Hitler verfluchte einst, auf der Höhe seiner Macht, – einen "kleinen reaktionären General in Madrid", der sich seinen Wünschen widersetzte. Stalin haßt diesen Mann und Bevin "verabscheut" sein Regime. Aber es gibt über Francisco Franco Bahamonde keine treffendere Geschichte, als die jenes Engländers, der dem Caudillo im Laufe einer Unterhaltung sagte: ,,In Ihnen ist etwas, das an das große Werk des Cervantes erinnert." Franco zog die Brauen hoch: Sie verschwenden Ihre Zeit mit Schmeicheleien. Wie können Sie als Engländer. den Charakter des Bon Quichotte verstehen?" und er. erging sich in einer Lobeshymne auf den Adel des spanischen Charakters, bis ihn sein Besucher unterbrach: "Es war nicht Don Quichotte, an den ich dachte. Exzellenz. Es war Sancho Pansa." Die Pointe dieser Anekdote ist nicht das schallende Gelächter, in das der Generalissimus ausbrach, sondern der Satz, mit dem er, immer noch lachend, seinen Gast verabschiedete: "Sancho Pansa! Auch er zog aus, um eine Herrschaft anzutreten und war am Ende der Geschichte noch am Leben." –

Als sich die Welt im Jahre 1939. aufs neue in ein Chaos stürzte, da stand eigentlich von vornherein nur eines fest: Wie auch immer der Kampf ausgehen mochte, jene schmächtige Diktatur jenseits der Pyrenäen, die mit Müh und Not und fremder Hilfe gerade einen Bürgerkrieg gewonnen hatte, würde auf jeden Fall dran glauben müssen. Der Krieg brach los, Völker wurden ausgerottet, die ersten Atombomben fanden ihr Ziel und-eine Weltmacht stand; wie Reuters Korrespondent es ausdrückt, am Ende mit der Mütze in der Hand vor Amerika, um ihr Dasein zu fristen. Nicht so Franco-Spanien. Es blieb, gleich Sancho Pansa am Leben und anscheinend unberührt von den ringsherum vorgehenden, schwindelerregenden Veränderungen. Wo liegt das Geheimnis dieses von der "ganzen Welt angefeindeten Diktators, der im August 1943, als die Achsenmächte aus Afrika vertrieben waren; als Sizilien erobert und Mussolini gestürzt war, sich mit dem britischen Botschafter Sir Samuel Hoare über die Ernte, das Wetter und die Aussichten für die Jagd unterhielt? Kennte er tatsächlich die heutige Weltlage vorhersehen? Man weiß es nicht. Er ist kein strahlender Held"; er ist auch – kein Schurke von Format". Niemand ist es bisher gelungen, ihn je in lächerlicher Aufmachung zu sehen. Seine. Figur wächst auch nicht ins Mythische. Aber "wenn es ihm Spaß macht, erklärt er eine Republik zum Königreich und läßt einen Volksentscheid durchführen. Als ihn 1945 ein Blick auf die Weltkarte belehrte, daß außerhalb der Landesgrenzen-keiner mehr den Gruß des erhobenen Armes erwidern konnte, schaffte er ihn ab. Die Falange ist mit einer Million Mitgliedern zwar: noch, immer die einzige politische Partei, aber ihren entscheidenden Einfluß Hat sie seit jenen Tagen verloren. In ihrem. pompösen Hauptquartier in Madrid. Calla Alcala liegen heute ganze Zimmerfluchten ausgestorben. Der Caudillo hat neue Verbündete gesucht und gefunden: die Armee, die Industrie und die Kirche. 60 v. H. der Staatseinnahmen fließen dem Heere zu.

Lebensmittel und Textilien, an denen die. Bevölkerung bitteren Mangel leidet, werden an Militärs bevorzugt geliefert, sodaß viele Privatunternehmen, dazu übergegangen sind, sich einen Hansoffizier zu attachieren. Nach wie vor ist es unmöglich auch nur den Hauch einer Klage von Seiten der Generale gegen das Regime zu entdecken. Die Bankiers/und Geschäftsleute sind schon nicht mehr ganz so vorurteilslos. Sie liebäugelt! mit dem amerikanischen Wirtschaftssystem, aber sie geben zu, daß ihnen weitere 10 Jahre Diktatorenherrschaft sehr willkommen sind. Und das genügt Franco.

Die letzte Hilfsquelle allerdings, die mächtigste der drei, droht ihm zuweilen den Atem zu nehmen Spanien erlebt heute eine katholische Renaissance, eine unerwartet heftige Reaktion auf den Antiklerikalismus der Republikaner, die im Bürgerkrieg 13 Bischöfe und über 8000 Priester, Mönche und Nonnen ermordeten. Die Kirchen kind Sonntags überfüllt. Soldaten und Beamte erkalten Religionsunterricht. In den Lagern der Falangistischen Jugendfront, in denen jährlich über 70 000 Jürgen und Mädchen den Sommer verbringen, werden täglich Messen abgehalten. Bischöfe haben einen Sitz in der Corte", dem spanischen Parlament, und der Kardinalprimas sitzt nicht nur im Reichsrat; sondern Ist auch einer der drei Spanier, die an Falle von Francos Tod. als Regentschaftsrat regieren und der Cortes den zukünftigen König vorschlagen werden, der bezeichnenderweise Katholik sein muß. Andere Ratschläge der Kirche hat Franco in der Frage der Sozialgesetzgebung angenommen, die ihm bei den unteren Schichten viel Sympathien eintrug. Im Adel hingegen hat er wenig Freunde gefunden. Für die spanischen Granden ist der Caudillo immer noch der kleine Korporal von einst. Sie mögen, ihn nicht; aber sie haben seine Nützlichkeit eingesehen.

Vielerorts ist das nicht anders. In Lake Success pflegt mindestens einmal im Jahr das Problem Franco-Spanien auf der Tagesordnung zu erscheinen. Man ist jedoch offenbar nicht geneigt, über die Entschließung vom 12. Dezember 1946 hinauszugehen, die den Mitgliedsstaaten empfahl, ihre Botschafter und Gesandten aus Madrid abzuberufen. Nur Argentinien hat sich der Entscheidung widersetzt, und mehr noch als dieser Entschluß hat in Spanien die Tatsache Genugtuung hervorgerufen, daß der argentinische Delegierte Arce behaupten konnte, die Empfehlung habe gegen die UNÖ-Satzungen verstoßen, ohne daß eine Macht widersprach. Die spanische Presse spricht der UNO sowieso unisono das Recht ab, sich in innere Angelegenheiten Spaniens einzumischen und Franco verglich die Mitgliedschaft Rußlands, eines Landes "das den Frieden der Welt bedroht und ehemals souveräne Staaten besetzt hält" mit dem Bild eines Gerichtshofes, in dem der Angeklagte selbst als Richter säße und obendrein über ein Vetorecht verfüge.

Eine frappant andere Tonart-schlug der Generalissimus Ende des Jahres in einem; Presseinterview gegenüber den Vereinigten Staaten an. Er bezeichnete die iberische Halbinsel als "Brückenkopf Amerikas in einem, vom sowjetischen Bolschewismus bedrohten. Europa", und zum erstenmal sprach der Staatschef, von der Welt fast unbeachtet, den Wunsch, man möchte fast sagen die Bitte, aus, Spanien an dem Marshall-Plan zu beteiligen. Vorschnelle Beobachter mögen, darin ein Zeichen der Schwäche sehen, andere den Beginn einer diplomatischen Offensive, um Spanien im nächsten Jahr endgültig aus der unfreiwilligen Isolierung zu lösen, die doch erhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten mit sich bringt. Wie dem – euch sei: Fest steht jedenfalls, daß die weltpolitische Entwicklung der letzten Wochen Franco den Rücken gestärkt hat. Die kommunistischen. Niederlagen in Frankreich und Italien, die antikommunistische Propagandacampagne der USA-Besatzungsbehörden in Deutschland, das Scheitern der Londoner Konferenz, die Blockbildung in der UNO, die Abschlüsse von Handelsabkommen mit England und den Ölgesellschaften der USA, und endlich der mißlungene Versuch der spanischen Exilparteien, eine gemeinsame Koalition zu bilden’; dies alles wird von Franco mit der Befriedigung eines Spielers zur Kenntnis genommen, der auf die richtige Karte gesetzt hat. Er weiß, daß die westlichen Demokratien ihn nicht lieben, aber er weiß auch, daß sie, solange noch der Schatten einer kommunistischen Gefahr besteht; im Hinterland des "Marshall-Landes" lieber eine "Franco-Diktatur" sehen, als einen Bürgerkrieg, mit allen seinen möglichen Folgen. Claus Jacobi