Die ruhige Atmosphäre, in der sich das Demontagegespräch in der britischen und amerikanischen Zone bisher abgespielt hat, ist der Einzelerörterung zum Teil recht gut bekommen. Zwar waren von vornherein im Rahmen von Austauschvorschlägen keine grundlegenden Änderungen in der Zusammensetzung der Demontageliste zu erwarten. Denn derartige Vorschläge ließen sich kaum einseitig von deutschen Amtsstellen und schon gar nicht von einzelnen Landesregierungen in größerem Umfang machen. Zu leicht konnte dabei der Eindruck entstehen, daß beim Abwägen des Für und Wider Einzelinteressen ungebührlich stark berücksichtigt wurden. Dort aber, wo geographisch und industriell eine engere Verbindung bestand, wie in der Eisenindustrie des Ruhrgebiets, ist eine nicht unbedeutende Vorschlagsliste entstanden. Von den fünfzig Vorschlägen des Wirtschaftsministeriums Nordrhein-Westfalen sind bisher 18 voll und 5 teilweise von der Militärregierung angenommen worden.

Eine nennenswerte Besserung des Bildes hat sich vor allem durch die Erhaltung, einiger kleiner Elektro-Öfen, durch den Verbleib mehrerer Grob-, Mittel- und Feinblechwalzwerke und durch den Entscheid zugunsten mehrerer Spezialanlagen der Röhrenindustrie ergeben. Besonders schmerzlich ist dagegen die Ablehnung des Verbleibs von drei Feinblechstraße mit Glühofenanlage bei der August-Thyssen-Hütte in Bruckhausen und einer 4-m-Grobblechstraße der Gutehoffnungshütte in Oberhausen, zwei besonders moderne Anlagen. Immerhin sind einige besonders gefährliche Engpässe durch den Austausch vermieden worden. Das gilt auch für die Erhaltung der Erzeugung von Vulkanfiber in Troisdorf, für die statt dessen die Preßstoffkapazität im gleichen Betrieb der Dynamit-Nobel demontiert wird. Sehr viel langwieriger als der Entscheid über Austauschlisten muß sich die Klärung über die Demontage von Spezialwerken gestalten, die in der Doppelzone einmalig und unersetzlich sind.

Die Streichung einer Maschinenfabrik in Nürnberg von der Demontageliste, die als einzige deutsche Firma Turbinenschaufeln für Dampfturbinen herstellt, und die Hoffnung, das einzige Werk für Schrottscheren in der britischen Zone zu erhalten, sind erste Anzeichen dafür, daß berechtigte Einwände gegen den Abbau von unentbehrlichen Spezialwerken in jedem Fall ernsthaft geprüft werden. Aber die deutschen Hoffnungen zur Fortsetzung des Demontagegesprächs können nicht auf die Prüfung weiterer Austauschvorschläge und die Streichung einzelner schon jetzt als unentbehrlich erkannter Werke beschränken. Es bleibt vielmehr für das Jahr die Frage, inwieweit der Fehlschlag der Londoner Konferenz und die Einbeziehung der Westzonen in den Marshall-Plan grundsätzlich: den Ausgangspunkt für die Aufstellung der Demontageliste ändern können. In Washington neigt man bekanntlich dazu, weitere Reparationslieferungen an die Sowjetunion aus den Westzonen einzustellen, während Bevin auch weiterhin dem Buchstaben nach erfüllen will. Hierüber soll eine diplomatische Fühlungnahme zwischen England und den USA bestehen.

Und nicht nur in Washington wird der wirtschaftliche Sinn einer Demontage von anderen als Rüstungswerken bezweifelt, wenn die Westzonen gleichzeitig eine möglichstrasch und vielseitig verwendbare Werkstatt für den europäischen Wiederaufbau unter dem Marshall-Plan werden sollen. Für die Erfüllung dieser Aufgabe sind einige erfreuliche Vorzeichen gegeben. Die Einfuhrerlaubnis für 1,25 Mill. t hochwertigen Eisenerzes ist für die geplante Erhöhung der deutschen Stahlproduktion auf 4,8 Mill. t im Jahr 1948 ein guter Anfang, der allerdings durch die Bedingung geschmälert wird, daß Deutschland weiterhin Schrott zu exportieren habe, der auch in unseren trümmerreichen Städten knapp zu werden beginnt. Die Bemühungen, die deutschen Eisenbahnen wieder leistungsfähiger zu gestalten, entspringen gleichfalls der richtigen Erkenntnis, daß nach der Steigerung der Kohlenförderung eine Verbesserung der Transportverhältnisse besonders dringlich ist. Der deutsche Wille zu Arbeit und Aufbau wird sich dankbar jeder derartigen Hilfe bedienen.

Gw.