Von Willi Baumeister

Als der Maler Willi Baumeister, Professor an der Stutgarter Akademie, kürzlich gemeinsam mit dem Ballettmeister Wosien den "Liebeszauber" von de Falla inszenierte, zeigte sich, daß die Aktivierung des Bühnenbildes durch die Mittel, die einst im Bauhaus von Dessau und in der Technik der abstrakten Maler bereitgestellt worden waren, heute wieder stärksten Anklang finden. Baumeister hat übrigens neuerdings in dem Buche über das "Unbekannte in der Kunst" (Verlag Curt E.Schwab in Stuttgart) die Grundlagen der abstrakten Malerei erörtert.

DasBühnenbild ist nicht Beigabe, sondern Teilstück eines Bühnenwerkes. DenndieAufführungeiner Oper; eines Schauspielsoder eines Balletts hat eine Folie nötig, die das Sichtbare des Bühnenwerks abschließt und damit als Kunstdarbietung in der dazu nötigen Isolierung anschaulich macht. Dennoch traten vor 25 Jahren Bestrebungen auf, die "Guckkastenbühne" zu verlassen und die Darstellung in den Zuschauerraum vorzutragen Das Körperlich-Räumliche nämlich sollte als Dynamik auch für das Theater in Anspruch genommen werden. Und wenn diese Tendenz, die dem Zirkus entspricht, auch nicht weiter verfolgt wurde, so sind doch gewisse Empfindungen und Erkenntnisse davon erhalten geblieben und immer wieder spürbar. Das Auftreten und Sprechen aus dem Zuschauerraum oder das Ansprechen der Zuschauer von der Rampengrenze aus – ein Kunstmittel, das heute oft angewandt wird – hebt ohnehin die scharfe Grenze zwischen Bühnenraum und Zuschauerraum auf.

Es ist die Bewegung der Akteure, die den Bühnenraum als stereometrisches System demonstriert. Denn der Akteur modelliert gleichsam mit seinem Körper Hohlformen in das Raumhafte hinein. Die Verdrängungsformen gehen dabei dem Darsteller gleichsam nach, und die schnelle Ortsveränderung eines Akteurs, zum Beispiel eines Tänzers gibt nicht nur seinen augenblicklichen Standort an, sondern läßt auch noch seinen früheren nachwirken, so daß er empfindungsmäßig mehrfach vorhanden sein kann. Damit bildet der Akteur, der Tänzer, der Schauspieler den Raum um sich, Ja, er läßt den Raum entstehen. Das Bühnenbild wiederum setzt sich zu Bewegungsphasen der Vorgänge in Beziehung. Deshalb hat der Papierentwurf eines Bühnenbildes seine primäre Dominante verloren. Und deshalb auch müssen die Maße der aufgerichteten Wände und der körperlichen Podeste für den modernen Akteur und den modernen Zuschauer andere Eigenschaften aufweisen, als dies beim früheren Bühnenbild der Fall war, in dem sie eine starre, gleichbleibende Folie waren.

Da die Bühnenöffnung relativ groß ist, erscheint es oft nicht leicht, von ihren Maßen bis zum stehenden, sitzenden oder liegenden Menschen die Schau zu überbrücken. Das Bedürfnis, die obere Leere des Bühnenraumes gelegentlich mit ins Spiel einzubeziehen. wird durch Treppen und höhere Spielflächen gekennzeichnet. Ferner ist es der Umbau auf offener Szene, die Veränderung des Bühnenbildes als sichtbarer Vorgang oder essind starke Beleuchtungseffekte, die den Bühnehraum aktivieren. Dabei ist es freilich durchaus nicht nötig, daß dauernde Veränderungen im Bühnenbild vorgehen – auch farbige Simultanwirkungen vom Kostüm auf Hintergrundteile bringen Veränderung.

All diese Komponenten einer modernen Bühnenarchitektur nehmen heute eine solch große Bedeutung an, daß für Bühnenmalerei im alten Sinn schlechthin nicht mehr viel übrigbleibt. Die farbige Gestaltung kann sich durchaus auf Anstriche beschränken, und zwar in eine beschränkte Farbskala, damit die Beleuchtung zu außerordentlicher Wirkung gebracht werde. Beleuchtung hebt die Konstanz der Lokalfarben auf.

Aus alledem ergibt sich für den modernen Bühnenbildner, daß das dekorative Element nicht, wie einst, als erstes Prinzip angestrebt werden darf. Ohnehin treten vorgefaßte dekorative Formensysteme, wie zum Beispiel die Symmetrie eines ist, in ein sehr ungünstiges Verhältnis zum Leben auf der Bühne. Sogar dekorative Bemalung, die aus den Errungenschaften der modernsten Malerei entlehnt ist, überlagertähnlich wie die Symmetrie viel zu zwingend die Akteure. So ist das Dekorative zum bloßen "Kunstgewerbe in monumentaler Form" geworden. Und der starre Aspekt mag er auch noch so "geschmackvoll" sein, sättigt blickmäßig den Zuschauer zu schnell und fängt zugleich den Blick immer wieder ein. Er lenkt dadurch ab.

Übrigens ist dem "Spiel" auf der Bühne stets ein Beiklang gegeben, der sowohl dem ernsten und gewichtigen Vorgang als der Heiterkeit innewohnt. Es ist die Kunst, die hier im Gegensatz zum Natürlichen steht. Dieser Beiklang soll auch im Bühnenbild merkbar sein, damit das "Erhabene nicht zum Lächerlichen" werde. Deshalb muß dem Theater das eingeräumt werden, was des Theatersist: das Spiel mit den eigensten theatergemäßen Mitteln. Eine Scheinbarkeit soll entstehen; aber die Vortäuschung. darf nicht auf die Imitation einer Naturwirklichkeit gerichtet sein. Der "schöne Schein" vielmehr muß eine Nuance treffen, die man mit "Theaterwahrheit" bezeichnen könnte. Dieser "Theaterwahrheit" steht ein aufdringlicher Bühnenentwurf stets ebenso entgegen wie eine aufdringliche "Ausstattung". Die "reale" Auffassung des Bühnenbildes liegt statt dessen ausdrücklich im Improvisiert-Behelfsmäßigen, im Beweglich-Variablen, im Praktisch-Handwerklichen des kürzesten Herstellungsweges: dem Weg zum Einfachen und Selbstverständlich. Auf diese Weise soll der Zauber der Bühne entstehen. Und die überraschendsten Zinsen trägt besonders hier: ohne Ambition einer Sache dienen zu wollen!