Wenn der Tank voll ist", so sagte Anfang vorigen Monats ein 26 jähriger junger Rumäne während seines kurzen Schweizer Aufenthalts zu Freunden. "Wenn der Tank meines Flugzeugs voll ist, dann kann ich es gerade bis Istanbul schaffen." – Er hat diesen romantischen Fluchtweg nicht zu wählen brauchen. Am 3. Januar, vier Tage nach seiner Abdankung verließ König Michael mit der Königin Mutter Helene und dem königlichen Gefolge sein Land in einem Sonderzug, der ihm zusammen mit 32 Ausreisevisa von seinen kommunistischen Untertanen zur Verfügung gestellt worden war, um sich in das, schon nahezu klassisch gewordene Schweizer Königs-Exil zu begeben.

Mit Michaels Abdankung, ist die letzte traditionelle – Regierungsform im europäischen Osten und Südosten abgeschafft. Für Rumänien aber ist die Beseitigung des Königshauses zugleich Endpunkt einer Entwicklung die mit der Befreiung des Landes begonnen hatte, und die "Gleichschaltung", die nach Aussage des Foreign Office eigentlich das Merkmal des Naziregimes gebildet hat, ist damit in Rumänien in die letzte Phaseeingetreten. Der Kreml hielt es an der Zeit, einer Komödie ein Ende zu bereiten und die Verwirklichung einer sowjerischenBalkanföderation ins Auge zu fassen.

In dem Königspalast von Sinaia, einer weißgekalkten, Nachbildung des -Schlosses von Versailles, die jetzt den Namen

"Präsidentschaftspalais"erhielt; Ist die oberste Gewalt der neuen, rumänischen "Volksrepublik" eingezogen: Ein fünfköpfiger Staatsrat, der nach: sowjetischem Muster die Punktionen ausübt, die in den älteren Republiken einem Präsidenten zustehen. Die kommunistische Regierung Gross wurde in ihrer alten Zusammensetzung bestätigt, und auch sonst verlief die Umwandlung in eine Volksdemokratie durchaus standesgemäß. Radio Bukarest verbreitete am Nachmittag des 30. Dezember die Abdankungs-Proklamation Michaels in Form einer – Sonder – meldung – in russischer Sprache. Während auf den Straßen die Menge spontan die Internationale anstimmte und in Hochrufe für das Sowjetvaterland und Schmähungen gegen die Monarchie ausbrach, billigte das Parlament selbstverständlich einstimmig – den Rücktritt des Königs und das, erstaunlicherweise Bereits am selben Tag. fertig ausgearbeitete Gesetz, das Rumänien als Volksrepublik konstituiert. Dem Moskauer. Sender gelang es sogar einen Kommentar. über die Stärkung der rumänischen Volksdemokratie zu übertragen; noch bevor die Abdankung Michaels in Bukarest bekanntgegeben worden war.

Die letzten Ereignisse, die ummittelbar zur Absetzung Michaels führten, haben: zweifellos während seiner Abwesenheit, als er zur Hochzeit der britischen Thronfolgerin gereist war, stattgefunden.Von London nach Bukarest zurückgekehrt, mußte er feststellen, daß sich hinter seinen Rücken entscheidende politische Vorgänge abgespielt hatten. Dabei ist es ihm sicherlich weit weniger schrecklich Vorgekommen, daß sich Rumänien bei den Paktverhandlungen mit Jugoslawien, Bulgarien und Ungarn im geheimen auch zu militärischen Hilfeleistungen an. die griechischen Aufständischen verpflichtet hatte, als daß inzwischen sein? Leibgarde. durcheinen kommunistischen Polizeikordon und 10 Generale und 160 Offiziere der Armee durch kommunistische Parteimitglieder ersetzt, worden, waren. Moskau hatte außerdem mit aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben, daß eine Heirat mit der 24jährigen französisch-dänischen Prinzessin Annevon Bourbon-Parma unerwünscht sei. Ein sowjetischer Satellitenstaat mit einer königlichen Familiewäre eine Abnormität gewesen. Michael, so dekorativ. er sich drei Jahre lang gemacht hatte, mußtegehen.

Das aber, um mit Talleyrand zu sprechen, war kein Ereignis mehr, es war. nur noch eine Nachricht. Denn dieser König, von dem selbst ergebene Monarchisten nicht viel mehr zu berichten wissen, als daß er ein ausgezeichneter Autofahrer und Sohn einer klugen und energischen Mutter sei, war seit dem Sommer 1945, in dem er den ersten und letzten Versuch unternahm, der Kommunistischen Regierung Gröza Einhalt zu gebieten, von allen, politischen Geschäften isoliert. Nicht einmal mehr die Gesetze trugen seinen Namenszug. Nachdem er überdies überzeugt, war, daß London und Washington ihn, wie auch entschiedenere Kommunistengegner in der sowjetischen Einflußsphäre fallen gelassen hätten, erkaufte er sich Freiheit und Kopf durch eine Unterschrift unter eine wohlformulierte Abdankungserklärung.

Wenn dennoch, fast die gesamte westliche Presse beginnt, das hohe Lied von einem vertriebenen Märtyrer hinter dem Eisernen Vorhang zu singen, und das britische Außenministerium und offizielle amerikanische Kreise dieantifaschistische – Rolle Michaels während des Krieges betonen und unvergessen heißen, so sollte man doch daran denken, daß es ebenfalls ein führendes amerikanisches Blatt war, das sich wenige Nummern zuvor beeilt hatte, als erstes einem anderen, von seinem Volk ins Exil verbannten König nach seinem Tode jegliche staatsmännische Klugheit und jeden Charakter abzusprechen. Die westlichen Regierungen übergingen mit Stillschweigen das Verscheiden Victor Emanuels III von Italien, der Hitler-Deutschland immerhin zu einer Zeit den Krieg erklärt hatte, da Michael von Rumänien noch keinen Leninorden trug, sondern hinter dem Steuer seines luxuriösen BMW und seines Mercedes saß – beides Freundschaftsgeschenke von Hitler und Göring. Und man könnte auch daran denken, daß ein zweites Staatsoberhaupt des Balkans, Prinzregent Cyril von Bulgarien, bereits 1943 an die Seite der Alliierten trat und doch einige Monate, später, von einem Volksgerichtshof verurteilt und durch Genickschuß beseitigt wurde, ohne daß die Welt davon Notiz nahm. Damals allerdings unterzeichneten die Groß-, mächte noch gemeinsame Abkommen und bemühten sich, einen Krieg zu Ende zu führen. C. J.