Niemand gibt gern zu, daß ein anderer Schlimmeres erlebt und schwerere Bürde zu tragenhabe als man selbst. Es ist wie eine Krankheit: wer der Versuchung erliegt, sich einmal die Last von der Seele herunterzureden, wird-sehr bald von seinem ungeduldigen Zuhörer unterbrochen, der nun seinerseits auftischt und nicht gesonnen ist, irgendwelchen Vorsprung zu gestatten. Auch im Leid nicht, das unbewußt vielleicht als Gutschein für die Zukunft gilt. Dennoch muß einmal ausgesprochen werden – und der Jahreswechsel mit seiner Stimmung von Bilanz und guten Vorsätzen Ist sehr gut dafür geeignet: daß es die Frauen sind, denen eine besonders nachhaltige Bürde auf die Schultern und der schwerste Albdruck auf die Seele gewälzt worden sind. In der’nationalen Katastrophe trägt die Frau die Folgen wie der Mann und noch einiges mehr; das gilt für die Heutigen wie ftir die Troerinnen des Euripides. –

England preist’ mit ’gutem Grund seine Frauen, ohne deren Mut und Tatkraft der Sieg nicht errungen worden wäre, Auch bei uns haben die Frauen geschuftet, gebangt, gelitten (es sei daran erinnert, daß mancher Soldat seinen Frontabschnitt ungefährlicher und angenehmer fand als die Hölle der Heimatstadt); aber was dort aus Bejahung einer einsichtigen Notwendigkeit geleistet wurde, geschah hier unter der Fuchtel einer blutrünstigen Stammtlschhertschaft, die im Falle des Sieges gerade die Frau zutiefst entwürdigt und zur gebärpflichtigen Sklavin gestempelt hätte. Das Ende war keine Befreiung, das "Wehe den Besiegten" traf sie mit gnadenloser Härte. In den Trecks der Vertriebenen überwogen die Frauen; von ihren Leiden und Taten wird wenig gesprochen. Unbekannt wird auch die Zahl derer bleiben, die an Leib und Seele geschändet wurden, denn Scham und Verzweiflung schließen den meisten die Lippen. Das ist vorbei, gewiß. Doch die Friedlosigkeit ist geblieben wie die Fragwürdigkeit des Daseins – ganz besonders für die Frau.

Noch verzehren sich Mütter, Frauen, Bräute, und Schwestern nach den fehlenden drei Millionen Kriegsgefangenen; die in diesem Jahr 1948 endlich heimkehren sollen (wie es in Moskau vereinbart wurde). Was sind die Forderungen der Männer, die Bedürfnisse der Wirtschaft neben der Sehnsucht der Frau! Andere stellen Im zermürbenden Kleinkrieg gegen die Anarchie, die die Familie, ihr ureigenstes Gebiet, bedroht. Erschöpft von Anstrengungen, die in gar keinem Verhältnis zum Erfolg stehen, vor leeren Töpfen und-mit unbelieferten Abschnitten in der Hand ist es schwer, guter Geist des Hauses zu sein. Ein wenig Schönheit wäre alles andere als ein Luxus. In überfüllten Stuben-erstickt die Seele wie der Sinn für Ordnung und Sauberkeit. Wieviele Mütter, zu Hüterinnen von Recht und Wahrheit berufen, müssen schweigen zu der Skrupellosigkeit ihrer Kinder und noch froh sein, weniges beim Mundraub bleibt. Die Zukunft indes hält weitere Nöte bereit, auch wenn die wirtschaftliche Erholung einmal kommen sollte. Das zahlenmäßige Mißverhältnis der Geschlechter – mancherorts übersteigt die Frauenziffer 70 v. H. – schließt viele, viele von der Erfüllung in Ehe und Familie aus und überantwortet sie dem enttäuschenden Dasein der Junggesellin.

Haben wir ein Generalheilmittel, ja auch nur ein Programm, um der Frau zu geben, was ihr aus tausend Gründen gebührt? Nein. Wie sollten wir, die wir machtlos unseren Traum von der Einheit hegen, weder dem Flüchtlingsproblem gewachsen sind, noch die Herausgabe der Kriegsgefangenen beschleunigen können, eine Zauberformel zur Erlösung der Frau finden! So wäre es also müßig, eine solche Frage anzuschneiden und hin und her zu wenden? Das Gegenteil ist der Fall, denn all dies muß gewußt werden. Einsicht und Verständnis sind das erste, was Männer leisten könnten und sollten. "Weibliche Sorgen" – was so oft in bagatellisierendem Tonfall gesagt wird – umschließen unser aller Sorgen. Das Bewußtsein, nicht. in die Isolierung ihres besonderen Leid, verstoßen, sondern verstanden und gewürdigt zu sein, bedeutet der Frau bereits Hilfe und Aufmunterung. –

Daß sie nicht den Mut verliert, ist eine der Voraussetzungen für unsere Gesundung. Ricarda Hudi, die Seherin und Dichterin, schrieb: "Wie alle Menschen, die ihre Kraft weniger aus. einem starken gesunden Körper als aus seelischen Quellen ziehen, scheint sie ihr in Kämpfen eher zu wachsen als sich zu erschöpfen, weicht sie vor keiner Anstrengung, keinem Opfer zurück. Das gilt besonders von der deutschen Frau." – Wenn dieses Wort, gemünzt auf das Zeitalter der Glaubensspaltung, auch heute noch Geltung hat, so ist ein großes Aktivum unser. Frauen haben Blick und Tatkraft für das Nächstliegende und Praktische; und da gerade dieses für uns wichtiger sein wird als Allgemeines oder gar Ideologien, so sollte jeder dafür wirken, daß die Quellen ihrer Kraft ungetrübt und ungehindert strömen. Lz.