Weder die von Moskau inszenierte Störungswelle noch die tatsächlich ernste Lage der Arbeiterschaft dürfen darüber hinwegtäuschen, daß Ialien seit Kriegsende erhebliche Anstrengungen zum Wiederaufbau gemacht und dabei nennenswerte Erfolge aufzuweisen hat. Was seit 1945 in Italien geleistet worden ist, kann als eine ausreichende Legitimation für die Beteiligung an der amerikanischen Hilfe für die westeuropäische Erholung gelten. Denn welche Hilfe soll der amerikanische Nikolaus in den italienischen Stiefel hineinstecken? In Erster Linie doch Lebensmittel, die entweder auch schon vor dem Kriege aus dem Auslande bezogen werden mußten, oder die vom italienischen Boden vegen Erschöpfung, und Mangel an künstlichen Düngemitteln nicht mehr erzeugt werden können. Zum anderen braucht man, genau wie vor dem Kriege, Kohle: Die eigene Produktion deckte früher nur 10 v. H. des Bedarfes vonrund 13 Mill. t.

Es ist ein Erfolg, daß die zwei Fünftel der früheren italienischen, Förderung aus den jetzt an Jugoslawien gefallenen Gruben in Istrien bereits durch höhere Leistungen der Gruben auf Sardinien wettgemacht wurden, Und es ist für Italien ein Unglück, daß die Kohleneinfuhr jetzt zum größten Teil aus den USA kommen muß.

Schließlich braucht Italien eine Reihe, von Rohstoffen, von Textilfasern bis zu NE-Metalien, denen es in der Ausfuhr nur wenige gegenwärtig begehrte Rohstoffe entgegensetzen kann: Selbst in Quecksilber hat sich durch die Senkung des USA-Erzeugungspreises unter den italienischen eine Verschlechterung ergeben, und die Seide ist eindeutig "altmodisch" geworden. Selbst kleine Exportüberschüsse Italiens und Japans lasen ich kaum mehr absetzen, seitdem der maschensichere Nylonstrumpf Trumpf geworden ist. Und da auch der europäische Markt für italienische Südfrüchte und Gemüse nicht zahlungskräftig genug ist, muß sich der Export hauptsächlich auf Industrieprodukte stützen; die heute zusammen mit den Rohstoffen vier Fünftel gegen vor dem Kriege knapp zwei Drittel ausleben. –

Das Maß der Einfuhrabhängigkeit und Ausfuhrschwierigkeiten machen ausländische Hilfe für – Italien zur Notwendigkeit. In Rom glaubt man, für das nächste Jahr rund 1 Mill. Dollar zu brauchen, Wobei Verzögerungen, vor allem bei der nur mit 189 Mill. Dollar. angesetzten Zwischenhilfe, bei Störungen durch Hunger, und Proteste gegen steigende Preise leicht zu noch höherem Bedarf fuhren könnten. Kommt die Marshall-Hilfe jedoch; rechtzeitig, so wird sie einen recht brauchbaren Industrie- und Verkehrsapparat vorfinden. Es kommt – Italien dabei zugute, daß seine Industrie durch den Krieg nur 10 bis 15 v. H. Vorkriegskapazität verloren hat. Man konnte also nach Kriegsende sehr – schnell mit dem Ingangsetzen der Produktion beginnen, während andere europäische Länder noch mit der "Enttrümmerung" beschäftigt waren.

Wenn man gegenwärtig unter der Deflationspolitik der Regierung zu leiden hat, aus Mangel an liquiden Mitteln die Lohnzahlungen nicht vornehmen kann, und zu Entlassungen gezwungen ist, so liegt das daran, daß der inländische Bedarf weitgehend fehlt. Es gibt in Italien nämlich keine großen staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogramme mit entsprechendem Maschinenbedarf; sondern der Wiederaufbau vollzieht sich weitgehend unter privater Initiative, die sich ans Rentabilitätsrücksichten mit den alten Anlagen behilft. Die Textilindustrie ist durch große Auslandsaufträge und einige, auch kaufkraftmäßig zum Zuge kommende, inländische Nachfrage in der günstigeren Lage, ihre Vorkriegsbeschäftigung wieder: erreicht zu haben. Nur der Kunstseidenindustrie fehlt es an Zellstoffeinfuhren, so daß sie sich nicht ihre alten Ausfuhrerfolge zurückerobern kann. Die chemische Industrie ist durch Montecatini stark im Rennen, vor allem auch um die Auslandsmärkte der früheren deutschen Konkurrenz. Besonders beachtlich ist der Aufschwung im italienischen Schiffbau, der bereits eine Reihe von Auslandsaufträgen ausführen konnte, während, die italienische Handelsflotte durch Neubauten und durch die Überlassung von 100 Liberty-Schiffen mit 1,8 Mill. BRT schon wieder mehr als die Hälfte ihres Vorkriegsumfangs hat, obwohl sie im Kriege 90 v. H. davon verlor. Auch die Eisenbahnen konnten Streckennetz wie Lokomotiv- und Wagenpark bereits wieder stark erweitern. Hier, wie auch beim Straßenbau, wurde durch freiwillige Arbeit, vor allem von Jugendlichen, Erstaunliches erreicht. Insgesamt dürfte die italienische Wirtschaftsleistung 1947 zwei Drittel des Vorkriegsumfanges erreicht haben und auf vielen Gebieten an der Jahreswende über dieser Quote liegen

Der Qualitätsleistung in der Ausfuhr stellt sich allerdings die Preisentwicklung hemmend gegenüber. Die Teuerung im Lande – mit Lebensmittelpreisen auf, dem sechzigfachen des Vorkriegsstandes – mußte sich jetzt erneut in einer Abwertung der Lira Luft schaffen. Man versuchte eine Anpassung des offiziellen an den schwarzen Lirakurs, indem man den Dollarkurs von 350 auf 590 heraufsetzte. Gleichzeitig wurden im Inlande kräftige deflationistische Maßnahmen, u.a. durch beträchtliche Erhöhung der Umsatzsteuer teuer sowie durch ernste Verknappung der Bankkredite getroffen. Man hofft, auf diese Weise den Anschluß – an die Weltwirtschaft zu verbessern. In dieser "Selbsthilfe" liegt die Notwendigkeit der drastischen Schritte, die allerdings die Not im Lande und vor allem die Arbeitslosigkeit zunächst zu verschärfen droht. Es ist kein Einzelfall, wenn kürzlich die Alfa-Romeo-Werke zwei Transformatoren mit der Begründung zum Verkauf stellen mußten, daß sie den Erlös dringend für Lohnzahlungen brauchten. Aber so schmerzlich die Deflation und die Arbeitslosigkeit von mehr als 2,5 Mill. Menschen, so groß auch die Gefahr einer Störung des Wirtschaftslebens durch weitere umfassende Streikbewegungen ist, so liegt doch in dieser Politik ein anerkennenswerter Versuch, den Tatsachen der Not ins Auge zu sehen – und den Wiederaufbau realistisch von dem niedrigen Niveau aus zu beginnen, der uns nun einmal in Europa verblieben ist Die Regierung, de Gasperi rechnet dabei auf die amerikanische Bereitschaft, dieses Alibi anzuerkennen und nicht nur durch die Marshall-Hilfe, sondern auch durch private Beteiligung an der italienischen Wirtschaft zu belohnen. Unter der Voraussetzung, daß diese Rechnung richtig ist und daß der bisher bewiesene italienische Fleiß über die teils von außen hereingetragene, teils aus der Not geborene Unruhe in der Arbeiterschaft siegen wird, läßt sich; eine nicht ungünstige Prognose für Italien stellen.

Gw.