Als der amerikanische Präsident im Frühjahr 1947 die sogenannte Truman-Doktrin verkündete, in der die USA-Regierung großzügige Finanzhilfe für die Länder zusagte, die vom totalitären Kommunismus bedroht werden, war zum erstenmal klar, daß Griechenland und die Türkei, die in der Tru- – nun-Botschaft genannt waren, als Eckpfeiler des politischen und militärischen Verteidigungssystems der Westdemokratie eine entscheidende Funktion in dem Konflikt zwischen West und Ost erhalten würden. Seither wogte der Bürgerkrieg im Norden Griechenlands, begleitet von einer zeitweisen hysterischen propagandistischen Auseinandersetzung, hin und her. Er ist jetzt mit der Errichtung einer bolschewistischen Gegenregierung desmilitärischen Führers der aufständischen Kommunisten, General Markos, in eine neue und vielleicht entscheidende Phase, getreten. Gleichzeitig mit der Regierungsproklamation der Gegenregierung unternahmen die – Aufständischen einen Angriff auf die dicht an der albanischen Grenze liegende Stadt Konitza. Damit hat sich der kämpfende Kommunismus zum erstenmal in offener Schlacht gestellt; und es sieht nicht so aus, als ob die Regierungstruppen in der Lage wären, die ausgezeichnet bewaffneten Angreifer entscheidend zu schlagen. Aber nicht nur an der albanischen Grenze sind die Aufständischen militärisch aktiv. Seit mehreren Monaten schon unternehmen sie immer wieder Angriffe in allen Teilen Griechenlands. Nach offiziösen griechischen Schätzungen betragen die Truppen der Guerrillas in Nordwestgriechenland 10 000 Mann. 7000 Aufständische sollen in Mazedonien und Thrazien und 2000 in den restlichen Gebieten des Landes tätig sein.

Die Unterstützung, welche die Vereinigten Staaten und Großbritannien bisher der legalen Athener Regierung in ihrem Existenzkampf gewährt haben, ist beachtlich. Die USA-Dollarkredite wurden vor allem für die Bewaffnung der Armee verwandt; eine amerikanische Militärmission ist entscheidend an der Reorganisierung der griechischen Armee beteiligt. Als eine indirekte Unterstützung der USA muß auch die Anwesenheit amerikanischer Kriegsschiffe in griechischen und italienischen Gewässern gewertet werden. Die letzten Meldungen aus Washington besagen, daß den Flotteneinheiten neuerdings Marineinfanterie zugeteilt wurde. Großbritannien seinerseits hält 5000 Mann Truppen in Griechenland, die zwar an der Bekämpfung der Aufständischen zurzeit nicht teilnehmen, aber allein durch ihre Anwesenheit eine nicht zu unterschätzende moralische Hilfe darstellen."

Ein wesentlicher Bestandteil der Regierungsproklamation der Aufständischen war die Feststellung, daß die Regierung des .Generals Markos es als die vordringlichste Aufgabe ansieht, freundschaftliche Beziehungen zu der Sowjetunion und den "Volksdemokratien" Südosteuropas herzustellen. In Washington und London hat das starke Beachtung gefunden und eine’scharfe Reaktion hervorgerufen. Das Weiße Haus und das Foreign Office erklärten amtlich, daß eine formelle Anerkennung der Markos-Regierung durch einen der südosteuropäischen Staaten als eine schwere Bedrohung des Friedens anzusehen sei. In diplomatischen Noten haben die USA und Großbritannien mitgeteilt; daß sie sich in einem solchen Fall zu Schritten bei der UNO veranlaßt sehen würden.

Es erhebt sich allerdings die Frage, was die Vereinten Nationen – im Falle eines solchen Schrittesfür Maßnahmen ergreifen werden, angesichts der Tatsache nämlich, daß die UNO-Vollversammlung Jugoslawien. Albanien und Bulgarien bereits im Oktober vergangenen Jahres der Einmischung in die inneren Angelegenheiten Griechenlands" für schuldig befunden hat. Diese Feststellung wurde in einer Form getroffen, die an Schärfe nichts zu. wünschen übrig ließ. Sie enthält nämlich alle Definitionen des Angreifers im juristischen Sinne und entspricht den Feststellungen des Nürnberger Internationalen Gerichtshofes über den Begriff eines "verbrecherischen Angriffs". Um so mehr scheint, die Tatsache, daß die Unterstützung der Rebellen durch ihnen freundlich gesonnene Mächte anhält, ein Zeichen dafür zu sein, daß die Verurteilung der UNO wenig praktischen Erfolg .hat; und daß man in Moskau, Belgrad, Sofia und Tirana nicht annimmt, die Westmächte würden darüber hinausgehende ernsthafte praktische Maßnahmen folgen lassen. Man könnte daraus schließen, daß alles so weiterlaufen werde wie bisher; die Westmächte, würben dann weiter mit scharfen Protesten aufwarten und es an Warnungen nicht fehlen lassen; die Protektoren der Rebellen – da auch sie nicht daran interessiert sind, durch grenzenlos^ Herausforderungeneinen offenen Weltkonflikt herbeizuführen – in ihrer Hilfe nur bis an die Grenze gehen, die sie für die Westmächte noch für tragbar halten. Auf diese Weise würde die Auseinandersetzung in Griechenland dauernd im Fluß gehalten werden.

Es darf aber nicht übersehen werden; daß die Errichtung der kommunistischen Rebellenregierung nicht nur eine praktische Bedeutung, an Ort und Stelle hat, sondern offenbar ein Mittel der großen Oststrategie darstellt, durch das man prüfen will, wie weit der Kommunismus politisch vorstoßen kann, ohne daß die Provokation aus einem latenten Konflikt einen offenen macht Amerika hat mit der Truman-Doktrin im März 1947 ein donnerndes "Bis hierher und nicht weiter!" gerufen, Und es mag für die Sowjetdiplomatie jetzt brennend interessant sein, festzustellen, Was die Amerikaner unter dem "Nicht weiter" in Wirklichkeit verstehen. Insofern mag sich für sie die Errichtung der Markos-Regierung als durchaus lohnend erweisen. Denn es kann sehr gut so laufen, daß sich der ganze Vorgang in einem Zeitraum von ein paar Wochen propagandistisch abnutzt und zu einer gewohnten Tatsache wird, wodurch dann bewiesen wäre. daß sich das "Halt" der Truman-Doktrin ganz gut durchbrechen oder wenigstens umgehen läßt. Darüber, wird uns die nächste Zukunft belehren, Und trotz alledem verbirgt sich in dem permanenten griechischen Bürgerkrieg eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Denn in jedem Zeitpunkt, sei es auch den Großmächten noch so unerwünscht, kann daraus ein Weltkrieg entstehen, weil jeder südosteuropäische Satellitenstaat, ja jeder Bandenführer in den Bergen Mazedoniens oder Thraziens durch Provokation von Zwischenfällen die Lunte an das Pulverfaß legen kann, das die Aufschriften-"Frieden" und "Zusammenarbeit" trägt.

A. P. Bobew