Gegen den Direktor der Verwaltung Wirtschaft, Dr. Semler, wurde vor kurzem meiner Reihe von Blättern schwere Anwürfe erhoben. Sie gingen alle auf die Behauptungen eines rheinischen Blattes zurück, die zum Teil scheinbar gravierend, zum Teil augenfällig geschmacklos waren. Denn das Nachrechnen der sogenannten Repräsentationszigarren bleibt auch in unseren reduzierten Lebensverhältnissen eine peinliche Beflissenheit, ebenso, wie das Intefesse für die Qualität des Büroteppichs oder für die Frage, ob-einem Angestellten der bizonalen Zentralbehörden in sein unmöbliertes Strohwitwerzimmer von Amts wegen ein Bett oder, eine Couch hineingestellt werden soll. Mit solchen Erwägungen wird stark an Ressentiments appelliert, wie sie, unter dem Vorwand des empörten Sparsamkeitssinnes, schon vor fünfzehn Jahren wachgerüttelt Wurden, als man den kleinen Mann vor die Klubsessel einiger Krankenkassendirektoren führte, um ihm so den vermeintlichen Mißbrauch seiner Monatsbeiträge zu demonstrieren. Noch peinlicher, weil in den Bereich der politischen Denunziation hinübergreifend, ist die Anspielung auf das geheimnisvolle Dunkel, das angeblich über dem Pariser Aufenthalt Dr. Semlers in den Jahren 1940 bis 1944 liege, das aber dann rasch durch die Feststellung aufgehellt werden konnte, daß er in jener Zeit gar nicht in Paris gelebt hat, daß also weder von einem Dunkel noch von einem Geheimnis die Rede sein kann, es sei denn von dem Geheimnis, woher der Verbreiter der Nachricht seine dunkle Information hatte

Zu den scheinbar gravierenden Bezichtigungen, gehört die der Ausnützung einer amtlichen Befugnis zur Forderung privater Interessen (Betrauung der Deutschen Waren-Treuhand AG mit der Kontrolle der aus amerikanischen Armeelagern übernommenen Warenlieferungen). Der Vorwurf wurde wie die übrigen vom Hauptausschuß des Wirtschaftsrates genau geprüft und als unwahr und "auf haltlosen Kombinationen beruhend" zurückgewiesen. Begründet wurde das Untersuchungsergebnis vor dem Plenum des Wirtschaftsrates von dem Abgeordneten Schöttle, dem Vorsitzenden der sozialdemokratischen Fraktion, im Wirtschaftsrat, also einem Mann, der gerade bei jenem Teil der Blätter, die die Vorwürfe. gegen Dr. Semler mit solchem Eifer abgedruckt hatten, gewiß nicht in dem Verdacht einer Beeinflußbarkeit steht, die hier eine Rolle spielen könnte. Nicht einmal seine parteipolitischen Gegner können Schöttle einen stark ausgeprägten Sinn für Fairneß absprechen, die ihm gerade in heiklen Situationen eine verläßliche Richtschnur seines Handelns ist. Die Vollversammlung des Wirtschaftsrates wies, dem Antrag des Hauptausschusses entsprechend, die Presseangriffe gegen Direktor Semler zurück.

Und damit, würde sich jedes weitere Wort über die Affäre erübrigen, hätte man nicht aus ihr Schlüsse zu ziehen,, die unserer Entwicklung zur Demokratie förderlich sein konnten. Das Recht; Personen und Zustände des öffentlichen Lebens öffentlich zu kritisieren, sollte mit dem verpflichtenden Ernst einer wohlverstandenen Aufgabe, nicht mit der launenhaften Willkür einer falschverstandenen Freiheit ausgeübt, werden. Disziplinlos gebraucht; diskreditiert das freie Wort nicht nur sich selbst, sondern auch das politische System, durch das es ermöglicht wird. Wir haben das schon einmal erlebt. Damals waren viele, über den Lärm der parteipolitischen Selbstsucht verärgert, und sie. waren daher nur allzuleicht geneigt, den täuschenden Worten des Tyrannen zu trauen, der unterdem Vorwand, ihren Mißbrauch abzuschaffen, die freie Meinungsäußerung selbst in den privatesten Bezirken bedrohte.

Wer gegen einen Mann in hoher Stellung so schwere Vorwürfe erhebt, wie sie gegen Dr. Semler vorgebracht wurden, hat die Pflicht, sich genau zu informieren, bevor er solches Mißtrauen sät. Nur wenn ihm die dafür zuständigen Stellen die verlangte Auskunft verweigern, dann allerdings-ist er nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, die Angelegenheit vor das Forum der Öffentlichkeit zu ziehen, damit dort festgestellt werde, ob seine Informationen zutreffen oder nicht. Soweit wir aber unterrichtet sind, Wurde in diesem Falle ein solcher Informationsversuch nicht unternommen. Nur allzu leicht sind die Menschen geneigt, von einem anderen, gar von einem, den sie vielleicht beneiden, lieber das Schlechte als das Güte zu glauben. Es ist billig gerade diese Instinkte anzurufen. Leider bleibt auch noch von der "haltlosesten Kombination" gewöhnlich etwas hängen, gerade deshalb ist die Spekulation darauf verwerflich. Es gehört zu den Spielregeln der Demokratie; dem, Gegner eine Chance zu geben. Hier haben wir noch manches zu lernen. Nur der Fanatisierte wünscht sich lieber einen Mißerfolg der Sache, die auch die seine ist, als einen Erfolg des Repräsentanten dieser Sache, der nicht der seine ist. – Die bitteren Erfahrungen, die wir mit diesem Fanatismus gemacht haben, sollten uns zu denken geben.

Robert Strobel