Von Louis Bromfield

Louis Bromfield, der aus schottischer Abstammung 1896 in Hausfield, Ohio, geboren wurde; darf als einer der bekanntesten Vertreter amerikanischer Erzählerkunst gelten. Auch Deutschland erlebte sein Roman "Der große Regen eine hohe Auflage. Sein neuester Roman "Was wurde aus Anna Bolton", ist vor kurzem erschienen. Aus dem Anfang des Buches bringen wir-nachfolgendes Kapitel.

Es war in London im Juni 1937 – in einem London, das keiner, von uns. jemals wieder sehen, wird; in einem London, wo das 19. Jahrhundert, ja manchmal sogar das 18. gar nicht so weit zurück lagen, denn in London hat die historische Zeit immer gezögert, und eine Ära hat die andere überschnitten. Freilich, es gab kein Dorchester Haus mehr und kein Grosvenor Haus, und wo sie gestanden hatten, stiegen jetzt Wolkenkratzerhotels empor: aber am Berkeley Platz und in der-, Hillstraße, in der Bruton-Straße und der Parkgasse waren sie noch nicht verschwunden, das 18: und das 19. Jahrhundert. Und auch in den Klubs nicht und in den großen Häusern in Kensington in den Läden der Jermynstraße und in den Köpfen’ und Begriffen vieler Leute – vom Fischhändler bis zum Lord-Siegel-Bewahrer. Und weil sie noch nicht verschwunden waren, gab es in London etwas, das "Die Saison" hieß, und womit ungefähr die Monate Juni und Juli gemeint waren. Aber sogar die "Season" war nur eine Erinnerung an das 19. Jahrhundert – als die Leute, die den Rest des Jahres daheim in dem kühlen, grünen Dunst ihrer großen Güter in Oxfordshire und Mittelengland blieben, "zur Stadt kamen", um Bälle und Diners und Hofempfänge mitzumachen. und ihre heiratsfähigen Töchter zu verheiraten, die mehr an Reithosen und Fuchsjagden gewöhnt waren als an Pariser Abendkleider und Diademe. .

In den dreißiger Jahren war England bekümmert, und ein wenig müde und verwirrt; nur ein kurzes, kurzes Stück lag – ein nur zu wirkliches Traumbild – die Aussicht auf einen neuen Krieg, einen Krieg, der all den Glanz, das nüchterne Übermaß, die Narrheit, die Tradition; kurz alles was "Season" in London bedeutete, tödlich sicher und auf immer in Trümmer schlagen würde. Ein Krieg hatte es ausgehöhlt und sein Dasein bedroht – der zweite würde es fertig machen. Und dessen war sich, glaube ich, ganz London bewußt – vom König und Herrn Chamberlain bis hinunter zum Perlenkönig in Camdentown – wie sehr man auch das Angstgefühl in den Hintergrund schob. Man war sich bewußt, daß England nicht fähig war, wirklich einen Krieg auszukämpfen. Es war ja nicht Einmal fähig, die wachsende Macht eines Mannes, der sich Adolf Hitler nannte, in Schach zuhalten...

Ich glaube, in die Furcht des Volkes mischte sich auch das Wissen darum, daß sie keinen wirklichen Staatsmann mehr hatten, sondern nur ein Häuflein müder Politiker, die im Garn ihres eigenen matten Spiels verfangen waren, Männer, nervos und erschlittert durch das Bewußtsein, ihre Anstrengungen, das Rad der Zeit aufzuhalten, die Dinge zu wahren, die die "Season" ausmachten, warenfehlgeschlagen, und vor ihnen lag nur nacktes Unglück. Diese unausgesprochene, unbewußte Furcht rief eine Art Hysterie hervor, und sie machte diese letzten Monate vor dem Weltende zu den glänzendsten, die England je gekannt hatte. Es war, als wollte London ein ungeheures Schauspiel bieten, wie jene tragi-komische Ausstellung in Paris, die geschlossen wurde, ehe sie fertig gebaut war, um alle anderen Völker mit einem Eindruck von Macht und Glanz und Wichtigkeit irrezuführen.

Aber es war etwas Unbritisches, etwas Unsolides an dieser ganzen Schau, etwas von dem eitlen Geprange eines Karnevals. Die ganze Sache war allzuinternational, allzu kosmopolitisch. Die Gesellschaft war in zwei Teile gespalten: die einen empfingen Ribbentrop und die andern nicht; die einen hießen den Sowjetgesandten willkommen, die andern nannten ihn den Gesandten; des Teufels. Alle Schranken waren in den Ietzten drei oder – vier – Jahren gefallen. Bei jedem Diner schwirrten -politische Gespräche, Streite und Beschuldigungen durch die Luft; bei jedem Diner, bei jedem Ball traf man Schwindler vom Kontinent, ausgehaltene: Frauen, Spione und Propaganda-Agenten, Flüchtlinge aus Österreich, ja sogar aus Deutschland, London ist, hochgradig britisch, viel britischer als Paris französisch oder Rom italienisch ist – und der Anblick dieses kosmopolitisch gefärbten London war irgendwie etwas Gemachtes; Tolles, Unwirkliches. Der Mittagszug des Viktoriabahnhofes hieß im Ritz schon der Wien er Expreß", denn jeden Tag brachte er Schwärme von Flüchtlingen, und die Hälfte waren zweideutige oder klägliche mittellose Abenteurer.

Vielleicht war es nur der unwahrscheinliche Karneval des Kontinents, der seit dem Waffenstillstand von 1918 Tag und Nacht weiter um sich griff und sich, nun zuletzt auch über England ausbreitete. Aber er war blaß und alltäglich gegen die vielen Geschichten, die sich in Europa während des langen, ungeordneten, Waffenstillstands zwischen den Kriegen abspielten – Geschichten, die alle auf üble Weise überdramatisch waren – und doch waren sie alle wahr. Geschichten, die nur ein nüchferner Geschichtsschreiber erzählen kann, wenn er sie auch nur halbwegs glaubhaft machen will;