DIe Zahl ist das Orientierungsmittel der Wirtschaft. Ihre häufigste Erscheinungsform in der Öffentlichkeit ist, die Statistik. Die Ziffern der Statistik beruhen entweder auf Schätzung, wozu vor allem Sachversand nötig ist, oder auf Zählung, Was vor allem buchhalterische Genauigkeit verlangt.

Das deutsche Volk und insbesondere die deutsche Wirtschaft erlebt eine im Laufe der letzten Jahrzehnte ständig steigende Flut von Bestandsmeldungen. Tätigkeitsberichten und sonstigen mit Zahlen auszufüllenden Fragebogen. In der Fülle dieses Materials fehlt, lediglich noch eine Statistik, nämlich diejenige, die die Statistiker über ihre eigene Tätigkeit anfertigen müßten. Über das Aussehen der dabei zu ermittelnden Kurve wird es keinen Zweifel geben. Noch zu Beginn des Jahrhunderts dürfte sie in tragbarer Höhe parallel zur o-Linie verlaufen, allmählich in zunehmendem Maße an Höhe gewinnen, während sie sich nunmehr in der Kriegs- und besonders in der Nachkriegszeit in steilem Anstieg in das Unendliche verliert Gleichzeitig müßte dabei festgestellt werden, daß man von der Methode der sachkundigen Schätzung fast Vollständig zur Methode der exakten Zählung Übergegangen ist, wodurch der Verlauf der Kurve zwar erklärt und entschuldigend begründet würde, die getroffene Feststellung aber nicht ausser Welt zu schaffen, wäre.

Jede Statistik soll zum Nachdenken anregen, wobei sich entsprechend dem bekannten Gesetz über den Fluch der bösen Tat ständig neue Statistiken ergeben. So auch in diesem Falle. Der bösartige Betrachter wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis Statistik und Sachverstand zueinander Stehen. Zur. eben erwähnten Kurve über die emsige Tätigkeit; der Statistiker zeichnet er im Geiste die Entwicklungslinie der Sach- und Fachkenntnis derjenigen, die unsere wirtschaftlichen Geschicke lenken. Sie verläuft nach seiner Ansicht genau umgekehrt und er beweist damit schlagend seine Feststellung: je mehr Statistik, umso weniger Sachverstand. Die weitere Schlußfolgerung aus/der statistischen Hochflut unserer Tage mag jeder dann selbst ziehen.

Vielleicht findet sich einmal der Historiker, der genau den Tag aufzeichnet, auf dem die Entscheidungen über die Lebensgrundlagen eines Volkes, nämlich seine Wirtschaft, aus den Handelskontoren und Industriebüros über Politiker, Verbandssyndici und Verwaltungsjuristen in die Schreibstuben der eigenen Militärs und schließlich in die Kommandozentralen siegreicher landfremder Generale gelangt sind. Um Mißverständnisse auszuschließen, seien an diesen Satz gleich die beiden Feststellungen angefügt, daß alles, was in früheren Jahrzehnten von Wirtschaftskapitänen gedacht und getan wurde, der Menschheit keineswegs nur Glück und Fortschritt gebracht hat, und daß ein Soldat, dessen-Handwerk nun einmal ’Strategie und Taktik ist, deshalb auf wirtschaftlichem Gebiet kein Ignorant sein muß. An der historischen Entwicklungslinie aber und der sich daraus ergebenden grundsätzlichen Beurteilung ändert sich dadurch leider nichts. Die Zahl ist kein wundertätiger Heiliger, sondern ein Arbeitsmittel, Und es beweist sich zum wiederholten Male, daß sie ein gefährliches Instrument ist, dessen Anwendung gekonnt "sein muß wie die Handhabung eines chirurgischen Messers. Das Arbeiten mit ihr erfordert zwei Eigenschaften, die im Grunde entgegengesetzter Natur sind: eine objektive, von umfassender Sachkunde getragene Nüchternheit und eine subjektive, der Kombinationsgabe eines Detektive" ähnliche Phantasie. Nur wer diese Gaben miteinander zu vereinen versteht, bleibt Herr der statistischen Geister, die er rief. Die Masse derer, die heute Zahlen: fordern und Statistiken fertigen, erinnern aber an den Zauberlehrling. Sie. fragt vieles in der Hoffnung, dann an den Kern der Dinge zukommen und ertrinkt dann hoffnungslos in der Flut des Materials.

Wenn aber zur Auswertung der Statistiken als Basis für die Entscheidungen auf allen Gebieten des Wirtschafts- und Verwaltungslebens Sachkenntnis unbedingt erforderlich ist, dann erhebt sich die Frage, warum nicht von vornherein zur Grundlage dieser Arbeit fachkundige Schätzungen gemacht werden, statt einer Fülle mühsam erfaßter Zahlen? Es wirddadurch nicht nur mit Bruchteilen des Arbeitsaufwandes ein gleiches Ergebnis erzielt, sondern auch erheblich an Zeit gewonnen. Solange aber die Wirksamkeit eines Entschlusses wesentlich von der Schnelligkeit abhängt, mit der er gefaßt und in die Tat umgesetzt wird, solange wird ein Heer von Statistikern mit seinen exakten Zahlen nie das ermöglichen, was Sachkundige mit wenigen grob geschätzten Ziffern erreichen.

Der Schlachtruf "Los von der Statistik mit ihren Fragebogen, Berichtsvordrucken und Meldeformularen! Zurück zur Schätzung!" erhebt sich und jeder, der in Wirtschaft und Verwaltung tätig ist, wird aus seinem Arbeitskreis mühelos. Beweismaterial für die Berechtigung dieser Forderung zur Hand haben. Wieviele Erhebungen tragen, noch heute die deutlichen Merkmale, Mobilmachungsunterlagen und Führungsmaterial für einen exakt arbeitenden Generalstab zu erstellen! Auch dieser Militarismus bedarf dringend der Abrüstung. Und wieviele statistische Doppelarbeit wird geleistet mit dem einzigen Ergebnis, daß ausgeruhte Köpfe in ihnen nach Differenzen suchen Und dann Rückfragen stellen, deren Tonfall von der fast schüchternen Feststellung eines Fehlers bis zum Brüllen’ eines Löwen reicht, der sich anschickt, seine Beute zu verschlingen. Das Ergebnis: neue Arbeit, neue Statistiken, neue Fehler – eine fürchterliche Kette ohne Ende. Die weltbekannte Examenswut des deutschen Volkes kennzeichnete Ranke einmal, durch die Formulierung "die eine Hälfte des deutschen Volkes ist ständig damit beschäftigt, die andere Hälfte zu prüfen". Was die Statistik in der Wirtschaftsverwaltung, betrifft, so ließe sich dieser Ausspruch abwandeln durch die Feststellung, daß die eine Hälfte der Beamten mit statistischen Meldungen, Hundtragen und Berichtigungen beschäftigt ist, damit die andere Hälfte die Dinge bewirtschaftet, die es ohnehin nicht gibt.

Niemand wird den Wert und die Notwendigkeit fach- und sachgerechter Statistik bestreiten. Verlangt wird für sie lediglich die Anwendung des wirtschaftlichen Grundsatzes, daß Aufwand und Ertrag in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen müssen. In einer Zeit, in der die forderung des Tages lautet; so billig wie möglich zu verwalten, ist es nicht zu verantworten, daß unendliche Arbeitsmühen zu Ergebnissen führen, die nicht nur mit Null zu bewerten sind, sondern gefährlichen negativen Charakter haben.