Uraufführung in Bochum

Bochums traditioneller Ruf als Schauspielbühne hängt mit den großen Klassiker-Aufführungen, den zyklischen Darbietungen von Dramen der Weltliteratur zusammen, mit denen sich dieses Theater im Westdeutschen Industriegebiet einmal einen einzigartigen Rang geschaffen hatte. Mit der Wahl und Wiedergabe zeitgenössischer Werte hat es dagegen selten viel Glück gehabt. Wieder bestätigte es sich durch die Aufführung dieses Theaterstückes von Hans Jüngst, von dem wir in Kriegszeiten einmal ein hoffnungweckendes Schauspiel "Achill unter den Weibern" kennen lernten. Während wir nun nach deutschen Autoren Ausschau halten und uns ehrlich Über jeden Fall freuen, da wir ein neues deutsches Stück dem ausländischen Spielplan unserer Bühnen einfügen können, erleben wir, soweit das inländische Schaffen in Frage steht, durchweg Enttäuschungen. Dieses Stück setzt diese Reihe fort; man weiß nicht recht, was es auf dem Theater von heute bedeuten soll; denn es geht allen Dingen, die uns in dieser Zeit unmittelbar angehen, aus dem Wege, was nun durchaus keine conditio sine qua non für die Gegenwartsdramatik formulieren soll. Da aber dieses Schauspiel im historischen Gewande kömmt, mit Trommelwirbel und Belagerungsgerauschen um die spanische Grenzstadt Gerona im Jahre 1809, hätte es nahe gelegen, zu unserer Zeit irgend eine Beziehung herzustellen. Doch davon ist hier keine Rede, hier und da fallen in weggesetzten Versen ein paar Worte wider den Krieg. Im übrigen hätte das Stück ebensogut vor zwanzig oder vierzig Jahren geschrieben sein können, so beziehungslos steht es im Gegenwartsschaffen.

Dafür hat denn der Autor seinem Stück einen ansehnlichen Liebeskomplex eingebaut, der den jungen Festungskommandanten an eine Frau bindet, die es, das muß man schon sagen, in sich hat. Sie ist die Gattin eines der zum Tode verurteilten Verräter, den sie bereits füseliert wähat, als sie im dunklen Witwengewand den Kommendanten aufsucht und um Herausgabe der Leiche bittet. Hier aber erfährt sie, daß ihr Mann noch lebt, was ihr, da sie inzwischen ihr Herz dem ihr bereits hörigen Kommandanten zugewandt hat, zu vernehmen einigermaßen peinlich ist. Doch der Dichter nimmt das Hemmnis leicht hinweg, er läßt den Delinquenten, nachdem er mit dem Festungsoffizier noch ein sehr menschliches Gespräch geführt hat, aus nicht erkennbaren Gründen (es sei denn aus denen der äußeren Räson) Selbstmord begeben. Und an der Leiche des Gatten bekennt sie, nicht von dem Geliebten zu lassen, was auch kommen möge. Als dann schließlich die Probe aufs Stempel kommt – der Oberst hat inzwischen die Festung gegen den Feind behauptet und er wird dafür vom General, dekoriert, Ines aber, die besagte Witwe, ist der Verräterei bezichtigt – da entscheidet der Autor: das Schicksal nochmals durch einen Pistolenschuß, den die Frau auf den Geliebten abgibt, als von ihm ihre Preisgabe verlangt; wird. Da sie ein gleiches Schicksal nicht an sich vollzieht, weiß man nicht, was nun werden soll, wie denn, abgesehen von diesem reichlich primitiven Schluß, der Verfasser es überhaupt den Besuchern schwer machte; den oft krausen und verschwommenen Formulierungen folgen zu – können, mit denen er das Thema der hohen Liebe auf seine Art abzuwandeln trachtet. Das geht denn, trotz der stellenweise dichterisch klingenden Worte, bis hart an die Kolportage heran.

Die Bochumer spielten das Werk wie eine kleine Haupt- und Staatsaktion – heraldisch, wie man diese Stilart schon, einmal genannt hat. Da sitzt alles sicher bis zum letzten Uniformknopf und Trommelwirbel, aber der Klang blieb hohl, obwohl Alf Marholm als Festungskommandant es gewiß nicht an echten Tönen fehlen ließ. Dagegen würde eine Figur, wie, die Geliebte Ines für unser Gefühl nur erträglich, gemacht werden können, wenn sie Bus der blutmäßig-triebhaften Anlage etwa eines, südländischen Wesens heraus. entwickelt wäre und nicht so blond und pseudogläubig, als die sie Irene Dodel spielte. Die Regie von Wolfgang v. Stas war auf Ausgleich der divergierenden Elemente in diesem Stück bedacht, dem Otto Brandes einen vorteilhaften Bühnenrahmen geschaffen hatte. Die gröbsten Defekte blieben jedoch nicht zu überspielen. und man muß sich nur wundern, daß es am Schluß, nach sehr zögerndem Mitgehen des Publikums. zwischendurch, überhaupt zum Beifall sind nicht zur Ablehnung kam, und weiter, daß ein Stück dieser Art in Bochum die Mühe der Einstudierung wert war. Oder ist es tatsächlich so, daß wir im geistigen Anspruch den Qualitätsbegriff auch einzubüßen scheinen, nachdem wir den materiellen schon längst hinter uns getan haben?

Hans Georg Fellmann

Berlin hat im Laufe der letzten beiden Jahre zahlreiche Proben amerikanischer Kammermusik kennengelernt. Die Sinfonik jedoch, auf der in Amerika ähnlich wie in der Sowjetunion der Schwerpunkt des neuen Musikschaffens liegt und die so ausgezeichnete Namen wie Roy Harris, Howard Hanson und William Schuman aufweist, bliebans bisher Fenn. Einen Anfang machte jetzt John Bitter, dir mit den Berliner Philharmonikern die zweite Sinfonie Op. 19 des 37jährigen Samuel Barber aufführte. – Nach dem ersten Allegro hätte ich schwören mögen, die Sinfonie sei von Britten, so verwandt ist sie dessen Stil. An ihn erinnert, die Freude an der Verwendung klanglicher Grenzlagen,-der hell geschärfte Holzbläserklang, die Sekundreibungen, die einstimmig, geführten unbegleiteten Violinen (die beide von Hindemith gelernt haben dürften der in "Cardillac" eine ganze Szene mir ihnen bestreitet), die heftigen detonationsartigen Exzesse der Pauken und des Blechs in der Durchführung. – John Bitter, der sich in Berlin als Dirigent bereits einen Namen gemacht und sich immer wieder als Musiker Von Spannkraft und Impulsivität erwiesen hat,-und die Philharmoniker setzten sich für die Sinfonie mit Eifer und Intensität ein. K. W.