Von Stefan Andres

Gabe ich ihm nicht, wie alle Nachbarn es tun, die zärtliche Verkleinerungsform und sagte statt Michelino Michele, beging ich an ihm ein Unrecht, wiewohl er ein erwachsener Mann und der Vater von elf gesunden, emsigen Kindern ist. Wenn ich "erwachsen" sage, soll man sich darunter weder innerlich noch äußerlich zuviel, vorstellen, denn er lacht noch immer ganz wie einer seiner Söhne und ist nicht größerals sie, und sie sind alle Knirpse, aber ihrer viele, wie gesagt.

Er wohnt im letzten Haus vor dem Friedhof, ich im zweitletzten, und mithin sind wir Nachbarn. Eigentlich weiß ich nicht viel über ihn, denn er ist, wie seine ganze Familie, die Diskretion in Person. Nur an Sonntagabenden, wenn ich zufällig einmal in den Ort gehe, kann ich ihm begegnen,wenn er bereits nach Hause strebt – mit einemkleinen Räuschlein, nicht beladen, sondern, ich möchte sagen: versehen. Mit einem kleinen, jawohl; das genau zu ihm paßt, denn alles an ihm. ist klein: die Beine, die Anne, die Äuglein, sogar der Schnurrbart, der zwar hängt, wer gestutzt in kleine Spitzen ausläuft. Und dann grüßt er freundlich und erschöpfend, aber auch jetzt noch diskret, und niemals würde er mir, wie sein Zechkumpan, der Totengräber Luka, es tut, die Flasche anbieten, er führt nie eine bei sich. Außerdem, seine Frau duldete das gewiß nicht, daß er es so unmäßig unterwegs noch und bis ins Haus hinein triebe. Aber jeden Sonn- und Feiertag eben dieskleine Räuschlein heimzubringen, das gestattet sie ihm doch, offenbar weil es ihr wie der Kirchgang morgens zum Bilde des Sonntags gehört. Hätten wir doch – wir, die Nachbarn, – den Sonntag nicht ganz voll, wenn nicht Michelino auf diese bestimmte Weise nach Hause käme: zeitig, fröhlich und noch mäßig in der Unmäßigkeit.

Von meiner Terrasse her kann ich dann sehen, wie er, sein Pfeifchen rauchend, aufs Meer schaut. Vielleicht steht einer der Söhne bei ihm, nie seine Frau oder die Tochter. Das ist mir aufgefallen, und ich halte darum sein Dastehen für ein Rituell, für eine Art von stumm heiterem lie missa est, das er dem schönen Sonntag gibt, der scheidenden Sonne, dem Abendwind, den Wellen, den Oliven, den Vögeln, die übrigens zwitschernd in diesemAugenblick dabei sind, auf ihre Weise dasselbe zu tun wie Michelino.

Dies kleine Bäuerlein gehört für mich zu den glücklichsten Menschen, die ich je kennenlernte. Er hat eine fleißige, saubere, emsige Frau, die man fast nie sieht. Oft überlegen wir, meine Frau und ich, ob der Michelino unter dem Pantoffelsteht: meine Frau sagt ja: weil er so fröhlich sei, ich sage; nein, weil Rosalie so fröhlich ist, und überhaupt alle, in diesem Hause! Aber wer kann das Wissen. Ich glaube, Weder Michelino noch Rosalie haben je einen Gedanken an diese Frage verschwendet. Sie lieben sich, das beweisen ihre winzigen, wimmelnden Früchte, die immer lautlos irgendwohin unterwegs sind

Michelinos Söhne gleichen einander alle wie die Bohnen. Einst brachte mich einer in dunkler Nacht vom Monte Pertuso – ich hatte wohl ein halbes Dutzend von Michelinos winzigen Sonntagsräuschlein zusammengekoppelt in einen Festrausch – und ich hatte den Namen des Jungen noch am andern Tag in Erinnerung. Aber wer war nun eigentlich Agnello, mein kleiner Bergführer? Ich habe Jahre gebraucht, es halbenwegs festzustellen, aber manchmal frage ich noch heute einen aus der Schar, wenn wir ein paar. Schritte zusammenmachen: "Weißt du noch, damals, als du mich vom Monte Pertuso so schön führtest!" – "Das war doch Agnello!", lacht der Bursche. – "Und du?" – "Ich bin Francesco", oder er sagt: "Ich bin der Cicillo!" Und da habe ich’s aufgegeben undgrüße seither einfach jeden mit Agnello! Und das nimmt mir keiner für übel, denn alle sind ein Herz und eine Seele.

Michelino muß wirklich sehr glücklich sein, aber wie alles wahrhafte Glück zieht auch das des Michelino den Schleier des Unscheinbaren vor sein Gesicht. Die Parzen finden ihn nicht.