Das Vorwort zur Gottfried-Keller-Ausgabe des Aufbau-Verlags, Berlin, zitiert den geistvollen marxistischen Essayisten Lukacz, der in den "Leuten von Seldwyla" die "Trümmer eines Epos des Bürgertums" sieht. Das ist ein richtiger Gedanke, wenn dabei mehr der Akzent auf das "bürgerliche Epos" als auf die "Trümmer" gelegt wird. Denn in der Ironie, mit der Keller sein Phantasiestädtchen Seldwylaschildert, steckt mehr Heiterkeit der Liebe als zersetzender Spott. Und das Wort von den Trümmern läßt sich, was diese Novellengruppe betrifft eher auf die Auswahl des Aufbau-Verlages beziehen, von der man Vollständigkeit der Erzählungen um Seldwyla gewünscht hätte. Freilich enthält die vierbändige Ausgabe den "Grünen Heinrich" in letzter Fassung vollständig, dazu aus den "Züricher Novellen" die bekanntesten, nämlich den "Landvogt von Greifensee" und das "Fähnlein der sieben Aufrechten", und schließlich eine so reiche und vorbildliche Auswahl der Gedichte, daß die etwa auf die Hälfte des Kellerschen Gesamtschaffens beschränkte Auslese Anspruch darauf erheben kann, im Sinne eines echten Volksbuches zu wirken. Was insbesondere erfreut, ist der saubere Druck und die ansehnliche Aufmachung. – Dies gilt auch von den Ausgewählten Werken Heinrich Heines, die der Aufbau-Verlag rechtzeitig zur 150. Geburtstagsfeier dieses großen deutschen Dichters herausgebracht hat. Was zur Rückkehr Heines aus seinem ihm von den Nationalsozialisten bereiteten zweiten Exil zu sagen ist, hat Herbert Eulenberg in einem liebevollen Vorwortgesagt, Das Wort "Hier ruht ein deutscher Dichter", das Heine auf seiner Grabinschrift wissen wollte, findet heute die berechtigte Ergänzung: Hier steht ein deutscher Dichter wieder auf. Eulenberg sagt, es werde gut um unser Vaterland stehen, wenn es sich erneut dem Sänger und Streiter zuneige, der von sich sagen durfte: "Ich habe euch erleuchtet in der Dunkelheit." – Fürwahr, auch in seiner jüngsten Verbotszeit hat Heine dies getan. Und desto mehr Grund haben wir heute, jede Ausgabe seiner Werke zu begrüßen, zumal eine so liebevoll bereitete wie die vorliegende. Sie enthält zwei Bände Gedichte und im dritten Band die "Memoiren des Herrn von Schnabelewopski", das Fragment "Rabbi von Bacharach", Teile der Reisebilder, der Memoiren und die Einleitung zum "Don Quichotte". So kann die Auswahl zwar nicht erschöpfend sein: aber anregend ist sie auf jeden Fall: ein weithin wirkendes Denkmal der Liebe.

In seiner vorbildlichen. Reihe der "Illustrierten Bücher" legt der Kurt-Desch-Verlag,München, neuerdings eine Sammlung "Liebesnovellen der italienischen Renaissance" vor, die ein Berufener, nämlich Hanns Floerke, zusammengestellt, übersetzt und durch 32 Bilder nach altfranzösischen Kupfern von Charles Eisen feinsinnig bereichert hat. In dieser Auswahlvon Novellen der Boccaccio, Fiorentino, Bandello, Grazzini, Da Porto und anderen ist das Höchste dessen verwirklicht, was man heute nur mit Glück erreichen kann: unmittelbare Wiederbelebung des Vergangenen, Reinheit des ästhetischen Genusses und anmutige äußere Repräsentation: das Buch schmeichelt sich förmlich in die Hand und ins Auge. J. M.