Von Sven W. Bautenberg (Flensburg)

Vor einigen Jahren war es Schwedens erste Sorge, nachdem es gut durch den Krieg gekommen war und einen Boom vor sich zu haben glaubte, nicht zwischen West und Cst in die Klemme zu kommen. Jetzt ist seine Sorge, aus der wirtschaftlichen Klemme herauszukommen, in der es sich, plötzlich findet. Politische und strategische Probleme treten zurück; das Problem der Wirtschaft und damit der Preispolitik steht m Vordergrund. Es ist keine’Zeit mehr zu langfristigen Planungen, nur noch zu kurzfristigen Maßnahmen. Weder aus Deutschland noch England ist Kohle zu erwarten. Deutschland als früher bester-Kunde und Lieferant fällt weiter aus i. England kann auch nicht mehr so, wie es – nach Schwedens. Meinung – sollte, und die anderen Staaten sind entweder viel zu "hart" oder mehr als "weich" in ihrer Währung. So muß sich das friedliche Schweden zur "Rundumverteidigung". einrichten.

Verglichen mit 1939 sind die Löhne für mannliche und weibliche Arbeitskräfte am 75 und 90 v. H. gestiegen; die Lebenshaltungskosten nur, um rund 56 v. H. Die Löhne sind also den Preisen weggelaufen, und der "Kaufkraftüberhang" hat die Inflationstendenzen verstärkt. Nicht nur die Industrie ging aus steuerpolitischen Erwägungen zu Überinvestitionen über: auch eine aus innerpolitischen Gründen forcierte Bautätigkeit setzte sich rücksichtslos über Möglichkeiten und Notwendige keiten hinweg und zog die Arbeiter aus den Produktionsindustrien auf die Baustellen eb. Durch Lohnüberbietungen und ungesunde Vergrößerung der Binnenkaufkraft wurde so eine Situation geschaffen, die das Exportpotential. Schwedens verringerte.

Bisher sah. die Regierung in laufenden Steuererhöhungen ein erfolgversprechendes Mittel zur Beschränkung der Investitionen und zur Dämpfung der Inflationstendenzen. Aus innerpolitischen und dogmatischen Gründen aber hat sich die schwedische Regierung einer Erhöhung des Zinssatzes, wie er aus Kreisen der Opposition (und damit der Wirtschaft) gefordert wurde, bisher widersetzt, Sie hat im Gegenteil für die Beibehaltung des niedrigen Zinsniveaus, auch mit Rücksicht auf die Staatsanleihen, ständig hohe Beträge angewandt. In der Volkswirtschaftslehre ist das Verfahren, durch Zinserhöhung ein Gleichgewicht zwischen Investitionen und Spareinlagen herzustellen, anerkannt. Obwohl das Verhältnis der Einlagen zu den Krediten sich seit Kriegsende um 2200 Mill. sKr. verschlechtert hat blieb der Zusatz unverändert. Auch andere Maßnahmen, so die Stützungskäufe der schwedischen Reichsbank, "um die Kreditmärkte flüssig zu erhalten", ignorierten Grundsätze der Volkswirtschaft. Da von allen schwedischen Banken ein Liquiditätsbedürfnis verneint wird, scheinen diese Stützungskäufe eher Maßnahmen für die Erhaltung des Zinssatzes gegen Tendenzen für seine Erhöhung gewesen zu sein: Zwar sind 300 Mill. sKr. zur "Sicherung der Liquidität" verwandt, worden, anderseits hat aber die Reichsbank für 700 Mill. sKr. Obligationen überkommen und der Reichsschuldenvcrwakung Vorschüsse über 400 Mill. Kronen gewährt. Diese sind wieder langfristigen Kreditmärkten -zugeflossen und haben die Investierungslust gefördert.

Nun hat die schwedische Regierung einen Nebenweg gefunden, um die Überinvestjerungen zu beschränken. Die Gesellschaftsgewinne tragen zu einer Verschärfung der Inflationstendenzen bei, da sie wegen der Steuerpolitik der Regierung zu Investitionen oder zu Lohnüberbietungen verwandt wurden. Gegenwärtig wird ein Gesetzentwurf ausgearbeitet, der vorsieht, daß die Gewinne von Gesellschaften zeitweilig "sterilisiert werden sollen. Ein bestimmter Teil der Gewinne. soll bis 1950 auf Sperrkonten eingezahlt, und weder besteuert Hoch verzinst werden. Nur ein als Normalverzinsung anerkannter. Betrag wird für die Aktionäre freigegeben. Die Regierungsbemühungen um eine Steuerung der Investitionen sind gescheitert; die Verteilung der Produktionsmittel und dir Neuanlagen stand im Widerspruch zu den Bedürfnissen. So hat man sich zur Blockierung entschlossen. Aus dogmatischen Erwägungen müssen die Gewerkschaften diesen Vorschlag unterstützen. Anderseits treiben sie dann in eine Flaute für neue Lohnerhöhungen, Bisher waren die hohen Unternehmergewinne und umfangreichen Investitionen die besten Argumente der Gewerkschaften. So hofft die Regierung die Überinvestitionen der Industrie aufzufangen und die Gewerkschaften zur Zurückhaltung bei den nächsten Tarifverhandlungen zu zwingen.

Bisher hat die Regierung kaum. Maßnahmen getreten, um die überhöhte Kaufkraft zu reduzieren. Die Werbung für eine erhöhte Spartätigkeit mißlang: in Schweden würde zu viel über die drohende Inflation geredet und verhandelt, so daß das Vertrauen erschüttert ist.

Die Konsumgütererzeugung hat ihre Grenzen; die Einkommenssteigerung aber hat diese Grenzen ignoriert Bisher haben die schwedischen Devisenreserven Importe finanziert, um die überschüssige Kaufkraft teilweise zu befriedigen. Diese Reserven sind nun erschöpft; umfangreiche Importbeschränkungen und die Beschlagnahme aller privaten Devisenbestände sind die Schlußlichter bei dieser ,,Fahrt ins Blaue".