Regierung und Kongreß der Vereinigten Staaten befinden, sich in dem Kampf, in den 6ie gegen den agressiven Bokchewismus verwickelt sind, in einer schwierigen Lage, da sie fast alle Maßnahmen im Lichte der Öffentlichkeit und mit Billigung der Wähler treffen müssen gegenüber einem Gegner. der seine Beschlüsse und Bewilligungen selbstherrlich im Geheimen trifft, der also über jene politischen Vorteile verfügt, die die Tyrannis seit. Je gegenüber freien Völkern gehabt hat und für die sie den Nachteil der Schrankenlosigkeit eintauschen muß, an der sie früher oder später zugrunde zu gehen pflegt. Die Vereinigten Staaten tragen heute die Hauptverantrwortung in der Welt für die Aufrechterhaltung der demokratischen Freiheit Die Trumanhilfe für Griechenland und die Türkei, die Deutschlandpolitik. die Soforthilfe, für Frankreich, Italien.und Österreich und der Marshallplan stellen sehr hohe: Anforderungen an die Gebefreudigkeit des amerikanischen Volkes. Das parlamentarische Verfahren mit seinen Ausschüssen und Debatten kann nicht so schnell arbeiten, daß es mit der Taktik der russischen Politik, die oft an blitzschnelle Vorstöße tartarischer Reitervölker erinnert. Schritt halten kann. Um so bedeutsamer ist, daß der Kongreß von sich am inmitten der Beratungen über die europäische Hilfe die Anleihe an China vorgeschlagen und bewilligt hat. Dies ist ein Beweis dafür, daß die verantwortlichen Politiker in den USA die selbstgestellte Aufgabe, der Expansion des Bolschewismus entgegenzutreten, sehr ernst nehmen.

Es wäre völlig verkehrt in dieser Hinsicht von einem amerikanischen Imperialismus zu sprechen, Die amerikanische Politik ist viel stärker emotionell als man es in der Welt wahrhaben will. Sie wird nicht von kühl rechnenden Finanzgewaltigen In Wallstreet gemacht. Die geschichtliche Tradition spielt in ihr eine große Rolle. Der Unabhängigkeitskrieg, dem die Vereinigten Staaten ihre Selbständigkeit verdanken, ist nicht vergessen, daher jene fast sentimentale Anhänglichkeit an Frankreich, dessen Truppen, wie jeder amerikanische Schuljunge in seinem Lesebuch findet, unter Lafayette auf Seiten der Freiheit kämpften, daher auch jene Abneigung gegen jede Form des Kolonialsystems und der Unterdrückung, die geradezu ein, Glaubenssatz der amerikanischen Außenpolitik Die Amerikaner sind nicht, wie viele erwarteten, in die Stellungen eingerückt, die England in seinem Empire geräumt hat; der Gedanke, daß amerikanische Truppen heute in Deutschland stehen, daß sich amerikanische Berater in Griechenland und der Türkei befinden, ist in den Vereinigten Staaten keineswegs populär. Doch war dies eine unausweichliche Folge des Krieges. Der cordon sanitaire, den Europa und das Empire bisher zwischen, der Sowjetunion und den USA bildeten. war brüchig geworden. Die Amerikaner stehen heute Stirn an Stirn den Armeen des Bolschewismus gegenüber, und sie sind allerdings nicht gewillt, kampflos vor Arien zurückzuweichen.

Als die englische Regierung vor einem Jahr erklärte, daß sie mit Rücksicht auf ihre Staatsfinanzen nicht mehr in der Lager sei, weiter die Unterstützung der griechischen Regierung fortzuführen, verkündigte Präsident Truman sein Hilfsporgramm für Griechenland und die Türkei. Dies kam in einem Augenblick, als die Russen glauben konnten, am Ziel ihrer Wünsche zu stehen: der Bolschewisierung Griechenlands mit Waffenhilfe der drei übrigen Balkanstaaten und damit zugleich eher Beherrschung der Dardanellen, die in Kürze zu einer militärischen Besetzung von Stützpunkten an den Meerengen, und einem Übergang der Türkei – ins russische Lager hätte führen können. Gewiß mögen strategische Rücksichten – die Ausschließung der Russen vom Mittelmeer – wie auch wirtschaftliche – die Ölinteressen im vorderen Orient – bei dem amerikanischen Vorgehen ein gewisses Gewicht gehabt haben. Eine viel stärkere Rolle spielte das Gefühl der Enttäuschung über die Pariser Friedensverträge, die Bulgarien, Rumänen und Ungarn statt Freiheit eine Verstärkung der Knechtschaft gebracht haben. Russischer Bolschewismus und Tyrannei sind für Amerikaner synonyme Begriffe, und die Idee des Kampfes gegen die gewaltsame Unterdrückung freiheitsliebender Völker hat die Trumanhilfe in Amerika populär gemacht.

Der Marshall-Plan

Diesem, ersten Schritt, der Botschaft von Präsident Truman, folgte als zweiter die Rede, die General Marshall an der amerikanischen Universität Harvard über die Europahilfe hiejt. Englands Außenminister Bevin griff die Anregung mit sehr viel Geschick und Energie auf. Nach einem ersten Treffen mit Bidault lud er Molotow zu einer gemeinsamen Besprechung nach Paris, und als der russische Außenminister zusagte, schien es einen Augenblick, als ob noch einmal eine Zusammenarbeit entstehen sollte, die zu einem wahren Frieden in der Welt führen könnte. Diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Der Vorschlag von Marshall, den Bevin und Bidault vertraten, ging von dem* Gedanken aus, daß alle europäischen Staaten – zu denen Bevin auch Rußland rechnete – gemeinsam ein Programm gegenseitiger Hilfe für den Wiederaufbau entwerfen sollten und daß Amerika das liefern sollte, was Europa aus eigenen Kräfien nicht schaffen könne. Molotow hingegen verlangte die Hergabe von Krediten an jedes Land gesondert und für eigene. Zwecke und lehnte den Gedanken einer verpflichtenden Zusammenarbeit als Einmischung in die Staatssouveränität und als Dollarimperialismus ab. Als dann die Pariser Vorkonferenz zusammentrat, blieb Rußland nicht nur fern, es verbot auch den Staaten seiner Einflußsphäre, die zum Teil schon Zugesagt hatten, Finnland, Polen, der Tschechoslowakei, .Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien und Albanien die Teilnahme an den Verhandlungen. Auf diese Weise bleibt der Marshallplan auf das westliche Europa beschränkt, obgleich theoretisch auch heute noch jedem osteuropäischen Land die Möglichkeit offensteht, sich an ihm zu beteiligen.