Die zu allen Zeiten gefürchteten kriegerischen Stämme der North-Western-Frontier – jener wilden und unzugänglichsten Berglandschaft dieser Erde –, Stämme, die noch in keiner Epoche der Weltgeschichte je zivilisiert wurden, sind in Bewegung geraten. Die Engländer haben um dieses Gebiet, das zwischen Afghanistan und dem Industal liegt, gegen Indien abzuschirmen, während der letzten zwanzig Jahre dort ein weitverzweigtes, modernes Verteidigungssystem errichtet. Die einzelnen vorgeschobenen Festungen – das ganze Gebiet liegt im Bereich des neuen Staates Pakistan – sind während der letzten Wochen geräumt wordenund liegen nun verwaist wie mumifizierte Recken in den einsamen Gebirgszügen; für die wilden Stämme der Waziris und Afridis eher ein Beweis der Schwäche des neuen Staates Pakistan als seiner brüderlichen. Friedfertigkeit.

Scheich Abdullah, das Haupt der Kaschmirverwaltung, hat kürzlich bei Besprechungen mit Vertretern von Indien und Pakistan in New Delhi angegeben, daß augenblicklich zwischen hunderttausend- und zweihunderttausend Angreifer, die sich vornehmlich aus der North-Western-Frontier rekrutieren, auf pakistanischem Boden ständen, um in die Kämpfe in Kaschmir einzugreifen. Der Konflikt begann im Oktober, als die Erklärung des Maharadschah von Kaschmir seinen Staat der Indischen Union anzugliedern, von dieser akzeptiertwurde. Ein Aufstand unter den moslemischen Offizieren und Soldaten Kaschmirs war die sofortige Reaktion, und selte bald drangen mohammedanische Kriegerstämme in Kaschmir ein, um die Unabhängigkeit. der Mohammedaner, die immerhin 80 v. H. der gesamten Bevölkerung ausmachen, gegen den Beschluß seines hindustanischen Herrscherhauses zu verteidigen. Der Indischen Union, die sofort modern ausgerüstete Truppen und Flugzeuge entsandte, gelang es im Anfang, die Eindringlinge wieder zu vertreiben, aber bald darauf wandte sich das Blatt, und unter Beihilfe der einheimischen Bevölkerung nahmen die kriegerischen Auseinandersetzungen immer schärfere Formen an und haben sich seit dem 24. Dezember zu regalären Schlachten entwickelt Das einzige, was einstweilen feststeht, ist wohl dies, daß die kriegerischen Stämme, gleich ob als Sieger oder Besiegte, zum erstenmal mit automatischen Waffen ausgerüstet von dieser Unternehmung in ihre unkontrollierbare Bergwelt zurückkehren werden.

Pandit Nehru hat den Sicherheitsrat gegen Pakistan angerufen, das zwar nicht selber in die Kämpfe eingegriffen hat, aber immerhin den Durchzug seiner kriegerischen mohammedanischen Stammesbrüder nach Kaschmir duldet. Pakistan befindet sich in einer äußerst prekären Lage: von der Indischen Union beschuldigt, den Krieg in Kaschmir zu schüren und von den vereinigten Mohammedanern des Indischen Raumes kritisiert, fast schon verachtet, weil es sich nicht bedenkenlos in direkter Intervention für die Sache des Islams in Kaschmir einsetzt. Wenn Pakistan in Kaschmir, vorbehaltlos gegen die Indische Union Stellung nimmt, so würde das zweifellos das Fanal zum Bürgerkrieg sein, wenn es sich aber ganz von diesem Kriegsschauplatz zurückzieht, so läuft es Gefahr, daß diefanatisierte North-Western-Frontiervon Pakistan abfällt. Schon heute entfaltet der Fakir von Ipi, das Haupt der Waziris, der von Afghanistan gestützt und von Belutschistan begünstigt wird, eine gewisse Propaganda für einen neuen Staat "Pathanistan", durch dessen Gründung Pakistan zur Lebensunfähigkeit verdammt werden würde. Fürwahr, es ist kein leichtes Problem, vor das der Sicherheitsrat gestellt ist.

Dff.