Von Kurt Westphal

File Städtische Oper, Berlin, führte "Jeanne, d’Arc auf dem Scheiterhaufen" erstmalig in der szenischen Fom auf, in der sich ihre Schöpfer Paul Claudel und Arthur Honegger ihr Werk- vorgestellt haben. Jeanne d‘Arc" ist der erneute Versuch Claudels, einen geschichtlichen Stoff in die Form eines Mysterienspiels zu kleiden, das die Geschenisse gleichzeitig aus der Perspektive ihres geschichtlichen hie et nunc wie aus der der Nachwelt und der aeternitas zeigt. Die Gestalt Johannas, ihr Wert und ihr Unwert, wird gleichzeitig in den Spiegeln des geschichtlich-irdischen und des göttlichen Gerichts reflektiert. Und dazubedient sich Claudel des "Bruders Dominik", aus dessen Buch, das die Geschichte von Johannas irdischem Prozeß enthält, die Stimmen der Welt laut werden, bis sie Von denen "von oben" übertönt werden. Die Irdischen – Fürsten, Priester und das Volk – nennen sie Hexe, – Bestie, Ketzerin, Abtrünnige, aller Welt ewige Feindin. Die Himmlischen, angeführt von den Heiligen Katharina und Margarete, rufen sie Tochter von Gott, bis sie verstärkt werden durch dieKäfer Jeanne, neuerstandenerPhönix, Glut vom überirdischen Feuer,ein heilig Licht in Frankreichs stolzer Mitte. Aus diesen allgemeinen Grundgedanken ergibt sich der szenischeAufbau. Er zeigt eine Art gotischen Chorraum, in – dessen Seitenemporen? links und rechts, zwiefach übereinander gestaffelt der Sängerchor in kuttenartigen Gewändern verharrt. Die räumliche Chortiefe bildet ein nischenartiger Ausschnitt, in dem oberhalb einer Türöffnung die Heiligen Margarete und Katharina und über ihnen die heilige Jungfrau erscheint. Den Mittelgrund füllt der Holzstoß mit dem Wahl, an den Johanna, gekettet ist.

Zu Beginn liegt Dunkel über dem Bild, wie über der Erde, bevor Gott das Lichtschuf – ein Dunkel, so will es Claudels Vergleich, das zugleich ein Dunkel der irdischgebundenen Seelen der irrenden Menschen ist. Am Schluß erstrahlt die himmlische Welt, die Madonna mit den Heiligen, in voller Glorie. Zwischen der Nacht des Irrtums am Anfang und der Apotheose am Schluß liegen als einzelne szenische Bilder die Stationen von Johannas Erdenwallen, die – so ist es offenbar gemeint – in der Erinnerung Johannas neu erstehen: der Prozeß, den ihr die Dummheit macht, das Spiel der Könige, die sie fallen ließen, der Einzug des Dauphin in Reims und ihr eigener Auszug aus dem heimatlichen. Tal in Domremy zur Maienzeit.

Das alles übt in seiner Bildkraft, in seiner Umkleidung mit Pantomime und Musik, mit gesprochenem und gerauntem Wort, mit gesungenem und gesummtem Ton, mit lateinischer und deutsehet Sprache eine zunächst packende Wirkung, die das leicht zu verlockende Gemüt bis zum Schluß betörtund dem ruhig-kritischen Verstand verwehren will die Substanz von dem farbigen Abglanz zu trennen. Wasliegt hinter ihm? Ein Gedankenspiel,das nicht neu ist (und. das Claudel in ähnlicher Form schon in seinem "Christoph Columbus", der mit der-Musik von Milhaud 1931 in der Berliner Staatsoper in einer ebenfalls glänzenden. Aufführung herausgebracht wurde, erprobt hat). Eine Verspottung der irdischen Justiz, die mit den Mitteln einer höchst primitiv schwarzweiß zeichnenden Persiflage – die Richter sind alsSchwein, Schaf und Esel symbolisiert – vorgenommen wird. Auch der Einfall, die Fürsten dieser Welt als marionettenhaft bewegte unfreie Könige eines Kartenspiels zu symbolisieren, die beliebig gemischt werden können, ist nicht kraftvoll genug, ebensowenig wie die Personifizierung von Wein und Brot durch die Gestalten des Vater Mühlenwind und der Mutter Weinfaß. Auch ist das gesprochene Wort oft starr und bliebe wohl ohne Atmosphäre, schüfe die Musik Honeggers das Werk nicht neu. Honegger hat sich seit seinem Psalm "König David" (1921) und dem biblischen Drama "Judith". – grundsätzlich gesehen – nicht weiterentwickelt. Seine Musik nutzt heute wie je in reichstem Ausmaße alle Stilmittel, die sie zur beabsichtigten künstlerischen Wirkung braucht. Sie ist zum Teil nicht mehr als stilisierte Geräuschkulisse mit massiert – angesetzter Akkordik und heftigen Sekundreibungen, erzeugt von einem Orchester, in das neben Klavier und Celeste auch das Trautonium (ein elektromagnetisches Tonerzeugungsgerät, das den französischen Ondes Martenot entspricht) seine heulenden, kreischenden und dröhnendem Töne mischt. Der Chor singt polyphon, homophon, unisono, ist auf kurze Strecken in Gruppen geteilt und einmal auch summend verwandt. Die Sologesänge bewegen sich, besonders bei lateinischen Texten, nach Art melismierender Gregorianik oder einfachster Liedgesänge. Aber gerade in diesen hat Honegger seine schönsten Eingebungen, so in den Chorliedern "Willst zur Mahlzeit du ’nen Fladen", in dem tänzerisch derben "Singt dem Kinde.", in den elegischen Kinder- – liedern "Wir kommen vom grünen Feld" und "‘s ist der Mai". Das Orchester bleibt im wesentlichen untermalend, doch drängt es immer wieder zu selbständigen Formen vor. Die Dummheit der Richter-Tiere wird durch plumpe Jazzrhythmen, die höfische Welt der Kartenspielfürsten durch eine bezaubernde Gavotte, über der ein Hauch des Geistesder französischen: Clavecinisten, liegt, charakterisiert.

Die Aufführung der Städtischen Oper, musikalisch von Robert Heger, szenisch von Werner Kelch geleitet, war bis auf die schwächere Kartenspiel-Choreographie außerordentlich eindrucksstark. Herrlich Käthe Braun mit dem kindhaft hellen, erschreckten Ton, wenn sie sich ihren Widersachern gegenübersieht, als Johanna, und Hansgeorg Laubenthal als Bruder Dominik (beide sind Sprechrollen): Neben ihnen hat die größte und anspruchsvollste Partie der Chor, der von Ernst Senff einstudiert war.