Burma scheidet aus dem Empire

Das englische Parlament sicherlich eine Vereinigung von sachlich und nüchtern arbeitenden Politikern, hat sich in schöner Unvoreingenommenheit und Großzügigkeit fernöstlichem Stirnenglauben und ostasiatischer Seherweisheit unterworfen. Es hat einen Gesetzentwurf seiner Regierung über einen Staatsvertrag, obwohl dieser bereits in zwei Lesungen angenommen war, durch einen Nachtragsakt um zwei Tage vordatiert, weil dieses Datum den Vertragspartnern, nach den residierten Berechnungen östlicher Himmelskennter, unter besserem, schönerem und günstigerem Aspekt zu stehen schien.

Eine solche beinah romantisch anmutende Rücksichtnahme verdient immerhin verzeichnet zu werden. Allerdings, das so ans 48 Stunden vorverlegte Ereignis selbst verdient es noch viel mehr; handelt es sich doch um nicht weniger als um die Geburt eines neuen souveränes Staates aus dem Schoß des alten britischen Imperiums. Nicht wie ursprünglich geplant am 6., sondern jetzt schon am 4. Januar hat nach eindeutigem Wunsch ihrer Bewohner und unter feierlicher Billigung durch Englands Regierung, Parlament und König die "Republik der Union von Burma" ihr Leben begonnen. Als der Union-Jack langsam von Fahnenmast vor dem Regierungsgebäude in Rangoon niedergeholt wurde und die neue Flagge der Republik – rot mit sechs Sternen auf blauem Untergrund – aufstieg, schied zum erstenmal seit mehr als 170 Jahren wieder ein Land aus dem Verband des britischen Empire aus.

Das ist ein Vorgang, von dem man diesmal wirklich sagen kann, daß er weltgeschichtliche Bedeutung habe, die nicht durch ähnliche Vorgänge in Indien vermindert wird. Die – neugeschaffene Indische Union und Pakistan wurden nicht aus dem Commonwealth entlassen: sie blieben als selbständige Dominien Mitglieder des englischen Völkerverbandes. Ganz im Gegensatz zu den dreizehn nordamerikanischen Kolonien, die sich 1776 für unabhängig erklärten und die Vereinigten Staaten von Nordamerika bildeten, hat die Union von Burma ihr Ziel auf friedlichem Weg erreicht, und England hat diesmal ohne Behinderung eine Kolonie ihren eigenen Weg antreten lassen. Mit der Erklärung in der Unabhängigkeitsakte, daß "Burma in Zukunft keinen Teil der Dominien Seiner Majestät bilden und keinen Anspruch auf Seiner Majestät Schutz haben", wird, hat England die 1776 begonnene Entwicklung, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen, zum logischen Ende geführt und der Welt den letzten Beweis dafür geliefert, daß das Empire einen freiwilligen Zusammenschluß der beteiligten Völker darstellen will.

Nur ein ganz loses Band, ein dreijährigriges Verteidigungs- und Finanzabkommen mit automatischen Verlängerungsvorkehrungen sowie ein normaler Handels- und Freundscbaftsvertrag, die beide erst nach der Unabhängigkeitsfeier in Rangoon unterschrieben werden sollen, knüpfen in Zukunft Burma an England. Das Verteidigungsabkommen sieht bei Abzug aller englischen Truppen die Entsendung einer englischen Militärmission nach Burma vor, schafft Ausbildungsmöglichkeiten für die burmesische Wehrmacht in englischen Institutionen, überträgt 35 kleinere englische Kriegsschiffe an Burma und schließt die Möglichkeit aus, daß die neue Union Militärmissionen anderer Länder aufnimmt. Im Finanzvertrag verzichtet England auf ein Drittel der Summe, die es seit Kriegsende in Burma investiert hat und stimmt einer zinslosen Rückzahlung der restlichen 30 Millionen Pfund Sterling in zwanzig Jahresraten, beginnend mit 1952, zu. Außerdem ist Vorsorge getroffen, daß bei der Durchführung des von der burmesischen Regierung beabsichtigten Staatssozialismus englischer Besitz nicht entschädigungslos enteignet werden kann.

Wer dem Weg nachgeht, der zur burmesischen Freiheit führte, wird manches, am europäischen Vorbild gemessen, absonderlich finden. Er wird unter anderem jenem jungen burmesischen General U Aung San begegnen, der 1941 eine "Freiheitsarmee" von 4000 Mann den Japanern zur Verfügung stellte, der aber ebenso entschieden 1944 den Kampf gegen die Japaner unter englischer Führung aufnahm, nachdem er erkannt hatte, daß die von Japan gewährte Unabhängigkeit nicht echt war. Im Juli 1947 wurde er ab Premierminister mit sechs seiner Kabinettskollegen ermordet Da sind weiter die alten Premiers aus der Vorkriegszeit U Saw und Dr. Ba Maw, die als Parteiführer auftauchen, obwohl der eine von ihnen während des ganzen ostasiatischen Krieges wegen Japanfreundlichkeit in englischer Internierung saß, und der andere bis 1945 burmesisches Staatsoberhaupt unter recht straffer Japanischer Aufsicht war. U Saw ist jetzt in Rangoon zum Tode verurteilt worden, weil er den Mord an U Aung San inszeniert haben soll; über das Schicksal des unter dem gleichen Verdacht verhafteten Ba Mavi ist bisher weiter nichts bekannt geworden. Von den Burmesen wurden alle diese Männer und die hinter ihnen stehenden Parteien einschließlich der beiden kommunistischen Splittergruppen hingenommen und anerkannt, weil sie die Unabhängigkeit von jeder ausländischen Macht nach den Gegebenheiten des Augenblicks gewollt hatten. U Saw und Ba Maw machten sich nur dadurch mißliebig, daß sie zuguterletzt die Unabhängigkeit unter stark faschistischen Vorzeichen nicht von England entgegennahmen, sondern einseitig gegen England durchführen wollten. Die antifaschistische Freiheitsliga des Volkes, die die Regierung bildete, war daher genötigt, unter Führung des jetzigen Ministerpräsidenten Thakin Nur jene beiden Gruppen von U Saw und Ba Maw sowie die beiden kommunistischen Parteien auszubooten, wenn sie mit den Sozialisten und den anderen sechs oder sieben gemäßigten Parteien weiterhin einen Kurs der Mäßigung steuern wollte.

Es wird sich zeigen müssen, ob die Einigkeit im restlichen Regierungsblock gewahrt werden kann, nachdem das Ziel erreicht ist. Burma ist das klassische Land der Minoritäten, das Land der Gegensätze zwischen dem Volk der Ebene und dem Völkergemisch der Berge. U Aung San hat diese Gegensätze durch eine Verfassung zu überbrücken versucht, die den Bergvölkern bei einer Bevölkerungszahl von rund 4 Millionen 90 Sitze in der Nationalitätenkammer, dem Oberhaus, sichert, während die restlichen 13 Millionen eigentlicher Burmesen nur 60 Sitze erhalten. Sein Nachfolger Thakin Nu hat zum Vorsitzenden des Unterhauses den angesehenen Sawba von Yawnghwa wählen lassen, den Herrscher über den bedeutendsten der Bergstaaten, und mit Einverständnis aller Beteiligten sind die Minderheiten in sogenannte Unionstaaten, autonome Staaten und nationale Gebiete eingeteilt, und auf diese Weise selbst noch die Kopfjägerstämme der Was und Nagas der Gesamtunion mit fest abgegrenzten Rechten eingegliedert worden. Erst danach haben die Engländer ihre Zustimmung zur Übernahme der Souveränität auch über diese bisher als direkte englische Protektorate verwalteten Shan- und Karennistaaten und die Kachinvölker gegeben.