Die Deutschen in der englischen Zone kritisieren die Engländer, und die Briten in England wissen dies. Dabei sind sich der "Mann auf der Straße" und der "Prominente" völlig einig darin, daß das Recht zur Kritik eine demokratische Errungenschaft ist, die-selbst dort nicht "genieret" werden darf, so sie stört. Der "Mann auf der Straße": das ist ein Durchschnitts beispielsweise Londoner Formats, von dem schon viele deutsche Besucher der Insel behaupteten, er wüßte von Deutschland so gut Wie nichts. Mag dies zutreffen oder nicht – jene Engländer, die politisch zu denken gewohnt sind (und derer sind erstaunlich viele), sind außerordentlich gut über Deutschland informiert. Kaum noch einer, der die Deutschen haßt; die Zeit des Hasses ist längst vorüber; ganz abgesehen davon, daß die Engländer bei ihrem sprichwörtlichen Gleichmut sehr wenig Talent für Wie "Kunst zu hassen" besitzen. Es ist ein alter, ausgereifter Gleichmut, der das Schlangestehen an Omnibushaltestellen und vor Läden zu einer neuen Kunst, und zu solcher Vollkommenheit ausgebildet – hat. daß jede deutsche Schlange sich schämen würde, sähe sie, wie, in London schon zwei wartende Personen stillschweigend übereinkommen, sich "schlangenartig" aufzustellen. Natürlich wirkt dieser Gleichmut für deutsche Augen sensationell.

Da war eine Fahrt im D-Zug von Schottland nach London. Im überheizten Abteil, bei "30 Grad im Schatten", sitzen die Passagiere in Hut und Mantel, Zeitung, lesend, schweigend, schwitzend. Muß erst ein deutscher Gast auf die Idee kommen, daß man das Fenster auch öffnen konnte? Gewiß, man kann! Jetzt sinkt die Temperatur auf etwa vier Grad. Die Passagiere sitzen in Hut und Mantel, Zeitung lesend, schweigend, frierend. ich war gespannt, wer auf die ldee käme, daß man das Fenster auch wieder schließen könnte. Es blieb bis London geöffnet. Da begriff ich, was englischer. Gleichmut heißt und wie sehr er hilft Unbequemlichkeiten zu ertragen, sei es ein offenes, zugiges Abteilfenster oder deutsche Kritik...

Es war das Haupt der Deutschlandverwaltung, nämlich Lord Pakenham, der mir in schöner Offenherzigkeit sein persönliches Verhältnis zu den Deutschen darlegte. "Man muß ein Volk vor allem gern haben" – so ungefähr sagte er – "wenn man berufen ist, in seine Geschicke einzugreifen". Und dann wörtlich: "And l amvery fand of the Germans", Was aber, die Kritik der Deutschen an den Engländern betraf, so sagte er: "Es ist verständlich’ daß die Deutschen kritisieren. – Sie sehen und erleiden ihre Lage. Aber sie sollten sich auch ein wenig in unsere Lage versetzen..." Just an diesem Tage hätte ich Gelegenheit gehabt, einer Sitzung im Unterhaus beizuwohnen. Debatte über den endgültig beschlossenen – Rückzug aus Palästina,Just in diesen Tagen erging. die Einladung an Pandit Nehru eine Kommission nach London zu entsendet, um das lndia-Office zu liquidieren. Zur gleichen Zeit Verhandlungen über die englische. Position in Afrika und kurz zuvor die Sorgen um den zuletzt doch glücklich abgeschlossenen Handelsvertrag mit Sowjet-Rußland. Führwahr, es sind, weltweite Sorgen, die England heute wie eh und je beschäftigen; es sind sogar populäre Sorgen insoweit als man überall Leute trifft, die entweder selbst in Indien gedient haben oder Verwandte dort, und auch im unruhigen Palästina wissen. Und daß hüben wie drüben fortan der englische Einfluß, der sich lange, lange Zeit zweifellos für alle Beteiligten sehr glücklich ausgewirkt hat, aufhören soll, in nicht nur deshalb eine interessante Sache, weil sie "in der Zeitung steht", sondern sie geht jeden an. Man – versteht – und ich denke, wir Deutschen sollten dies wirklich ein wenig zu verstehen suchen – daß die englische Sorge um die britische Zone in Deutschland nicht mehr als ein begrenzter, Teil englischer Weltsorgen ist und sein kann: Das soll freilich nicht heißen, die Engländer seien gesonnen, ihre Zonen-Sorgen leicht zu, nehmen. Im Gegen teilt! Ich fand in England sowohl bei den Prominenten als zumal, bei dem "Mann auf der Straße" so gut wie nichts von jener Manie, die sonst in aller Welt vielberufenen "schlechten deutsden Eigenschaften" zu kritisieren, sondern vielmehr die ehrliche und überzeugte Bereitwilligkeit, die guten Eigenschaften der Deutschen anzuerkennen: Auf jeden. Fall sprach ich keinen, der nicht aufrichtig wünschte, daß – zumal seit die ’Londoier Konferenz gescheitert ist – aller englische Einfluß aufgeboten würde, Deutschland zumindest Westdeutschland, tatsächlich die ihm zukommende Bedeutung im Rahmen der neuen europäischen Gemeinschaft einzuräumen. Mag sein, daß hier zunächst nur ein Stimmungsumschwang zu Gunsten Deutschlands spürbar ist, eine innere. Anteilnahme, die Früchte tragen kann. Jedenfalls aber ist die Anteilnahme So groß, daß neutrale Spötter sagen können, es sei in England geradezu Mode geworden, sich für Deutschland zu interessieren. Nun wir sind nicht neutral. Wir dürfen es uns leisten, uns beispielsweise darüber zu freuen, daß die so offenherzige und resolute Lady Astor von ihrer Deutschlandreise heimgekehrt, im privaten Gespräch sagte: "Ich bin bald siebzig Jahre alt. Aber wenn ich genügend Deutsch könnte, würde ich mich nach Deutschland setzen und helfen, dort einen persönlichen Kontakt herzustellen." Und Lady Astor ließ keinen Zweifel an ihrer. Überzeugung, daß sich solch unmittelbare Sorge um die Deutsden lohne. Auch Victor Gollancz schien das zu finden. Als ich ihn zuletzt in London sah, warf das Weihnachtsfest seine Schatten, nein, seinen versöhnenden Kerzenschimmer voraus; er war eben im Begriff. seine Ansprache in der weihnachtlichen deutschenglischen Rundfunksendung zu halten. Er, der selber kein Wort deutsch spricht, hatte seine Rede übersetzen lassen, und war nun ganz froh, den reibungslosen Ablauf der halsbrecherischen deutschen Sätze in Anwesenheit eines Experten üben zu können. Nicht weniger als viermal hat er seinen Text laut vorgelesen, ehe er sich zum BBC begab; denn die Gelegenheit, bei diesem Anlaß zu Deutsehen, über den Rundfunk zu sprechen, war ihm keine bloße, Geste, keine Nebensächlichkeit. Und doch ist Victor Gollancz kein wirklichkeitsfremder Idealist – er ist ein Mann der Realität und nichts ist aufschlußreicher als mit diesem Freund der Deutschen ein Gespräch über wirtschaftliche und handelspolitische Möglichkeiten zu führen. Er lehnt wie viele andere die Demontage deutscher Betriebe aus wirtschaftlichen und politischen Erwägungen ab. So begegnet man nicht nur in Deutschland, sondern auch in London mancher Kritik und immer häufiger werden, die Stimmen, die eine positive: und aufbauende Politik auf allen Gebieten fordern.

Es ist beherzigenswert, was deutsche Emigranten in England über Deutschland denken. Als-, der Zufall es wollte, daß man an einem Vortrag teilnehmen konnte, ein deutscher Emigrant vor Emigranten über einen Besuch in Deutschland hielt – es war in einem kalten, kahlen, trüben Saal inmitten Londons – spürte man, wie stark das Heimwehnach Deutschland noch immer ist. War es die Atmosphäre? War es eine Stimmung, die sozusagen traditionsgemäß sich um Weihnachten und Neujahr einzustellen pflegt? Ich glaube;nein. Es ward? freilich davon gesprochen, daß man sich in Deutschland das Leben der Emigranten sehr zu Unrecht rosig und unbekümmert ausmale. Viele Emigranten; haben Jahre in Lagern verbracht, die meisten hatten große Schwierigkeiten, sich im neuen Lande einzuleben, dort zu arbeiten, sich zu behaupten. Dennoch sind nur in den wenigsten Fällen die inneren Beziehungen zum Deutschtum abgerissen. Und es stimmte froh, zu hören, wie einer der Vortragenden bemerkte, bei einem Wiedersehen mit Freundenin Berlin habe es ihm geschienen, als wären die letzten fünfzehn Jahre gar – nicht gewesen. Als ich kurz darauf mehr der Höflichkeit als der Wissenschaft halber eine deutsche Emigrantin, eine Jüdin, die als Büroangestellte arbeitet, fragte, wie sie Weihnachten zu verbringen gedachte, erfuhr ich, daß sie sich deutsche Kriegsgefangene zum Fest eingeladen hätte. Sie war zuversichtlich, sie erhoffte viel Von einem zukünftigen Einvernehmen unter Deutschen und Engländern.

Erfahrungen eines längeren England-Aufenthalt? – es gibt zwischen den Völkern genau wie in den Beziehungen einzelner Menschen mannigfaltige, Mißverständnisse,, eines aber scheint festzustehen: hüben wie drübenbeginnt man einzusehen. daß das klein gewordene Europa nicht auf den Irrungen und Mißverständnissen der Vergangenheit errichtet werden kann, sondern, daß es notwendig – ist, unter vieles einen Strich zu machen und neu anzufangen – den Blick auf das Morgenwind nicht auf das Gestern gerichtet.