Von Werner Haftmann

Elio Vittorini ist ein wunderbarer Mensch. Er sieht aus, als sei er aus einem der ägyptischen Mumienporträts ins Leben getreten. Es ist das Stigma der uralten Völker am Mittelmeer, die uralte Demütigung ihrer Geschichte, aber auch die ganze Leidenschaft ihres alten Blutes, das man an ihm erkennen kann, wenn man ihn ansieht, als Freund, mit der Frage das Freundes in den Augen, ihn, den Sizilianer. der jetzt 38 Jahre alt ist, Es ist also nicht sein Lebensalter; es ist das After seines Blutes, die lange Trauer der tausend-, jährigen Erinnerungen, die ihm eine nicht ausdrückbare Art von wissender Sanftmut geben, als sei er ein kleines Etwas mehr als ein Mensch, eine in einem lebendigen Menschen verborgene legendäre Figur, etwas,was man empfinden müßte, wenn man in der mythischen Sprache der Alten sagen würde, er sei ein ,Kind Siziliens. Und so ist er immer sanft, und verhalten auch in seiner Person, und seine Leidenschaften sind still, dunkel und glühend wie der alte Wein vom Ätna. Es sind keine direkten Leidenschaften es sind abstrakte Leidenschaften, keine von der Art der schnellen, groben Leidenschaften von uns Barbaren, abstrakte Leidenschaften, die immer dem ganzen menschlichen Geschlecht gelten.

– Das ist der Punkt: – daß alle seine Leidenschaften dem menschlichen Geschlecht gelten! Er ist. also kein Literat. Er ist ein Mensch, der schreibt um der Menschen willen; er ist aber auch ein Mensch, der um der Menschen willen handelt. Dieser sanfte Sizilianer mit den Stigmata des größten Dichters des jungen Italiens in den Augen war der militanteste Kämpfer im antifaschistischen Untergrund. Als dann 1944 die italienische Freiheitsbewegung den offenen Kampf gegen die deutschen und faschistischen Truppen begann, war Rio Vittorini der Propagandist der oberitalienischen kommunistischen Patriotenverbände, – da war also der sanfte Sizilianer ein militanter Kommunist. Nach der Befreiung Italiens übernahm er die Schriftleitung der größten oberitalienischen kommunistischen Tageszeitung und gibt jetzt die kommunistische Kulturzeitschrift ‚Il Politecnico‘ heraus.

Aber’sein Kommunismus ist besonderer Art. Es ist nicht der knöcherne, dogmatische Marxismus der Dritten Internationale mit seinen zu alt gewordenen Heiligen, seinem historischen Materialismus und all seinen anderen Dummheiten. Es ist der Kommunismus eines Menschen guten Willens, der nach neuen Pflichten für das menschliche Geschlecht sucht, der einfach genauer weiß, als wir anderen es wissen, daß unsere altenPflichten – nicht mehr zählen, einfach Weil wir sie, so lange nicht erfüllt haben, bis sie zu alt geworden sind, und daß – wir neue Pflichten haben müssen, andere Pflichten, die dem ganzen menschlichen Geschlecht gelten müssen. Dazu eben braucht es neuer, einfacher Imperative, Behauptungen kategorischer Natur. Mussolini schrieb auf die Häuser des alten Italiens: "ll Duce ha sempre ragione", und auch Hitler. ließ erklären, daß er selbst. immer recht hätte. Vittorini behauptet auch etwas Kategorisches, er, behauptet, daß der Verfolgte immer recht hat! Aber seine Behauptung ist eben die Voraussetzung für die Güte und die Liebe im Menschen. Elio Vittorini konnte ein großer Christsein. Aber er ist ungläubig. Er ist also etwas anderes als ein Christ, etwas sehr Ähnliches, aber etwas anderem Er ist einer der ersten Menschen, die etvas von neuen Pflichten der Menschen wissen/ er ist ein Primitiver des neuen Menschentums, tag den absoluten Menschen, wie er Kleist bis Valéry gelebt und beschrieben wurde, ablösen wird. Genau das . ist Elio Vittorini!

Die neue Literatur Italiens hat sich seit geraumer Zeit vom klingenden Rausch der Worte d’Annunzios und von seiner von Nietzsche getragenen Pathetik freigemacht. Es war die Fein-, gliedrigkeit des psychologischen Ereignisses bei André Gide, vielleicht auch ein wenig das schwadronierende MenschenkennertumThomas Manns, das Palazzeschi zu den ,SorelleMaterasse‘ und "den blutjungen Moravia zu seinem berühmter Roman ‚Gli Indifferente begeisterte. Dann aber wir es Marcel Proust, der in der letzten Generation Italiens das Gefühl für die poetische Kraft der Erinnerung weckte. Und dann – Rimbaud, von dem der bedeutendste Lyriker des neuen Italiens, Eugenio Montale, ausging, bis ersein eigenes Geheimnis fand, auch die ungebetenen Worte in der Hermetik seiner Wortgespinste, mitklingen zu lassen. Dies vielleicht hat Vittorini der neuesten, von Frankreich her bestimmten literarischen Richtung seines Landes, dem ,hermetismo‘ abgelauscht: – das Mitklingenlassen wich der ungeborenen Worte.

Erzählung um einen Ferienaufenthalt, in Lussim-Sprache. erfand sich Vittorini eine ganz eigene Sprache. Es ist, als würde, er der Sprache alles Zivilisatorische Abstreifen, als bliebe das reine, einfache Wort wie ein Gerüst stehen, zwischen dem die ungeborenen Worte wie Perlen an Schnüren hängen. Das Wort ist nur eine Taste, die das vielstimmige Getön der Phantasie anschlägt. So kann derSprachkörper selbst einfach und fast arm werden. Vittorini. geht mit seiner Sprache so seltsam, probend und fremdartig um, als sei er ein Ausländer, der mit einer gewissen Mühsal die Worte sucht und sie immer etwas seltsam, kostbar, wie eben in Gebrauch genommen. empfindet. Dem Wunder der Sprache steht er so nackt wie Adam gegenüber. Auch da ist er derPrimitive einer neuen Sensibilität

In dem Buch ‚Conversazione in Sicilia‘, das Vittorinis Namen in der Welt berühmt machte, kann man erkennen, von welchem Reich des Traumes aus er die Welt sieht. Sein Traumland ist – Amerirka! Ein seltsam abstraktes Amerika! Einmal bat mich Vittorini, mit ihm nach Böcca di Magra, einen kleinen Ort an der Mündung des Flüßchens Magra am Golf von Spezia, zu reisen. Und er erzählte mir, wie schön der Fluß, die Magra, sei, "sie sieht aus wie der Mississippi sagte er. Aber die Magra ist nichts als ein winziges Flüßchen, sie ist absolut kein Mississippi, aber irgendetwas an ihr entspricht wohl dem Traum des sanften Sizilianers, den er vom Mississippi hat. So wird natür-. lich alles irgendwie zu Amerika, zu einem Traum von einem großen, harten Land mit Männern, die wie Figuren sind, mit einer seltsamen einfachen Sprache, vor großen Horizonten, der Weite und Freiheit, Männer, die vielleicht die neuen Pflichten kennen. Und so suchte er seine Brüder unter ihnen, den Amerikanern-, und fand die Kraft und Mann-, lichkeit Hemmingways und den mit wenigen seltsamen Worten erzählenden Saroyan. Es sind die Dialoge Saroyans, den-Vittorini herrlich übersetzte, die das wichtigste bildnerische Mittel für die ,Conversazione’ hergaben.