Er macht den Eindruck eines schottischen Landedelmanns, ist lang aufgeschossen und etwas dürr, und in seinen Gesichtszügen ist eine Nobilität, wie man sie vielleicht bei den Repräsentanten seines Berufs kaum vermuten sollte. Er ist Endfünfziger und hat den beziehungsvollen Namen – Hütwohl. Er hütet nämlich das dreihundertjährige Erbe seiner Weinhändlervorfahren. Wissen und Erfahrung von elf Generationen trägter unauffällig mit sich herum. Sprache und Klangfarbe verraten das Mosel fränkische, und wenn er einen betrachtet, tut er es genau und manchmal durchdringend, mit einem Schuß hintergründiger Distanz. Er ruft in den Hof: "Jakob, bitte, aus Fach, neununddreißig–zwei eine Flasche." Und Jakob bringt. "Sie müssen alleine, trinken", sagt Herr Hütwohl, "ich habe heute morgen schon – hundert Weinproben hinter: mich bringen müssen..."

Ein hochgerühmter Jahrgang funkelt im Pokal gelb und goldig. Da erscheint Jakob, wieder im Türrahmen und sagt: "Bitte, Herr Hütwohl, ein. Herr von der Militärregierung ist im Büro." Der Herr, von der Militärregierung hat vielleicht einen Deblockadeschein vorzuweisen fürs, Offizierskasino in Koblenz oder in Boppard, wo man nur allerbeste Kreszenzen trinkt

Wir vergaßen zu sagen, daß wir uns momentan in Bacharach befinden, ganz nahe, bei unserer lieben Jungfrau Loreley, genau: in Steeg hei Bacharach, im Steegertal, wo die Rieslingrebe wächst. Es ist ein historisches Tal. denn hier zogen die Heineschen Grenadiere, die nicht Weib noch Kind schierte, gen Frankreich und ließen die Köpfe hängen. Hinterher kam, vom jenseitigen Kaub übergesetzt, – der alte Schnauzbart Blücher. Und demgemäß heißt die Straße durchs. Steegertal zum Hunsrück noch heute Bliicherstraße. Genau genommen, müßte selbige Straße jetzt Eisenhowerstraße heißen denn der General Eisenhower kam mit seinen Panzern später hier über den Hunsrück gefahren, und vor ihm her türmten nunmehr andere Soldaten und ließen ihrerseits die Köpfe hangen.

Ach, du schönes Wiedersehen mit Bacharach Anno Domini 1948. Der hochberühmte Wein tut seine Wirkung, wir wollen es gern gestehe Es fielen uns gewiß, gute Sachen ein, die man für die Zeitung zurechtmachen könnte, wenn nur der Wein nicht war ... Zwei Bussarde segelten oben. Ja, und was wäre sonst der Bemerkung Wert? Niemals seit hundert Jahren hat der Rhein einen solchen Niedrigwasserstand gehabt. Die Schiffahrt war eingestellt. Die Kähne lagen auf Grand. Die sieben Felsenjungfrauen, wie die Leute hierzulande die Hungerfelsen nennen, saßen monatelang sündhaft nackt im Strombett, und die Heinesche Jungfrau mit goldenem Kamme schaute ihnen von oben zu, wie eine Lyzeumslehrerin ihren Schülerinnen Dafür ist inzwischen das Hochwasser gekommen.

Wir sind leider vom Thema abgekommen. Das macht die hochberühmte Kreszenz, die vor uns steht. Herr Hütwohl sagt: "Der 47er wird ein guter Wein; freilich keine ‚Kanone‘, kein Jahrhundertwein, kein Kometenwein, aber er wird ein guter Wein, ja, gut wird er. Er muß schnell auf die Flaschen und wird kurzlebig sein. Er wird kein schwerer Wein, weil die Rebe wegen der Trockenheit aus dem Boden nichts realisieren konnte. So bis 90 Grad Oechsle haben wir genessen. bei Spitzen sogar 100 nach die Staatliche Weinbaudomäne in Kreuznach, bei Trockenbeerenauslese sogar 200 Grad. Bitte, trinken Siel" Herr Hütwohl schmunzelte. Wohlsein.

Blockiert ist er. Etwa to v. H. stehen dem Winzer zum Eigenverbrauch zu. Für die Besatzungsbehörden ist er Devisenbringer. Mit Gott und dem Teufel wird kompensiert, selbstverständlich. Die Besatzung zahlt in der Pfalz 2 Mark, in Rheinhessen 2.20 Mark und am Nittelrhein und Mosel 2.50 Mark pro Liter. Bitte vergessen Sie das Trinken nicht!" Wohlsein!