen Frankreichs Reichtümer erschlossen werden, müßten 10. 20 und mehr Millionen. Menschen zusätzlich eingesetzt werden. Dieser Mangel an Kräften wird auf lange Sicht sich als das entscheidende Hemmnis für Frankreich erweisen.

„Wie Gott in Frankreich“ möchten gern die 40 Millionen Menschen in dem weiten und reichen Land leben. Die Güter die sie haben möchten, das Benzin für Autofahrten. Seide für Damenkleider, koloniale Luxuserzeugnisse für den reichlich gedeckten Tisch kosten aber Dollar, die erarbeitet werden müssen. An Dollar fehlt es an sich nicht, aber die Franzosen sind wenig geneigt, ihre im Strumpf versteckten Gold- und Dollarbeträge zu? Bezahlung der notwendigen Einfuhren bereitzustellen. Es fehlt ihnen das Vertrauen zum Regime, ja das Vertrauen zu Frankreich. – zu sich selbst.

W. G.